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UN-Bericht über Migranten und Binnenflüchtlinge : 67 Millionen Menschen auf der Flucht

Rettung, Aufnahmelager, Rückführung: Afrikanische Bootsflüchtlinge auf den kanarischen Inseln Bild: dpa

Das Wetter im östlichen Mittelmeer ist in diesen Tagen gut. Und so wagen wieder hunderte illegaler Einwanderer die gefährliche Schifffahrt nach Europa. Ende 2007 waren weltweit 67 Millionen Menschen auf der Flucht, berichtet das UN-Flüchtlingshilfswerk.

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          Das Wetter im östlichen Mittelmeer ist in diesen Tagen gut. Hunderte illegaler Einwanderer machten sich seit dem Wochenende auf die gefährliche Schifffahrt nach Europa: Seit Sonntag griff die Küstenwache vor den griechischen Inseln in der Ostägäis 170 Menschen auf, vor Malta waren es 140 - sie waren am Leben, während bisher nur wenige Leichen der etwa 150 Passagiere eines überfüllten Bootes gefunden wurden, das auf dem Weg von Libyen nach Italien vor einer guten Woche gesunken war; nach Informationen des ägyptischen Konsuls in Tripolis, Adham Hilal, gab es nur zwei Überlebende.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Längst können die Aufnahmelager an den europäischen Küsten des Ansturms kaum noch Herr werden: In Griechenland kamen nach Angaben der Regierung im vergangenen Jahr 112.364 Einwanderer an, in Italien 19.900; 471 Personen kamen vor den italienischen Küsten ums Leben oder sind vermisst. Die Gefahren scheinen aber kaum jemanden abzuschrecken. In Libyen spricht die Polizei von mindestens einer Million illegaler Migranten im Land. Das wäre ein Fünftel der gesamten Bevölkerung. Nach Ansicht von Fachleuten wartet ein großer Teil von ihnen nur auf eine Gelegenheit, nach Europa überzusetzen.

          Ein neuer Anstieg der Flüchtlingszahlen

          In den vergangenen Tagen waren es vor allem Afghanen, Iraker, Somalier und Sudanesen, die von den europäischen Küstenwachen aufgegriffen wurden. Ihre Herkunftsländer führen auch die Liste der Staaten an, aus denen nach neuen Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR im vergangenen Jahr die meisten Menschen vor Konflikten und Gewalt flohen. „Nach einem Rückgang der Flüchtlingszahlen zwischen 2001 und 2005 beobachten wir seit zwei Jahren wieder einen Anstieg, und das macht uns Sorgen“, sagte der UN-Flüchtlingshochkommissar António Guterres, als er die Jahresstatistik für 2007 vorstellte.

          Festgenommene afrikanische Bootsflüchtlinge am Strand nahe Almeria, Spanien

          Das UNHCR zählte auf der ganzen Welt am Ende des vergangenen Jahres 67 Millionen Flüchtlinge. Als Grund für die wieder steigende Flüchtlingszahl nannte Guterres an erster Stelle die weiterhin schwierige Lage im Irak. Laut UNHCR sind mittlerweile etwa zwei Millionen Iraker ins Ausland geflohen; hinzu kommen 2,4 Millionen, die innerhalb des Iraks fernab ihrer Heimat Schutz gesucht haben. Mehrjährige internationale Bemühungen um eine Stabilisierung ihres Landes ließen aber auch andernorts nicht die Bereitschaft der Flüchtlinge zur Rückkehr wachsen: Afghanistan stellt mit fast 3,1 Millionen Menschen immer noch die meisten Flüchtlinge, die sich jenseits der Grenzen ihres Landes aufhalten. Zum jüngsten Zuwachs trug auch die seit Ende 2006 andauernde Gewalt in Somalia bei. Mittlerweile sind 467.000 Somalier ins Ausland geflohen; die Zahl der Binnenvertriebenen stieg 2007 um 400.000 auf eine Million - in dem kleinen Land, das keine zehn Millionen Einwohner hat.

          Die meisten fliehen in die Nachbarländer

          Anders als die jüngsten Meldungen von Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer nahelegen, machen sich die meisten jedoch nicht ins wohlhabendere Europa oder Nordamerika auf, sondern bleiben in der Region, aus der sie stammen. Laut UNHCR beträgt der Anteil dieser Flüchtlinge zwischen 83 und 90 Prozent. So ist nach UNHCR-Zählung Afghanistans Nachbarland Pakistan mit etwas mehr als zwei Millionen Flüchtlingen das Land auf der Erde, das die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Mit eineinhalb Millionen folgt dann (nach Regierungsangaben) Syrien, wohin die meisten Iraker geflohen sind. An dritter Stelle unter den Aufnahmeländern nennt das Flüchtlingshilfswerk Iran, wo 963.500 Menschen, größtenteils Afghanen, untergekommen sind.

          Für Deutschland nennt das UN-Hilfswerk eine Zahl von 578.900 Flüchtlingen. Darauf folgt Jordanien mit einer halben Million Irakern. Die größte Gruppe unter den Flüchtlingen stellen jedoch weiterhin die 4,9 Millionen Palästinenser. Für sie ist aber nicht das UNHCR zuständig, sondern das eigens für sie gegründete Hilfswerk UNRWA. In Lateinamerika weist laut UNHCR Kolumbien mit 552.000 Flüchtlingen und bis zu drei Millionen Binnenvertriebenen die höchsten Zahlen auf.

          Weniger Staatenlose

          Um Asyl suchen zwar die wenigsten Flüchtlinge nach; dennoch wurde auf der ganzen Welt ein leichter Zuwachs auf insgesamt 647.200 Asylbewerber registriert. Das UNHCR führt das hauptsächlich auf die Iraker zurück, die auch in Deutschland die Statistik anführen.

          Die meisten Asylanträge seien in den Vereinigten Staaten, Südafrika, Schweden, Frankreich, Großbritannien, Kanada und Griechenland gestellt worden. Verringert hat sich im vergangenen Jahr aber wenigstens die Zahl der zwölf Millionen Staatenlosen: Durch ein neues Gesetz erhielten alleine in Nepal 2,6 Millionen Menschen die Staatsangehörigkeit.

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