Der Getreidekrieg Von JESSICA VON BLAZEKOVIC und RAHEL GOLUB Bild: dpa 12. Juni 2022 · Auf dem fruchtbaren Boden der Ukraine wuchs in Friedenszeiten Weizen für die ganze Welt. Jetzt sind die Felder vermint, die Straßen zerbombt und die Häfen blockiert. Für die Menschen in Nordafrika und dem Nahen Osten bahnt sich eine Katastrophe an. E inige der Raketen liegen noch immer zwischen den Körnern: Sechsundvierzig mal wurde das Getreidesilo von den Russen beschossen. „Sie müssen sich gewundert haben, warum es nicht zusammenfällt“, sagt Alex Lissitsa. „Es war voll mit Getreide.“ Lissitsa ist Geschäftsführer eines der größten zehn Agrarunternehmen in der Ukraine. Während des Beschusses harrten 300 seiner Mitarbeiter unter dem Getreidespeicher in einem Bunker aus, vierzig Tage lang. Lissitsa organisierte Wasser und Nahrungsmittel: Die Menschen konnte er schützen – seine Felder nicht. Wochen später sind die russischen Truppen wieder abgezogen. Doch statt Weizen wurden hier Minen gesät. Verbrannte Erde, verlorene Ernte Alex Lissitsas Unternehmen IMC bewirtschaftet 120 000 Hektar an der Grenze zu Belarus, wo heftige Kämpfe stattgefunden haben. „Letzte Woche war ich da“, erzählt er über Zoom. „Es liegen überall Minen, Reste von Bomben und Raketen herum. Momentan bewirtschaften wir da gar nichts.“ 32 000 Hektar sind vermint. Davon konnten seine Mitarbeiter und Helfer vom Militär erst ein Viertel überprüfen – innerhalb von vier Wochen. Das Aufräumen und Entschärfen wird noch Monate dauern, sagt Lissitsa. Weil die Aussaat aber bis Ende Mai abgeschlossen sein musste, konnte dies nur auf etwa 70 Prozent der Felder geschehen. Das bedeutet: Es wird nächstes Jahr auch nur auf 70 Prozent der Felder geerntet. Die Lage im Rest der Ukraine ist ähnlich angespannt: Ein großer Teil der landwirtschaftlich produktiven Gebiete im Osten und Süden ist immer noch von russischen Truppen besetzt. Die verwüsteten Regionen erzeugten vor dem Krieg rund ein Drittel der Agrarproduktion. Jetzt können Landwirte wie Lissitsa ihre Felder dort nur mit Mühe bewirtschaften, wenn überhaupt. Für das Grundnahrungsmittel Weizen rechnet die Ukraine Grain Association in diesem Jahr nur mit einer Ernte von rund 18 Millionen Tonnen. Das wäre etwas mehr als die Hälfte der Ernte des Rekordjahres 2021, in dem 33 Millionen Tonnen produziert wurden. Blockierte Seehäfen Verminte Felder sind nicht das einzige Problem der Landwirte. Russische Soldaten rauben oder zerstören Landmaschinen und Getreide, die Transportwege sind zerbombt. 20 bis 30 Prozent der Straßen und Schienenwege sind nach Angaben des Infrastrukturministeriums beschädigt oder zerstört, darunter 300 Brücken. Vor allem in Tschernihiw, wo auch Lissitsa einen Großteil seiner Felder hat, ist kaum etwas von der Infrastruktur übrig. Das beeinträchtigt auch die Verfügbarkeit von Treibstoff, der für die Aussaat dringend benötigt wird. In vielen Regionen können die Tankstellen nicht mehr beliefert werden. „Sogar mit einem privaten Auto muss man drei Stunden fahren, um zehn Liter Treibstoff zu bekommen“ erzählt Lissitsa. Durch eine Grad-Rakete sind in diesem Getreidespeicher in Tschernihiw 300 Tonnen Getreide ausgelaufen. Direkt darunter harrten 300 Mitarbeiter in einem Bunker aus dem zweiten Weltkrieg aus Foto: IMC Durch eine Grad-Rakete sind in diesem Getreidespeicher in Tschernihiw 300 Tonnen Getreide ausgelaufen. Direkt darunter harrten 300 Mitarbeiter in einem Bunker aus dem zweiten Weltkrieg aus Foto: IMC Die zerstörte Eingangshalle des Getreidespeichers in Tschernihiw Foto: IMC Die zerstörte Eingangshalle des Getreidespeichers in Tschernihiw Foto: IMC Sechsundvierzig Raketen schlugen hier ein Foto: IMC Sechsundvierzig Raketen schlugen hier ein Foto: IMC Die endlose Liste der Probleme schließt mit der Frage, wie die ukrainische Agrarproduktion das Land verlassen soll. Rund 25 Millionen Tonnen Weizen und Ölsaaten aus der vergangenen Ernte warten bislang vergebens auf ihre Ausfuhr. Alle ukrainischen Häfen sind derzeit entweder von russischen Truppen besetzt oder von der Marine blockiert. Anfang der Woche gab es Berichte über einen Bombenangriff auf ein Getreideterminal im Hafen von Mykolajiw. Auch im Wasser lauern Gefahren: Die Zugänge zu den Häfen sind vermint, wodurch jede Verschiffung zu einem riskanten Unterfangen wird. Getreidespeicher in Mykolajiw vor und nach dem Bombenangriff Foto: Planet Labs Getreidespeicher in Mykolajiw vor und nach dem Bombenangriff Foto: Planet Labs Die russische Regierung weist jegliche Schuld von sich und macht die Ukraine für die Schwarzmeerblockade verantwortlich. Diese Woche soll der russische Außenminister Sergej Lawrow in der Türkei über die Einrichtung von Seekorridoren und Sicherheitsgarantien gesprochen haben. Er forderte die Ukraine dazu auf, die Häfen von den Seeminen zu befreien – Russland würde das auch nicht zu seinem Vorteil ausnutzen. Doch die Ukraine traut den Versprechen nicht: „Aleksei Arestovich, ein Berater des Präsidenten (Wolodymyr Selensky, Anm. d. Red.), hat uns gesagt, dass er keine Chancen sieht, dass die Seehäfen bis Ende des Jahres verfügbar sein werden”, berichtet der Agrarunternehmer Lissitsa. Der Export ins Ausland ist die Haupteinkommensquelle der ukrainischen Landwirte. Bald werden also nicht nur die Getreidespeicher noch voller sein, als sie angesichts der Exportprobleme ohnehin schon sind, sondern auch die Geldbeutel der Landwirte noch leerer. Vor allem die Kleinbauern sind gefährdet. Sie tragen den größten Teil zur ukrainischen Gesamtproduktion bei. Die hundert größten Agrarunternehmen in der Ukraine dagegen produzieren nur etwa 15 bis 20 Prozent der Gesamtmenge. Wenn die Ernte beginnt, werden die Kleinbauern kein Geld mehr übrig haben für Treibstoff. Sie werden nicht ernten können. ALEX LISSITSA, Geschäftsführer von IMC Alex Lissitsa ist als Kind von Kolchosearbeitern nahe der russisschen Grenze aufgewachsen Foto: IMC Alex Lissitsa ist als Kind von Kolchosearbeitern nahe der russisschen Grenze aufgewachsen Foto: IMC Ein Mitarbeiter mit zwei Grad-Raketen auf einem Feld in Tschernihiw Foto: IMC Ein Mitarbeiter mit zwei Grad-Raketen auf einem Feld in Tschernihiw Foto: IMC „Die Kleinbauern haben große Zukunftsängste“ sagt Lissitsa. „Wenn wir Landwirte in den nächsten Monaten nicht exportieren können, ist das ein Desaster.“ Die Ukraine führt normalerweise Agrarprodukte im Wert von rund 25 Milliarden Dollar aus. Die Regierung versucht zu helfen, sagt Lissitsa. Mit 2 Milliarden Hrywnja – das sind 80 Millionen Dollar Finanzierungshilfen, denen 25 Milliarden Dollar Umsatzverlust gegenüberstehen. Er betont die beiden Wörter: Millionen und Milliarden. „Den Menschen fehlt dieses Geld jetzt“ sagt Lissitsa, denn im Binnenmarkt lohnt sich der Verkauf viel weniger. Er gibt ein Beispiel: „Die Preise für exportierten Mais liegen bei etwa 400 Dollar pro Tonne, aber in der Ukraine kannst du das noch nicht mal für 120 Dollar verkaufen. Und das würde gerade die Produktionskosten abdecken.“ Hinzu kommt, dass die Banken Getreide nicht mehr als Pfand akzeptieren. Die Kleinbauern stecken all ihr Geld nun in die landwirtschaftlichen Betriebsmittel: Saatgut, Düngemittel und Treibstoff für die Landmaschinen. „In ein bis drei Monaten wird ihre Liquidität sehr gering sein“ sagt Lissitsa. Die Gefahr besteht, dass wenn Ende Juni, Anfang Juli die Ernte beginnt, die Bauern kein Geld mehr für Treibstoff übrighaben werden. „Sie werden nicht ernten können. Und das betrifft alle.“ Mitarbeiter von IMC helfen dem Militär bei der Entschärfung der Minen Video: IMC Verhängnisvolle Abhängigkeit Lissitsas Worte schallen wie ein unheilvolles Omen vom Schwarzen Meer über die Ägäis und das Mittelmeer bis auf den afrikanischen Kontinent. Kein anderer Teil der Welt ist so abhängig von ukrainischem und russischem Weizen wie die sogenannte MENA-Region, also die Länder im Nahen Osten und Nordafrika, die sich aufgrund der trockenen Böden und Wasserknappheit kaum selbst versorgen können. Für die rund 450 Millionen Menschen dort ist Brot das wichtigste Grundnahrungsmittel. Der Weizen dafür kam in der Vergangenheit fast ausschließlich aus den beiden Ländern, die jetzt Krieg führen. So importierte etwa der Libanon zuletzt 67 Prozent seines Weizens aus der Ukraine, Tunesien rund die Hälfte. Zahlen der Datenbank UN Comtrade zufolge war Ägypten bislang der größte Abnehmer ukrainischen Weizens: Drei Millionen Tonnen importierte das Land im Jahr 2020 aus dem heutigen Kriegsgebiet. Insgesamt kamen 84 Prozent der ägyptischen Weizenimporte aus Russland und der Ukraine. Aber auch Indonesien und Bangladesch haben in der Vergangenheit viel Weizen in diesen beiden Ländern eingekauft. Osama Naser El-Din Ahmed ist Fachmann für Weltagrarhandel am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO). Er erklärt, warum Länder wie Ägypten so am Tropf der Ukraine und Russlands hängen: „Die Preise für russischen und ukrainischen Weizen waren immer niedriger als für französischen oder deutschen Weizen.“ Zudem seien die Transportwege kurz und die Logistikkosten damit niedrig – anders als etwa für Weizen aus Kanada oder den USA. Die Geschichte hinter dieser Weizenabhängigkeit erinnert ein wenig an die deutsche Abhängigkeit von russischer Energie: Weizen aus Russland und der Ukraine war stets billig und einfach zu bekommen. Anders als Deutschland können sich Länder wie der Jemen, Libanon oder Syrien höhere Preise und den qualitativ hochwertigeren Weizen aus der EU jedoch nicht leisten. Ihre Regierungen müssen mit einem knappen Budget zurechtkommen und davon zum Teil auch Lebensmittelsubventionen stemmen, die Millionen von Menschen vor dem Hunger bewahren. Denn all diesen Nationen ist gemein, dass ihre Bevölkerung schon vor dem Ukrainekrieg stark unterernährt war. Zahlen der Vereinten Nationen zufolge gingen 55 Millionen Menschen in der MENA-Region abends hungrig ins Bett. Viele von ihnen sind zum Überleben nicht nur auf die Brotsubventionen ihrer Regierungen, sondern auch auf die Unterstützung des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) angewiesen – und das bezieht 50 Prozent seines Weizens aus der Ukraine. Für diese Länder sind jetzt zwei Fragen entscheidend: Wie viel Weizen ist auf dem Weltmarkt verfügbar – und zu welchem Preis? Zur Mengenfrage gibt es derzeit unterschiedliche Meinungen. So glaubt etwa der Direktor des Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, Thomas Glauben, nicht, dass es kurzfristig zu Versorgungsengpässen kommen wird: „Trotz der angespannten Versorgungslage auf internationalen Märkten ist gegenwärtig davon auszugehen, dass bis Ende 2022 angebotsseitig hinreichend Ware (global) verfügbar ist und diese auch weitgehend die Zielländer erreicht“, meint er. Warnung vor Massenmigration Doch für das kommende Jahr sieht es düster aus: Schon jetzt decken die Ernteprognosen den erwarteten Verbrauch nicht. Der Internationale Getreiderat hat seine Prognose für die globale Getreideernte um 24 Millionen Tonnen gesenkt, das heißt, die Vorräte müssen angezapft werden. David Beasley, Exekutivdirektor des WFP, twitterte schon Ende März, der Krieg in der Ukraine werde nicht nur zu einem Preis- sondern auch zu einem Angebotsproblem führen. Beasley rechnet damit, dass sich die Auswirkungen auf dem Welternährungsmarkt im Herbst voll entfalten werden – und zu einer Massenmigration aus Nordafrika und dem Nahen Osten nach Europa führen könnten. Lösungen, so sagte er es auf dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos Ende Mai, gebe es bislang keine. If farmers in #Ukraine are on the battlefield and can't plant or harvest, how do you think this war is going to impact global food prices, commodity markets & hunger worldwide?? As I explained at @wef today, this won’t just be a price problem; it will be a supply issue. pic.twitter.com/HlvXhyAEzS — David Beasley (@WFPChief) March 21, 2022 Entscheidend für die Versorgungsfrage ist zum einen, wie viel Ernte die ukrainischen Landwirte letztlich einbringen und auf dem Weltmarkt anbieten können. Berichte wie die des Agrarunternehmers Lissitsa lassen hier wenig Zuversicht aufkommen. Zum anderen ist da noch die Exportfrage: Die wichtigste Handelsroute für ukrainischen Weizen verläuft über das Schwarze Meer, 95 Prozent des Getreides wurden vor dem Krieg auf diesem Weg verschifft – die Hälfte davon nach Nordafrika und den Nahen Osten. Zwar arbeiten westliche Regierungen und Organisationen wie die Vereinten Nationen mit Hochdruck daran, die Ernte aus dem Land zu bringen. Auch die EU hat ihre Hilfe versprochen, prüft etwa den Transport auf der Schiene oder über die Donau und will der Ukraine die Einfuhrzölle erlassen. Doch das Unterfangen stockt zum Teil aus technischen Gründen, etwa weil die Schienen in der Ukraine und der EU unterschiedlich breit sind oder die ukrainischen Häfen an der Donau veraltet. Der russische Präsident Wladimir Putin beschuldigt unterdessen die westlichen Regierungen, durch ihre Sanktionen den Export von russischem Getreide zu erschweren. Erst wenn diese gelockert würden, wolle Russland den Weltmarkt beliefern. Lebensmittel sind nach westlicher Darstellung von den Sanktionen ausgenommen, doch Russland berichtet von angeblichen Problemen mit Schiffsversicherungen, Zahlungen und dem Zugang zu europäischen Häfen. Nach einem Treffen mit Putin fordert nun sogar der Präsident der Afrikanischen Union, Macky Sall, den Westen dazu auf, die Sanktionen für Weizen und Düngemittel aufzuheben. Er sieht auch die Sahelzone von einer Hungersnot bedroht, 60 Millionen Menschen seien betroffen. Afrika sei der Situation völlig ausgeliefert, sagte Sall. Angesichts der großen Unsicherheiten müssen sich die stark von Weizenimporten abhängigen Länder jetzt nach neuen Lieferanten umschauen – insbesondere, weil sie nur selten große Vorräte angelegt haben. Dem Nachrichtenportal „Salaam Gateway“ zufolge geht dem Libanon schon in weniger als einem Monat der Weizen aus, Ägypten kann sich demnach noch vier bis fünf Monate über Wasser halten. In Tunesien reichen die Vorräte laut der dortigen Regierung noch vier Monate. Ein Profiteur der Situation könnte ausgerechnet Russland sein, das schon vor dem Krieg der weltweit größte Exporteur von Weizen war. Präsident Putin kündigte unlängst eine „Rekordweizenernte” mit Exporten in Höhe von 50 Millionen Tonnen für das kommende Getreidejahr an. Der Ausfuhr russischer Agrarproduktion im Weg stehen aber tatsächlich zum Teil die Sanktionen des Westens, die dem amerikanischen Landwirtschaftsministerium zufolge dazu führen werden, dass Russland im Erntejahr 2021/2022 9 Prozent weniger Weizen verschiffen wird als prognostiziert. Ukrainische Behörden haben zudem dazu aufgerufen, Weizenlieferungen aus Russland abzulehnen – oder im Falle der Türkei nicht den Bosporus passieren zu lassen – weil sich darunter auch aus der Ukraine gestohlenes Getreide befände. Protektionismus nimmt zu Große Hoffnungen ruhten bis zuletzt auf Indien, das als zweitgrößter Weizenproduzent der Welt in die Bresche springen sollte. Bislang exportierte das Land nur wenig Weizen, weil es selbst Millionen Menschen ernähren muss. Angesichts großer Ernteausfälle infolge einer Hitzewelle und der steigenden Lebensmittelpreise hat das Land seine Getreideexporte nun weitgehend gestoppt. Mit China, Brasilien, Kanada, Australien, Europa und den USA stehen zwar grundsätzlich andere Produzenten bereit, die Lücke zu füllen. Doch ihre Ernten fallen ausgerechnet in diesem Jahr zum Teil schlechter aus als erwartet – und sie verkaufen ihre Ware zu einem weitaus höheren Preis, als Länder wie Ägypten in der Lage sind zu bezahlen. Schon vor dem Ukrainekrieg war der Lebensmittelpreisindex der Welternährungsorganisation FAO seit Mitte 2020 gestiegen, befeuert unter anderem durch die Coronakrise und Ernteausfälle in wichtigen Produktionsländern wie Kanada. Seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine im Februar hat sich diese Entwicklung noch einmal verschärft. Den Vereinten Nationen zufolge kosteten Lebensmittel im April im Durchschnitt 34 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Forscher Osama Naser El-Din Ahmed sagt, die Preisexplosion trifft Nordafrika und den Nahen Osten besonders hart, weil Importe dort 50 Prozent des Nahrungsmittelbedarfs abdecken. „Diese Länder reagieren deshalb sehr sensibel auf extreme Marktereignisse wie die Corona-Pandemie oder jetzt den Ukrainekrieg.“ Was den Weizenpreis weiter anheizt: Nicht nur Indien hat seine Weizenexporte eingefroren. Zahlen des International Food Policy Research Institute in Washington zufolge ist die Zahl der Länder, die seit Beginn des Ukrainekrieges Ausfuhrbeschränkungen für Agrarprodukte verhängt haben, mit 31 so hoch wie zuletzt während der globalen Lebensmittelpreiskrise in den Jahren 2007 und 2008. Während damals rund 11 Prozent der weltweit verfügbaren Kalorien zurückgehalten wurden, ist es demnach aktuell fast ein Fünftel. Die künstliche Verknappung des Angebots trieb den Weizenpreis Mitte Mai auf ein neues Rekordhoch von 435 Euro je Tonne. Zum Vergleich: Vor einem Jahr kostete diese Menge noch etwas mehr als 200 Euro. Am stärksten trifft die Krise am Getreidemarkt Ägypten. Das Land am Nil ist der größte Weizenimporteur der Welt und damit sowohl von der Mengen- als auch von der Preisproblematik direkt betroffen. Um der Preisexplosion am Weltmarkt zu begegnen, wählte Ägypten vor zwei Monaten einen radikalen Schritt. Weil für eine Weizen-Ausschreibung nur sechs Angebote für mehr als 450 Euro je Tonne eingingen, zog die Regierung ihr Kaufgesuch kurzerhand zurück und kündigte an, sich für den Rest des gesamten Jahres 2022 auf Lagerbestände und die heimische Produktion zu verlassen. Wie die ägyptische Forscherin Amirah El-Haddad vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik berichtet, verhandelt Ägypten hinter den Kulissen aber mit der indischen Regierung, um von dem Exportembargo ausgenommen zu werden und versucht über einen Tauschhandel oder die Bezahlung in Rubel an russischen Weizen zu kommen. Brot ist Leben für die Ägypter. Das rührt man nicht an. OSAMA NASER EL-DIN AHMED, Agrarforscher am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien Damit die Regierung die Brotsubventionen für rund die Hälfte der ägyptischen Bevölkerung aufrechterhalten kann, ordnete Präsident Abdel Fattah Al-Sisi zudem an, dass jeder Landwirt mindestens zwei Tonnen Weizen je Hektar Land an die Regierung verkaufen muss. Wer sich dem widersetzt, muss mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen. Bezahlen will Sisi den Bauern nur rund 5600 ägyptische Pfund (rund 290 Euro) je Tonne, während sie auf dem internationalen Markt fast 50 Prozent mehr für ihre Ware erhalten würden. Noch dazu müssen sie den Weizen auf eigene Kosten in die zum Teil weit von den Dörfern entfernten Silos der Regierung bringen. „Ich rechne damit, dass viele Bauern in der kommenden Saison unter diesen Umständen keinen Weizen mehr anbauen werden. Dann ist die Regierung in großen Schwierigkeiten“, sagt Agrarmarkt-Fachmann Ahmed. Es gebe schon Anzeichen, dass Sisi die Brotsubventionen im kommenden Jahr auslaufen lassen könnte – eine Maßnahme, die umzusetzen sich bislang kein Politiker in Ägypten getraut hat. „Brot ist Leben für die Ägypter. Das rührt man nicht an“, sagt Ahmed. Lebensmittel haben in Nordafrika und dem Nahen Osten eine enorme politische Sprengkraft. So fielen die Spitzen des Lebensmittelpreisindex der vergangenen 30 Jahre stets mit politischen Unruhen zusammen. Dabei gibt es einen Zusammenhang zwischen politischer Instabilität und dem Ausmaß von Hunger in der Bevölkerung, die entsprechend sensibel auf höhere Lebensmittelpreise oder Rationierung reagiert. Im Jahr 2008 entlud sich die Wut der Bevölkerung über die damalige Lebensmittelkrise in Massenprotesten in über 60 Ländern, die im Arabischen Frühling von 2011/2012 gipfelten. Die Entwicklungen von damals und heute weisen viele Parallelen auf, etwa den Protektionismus im Handel mit Agrargütern und die hohe Inflation. Im April erreichte sie in Ägypten 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. „Die Inflation in Ägypten galoppiert, vor allem für Lebensmittel. Brot, Mehl, Fleisch… alles”, sagt Forscherin Amirah El-Haddad. Die Regierung habe sich vier Milliarden Dollar von Saudi-Arabien geliehen, um den Anstieg der Preise abzufedern. Es sei unklar, ob Saudi-Arabien auch in Zukunft helfen werde und auch auf dem internationalen Finanzmarkt komme das Land nach einer jüngsten Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit nur noch schwer an finanzielle Mittel. El-Haddad sieht die Gefahr, dass die Lebensmittelkrise wie vor 14 Jahren zu politischen Unruhen in der Region führen wird. Das hänge aber von vielen Faktoren ab, etwa wie lange die Krise daure. Ägypten sei ein hoch repressives Land, die Menschen gingen daher nur in der Masse auf die Straße. “Aber die Menschen leiden, nicht nur die Armen, sondern auch die Mittelschicht. Sie leiden in sehr schlimmer Weise und machen die Sanktionen des Westens dafür verantwortlich.” Für den Agrarunternehmer Alex Lissitsa dürften die Berichte aus Ägypten und den Nachbarländern nur schwer zu ertragen sein. Vor dem Krieg hat sein Unternehmen jeden Monat 80 000 Tonnen Getreide exportiert, einen Großteil davon nach Nordafrika und insbesondere nach Ägypten. Im März und April exportierte er: nichts. Jetzt hofft Lissitsa, dass er im Juni über zwei Eisenbahnrouten nach Ungarn und Rumänien zumindest 20 000 - 25 000 Tonnen ausfahren kann. Immerhin konnten im Mai auf diesem Weg 12 000 Tonnen das Land verlassen. Zwar ist der Zugtransport viel teurer und eine logistische Herausforderung. „Aber was bleibt uns anderes übrig?” fragt Lissitsa. F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Schneller Schlau: Nahrungsmittelpreise F.A.Z.-Serie Schneller Schlau Wie das Leben durch die Energiepreise teurer wurde