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Ukrainischer Ministerpräsident : Kunstflieger im Kamikazejet

Arsenij Jazenjuk Bild: dpa

Arsenij Jazenjuk hatte nicht mit seinem politischen Überleben gerechnet, als er auserkoren wurde, die überfallene, fast bankrotte Ukraine zu führen. Spätestens seit der Wahl ist klar: Es kommt ganz anders.

          Arsenij Jazenjuk hatte eigentlich nicht mit seinem politischen Überleben gerechnet. Während des „Majdan“, der Kiewer Bürgerrevolte gegen den korrupten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und seinen prorussischen Kurs im letzten Winter, hatte er zu den Führern der Bewegung gehört. Als die Revolution siegte, als Janukowitsch nach Russland floh und Wladimir Putin seinen Eroberungszug auf der Krim begann, fiel die Wahl auf ihn, das überfallene, halbbankrotte Land zu führen. Am 27. März 2014 wählte die „Werchowna Rada“ ihn zum Chef der Übergangsregierung. Andere Revolutionsführer, etwa der emeritierte Boxweltmeister Vitali Klitschko, hatten sich zu diesem Himmelfahrtskommando nicht vorgedrängt. Das sei ein „Kamikazeflug“, sagte Jazeniuk damals. Wer das mache, könne seine Karriere vergessen. Es ist anders gekommen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Acht Monate danach ist Jazenjuk der Meteor am ukrainischen Himmel. Das genaue Ergebnis der Parlamentswahl vom Sonntag steht zwar noch nicht fest, aber es sieht so aus, als könnte seine erst vor kurzem gegründete „Nationale Front“ mit ihrer prowestlichen Ausrichtung und ihrem klaren Abwehrgestus gegen Russland als stärkste Fraktion in das neue Parlament einziehen.

          Dieser Aufstieg ist der Erfolg eines politischen Vollprofis. Nach der ersten prowestlichen ukrainischen Revolution, der „in Orange“ von 2004, gehörte der 1974 geborene Jazenjuk zum Vollzugspersonal der damaligen Führung. Stellvertretender Chef der Nationalbank, stellvertretender Gouverneur von Odessa, Wirtschaftsminister, Außenminister, Parlamentspräsident: In all diesen Ämtern bewährte er sich als Meister im Spiel der Apparate, als Mann, der mit vielen kann und immer überlebt. Schon damals hat er seine auffällige Flexibilität durch eine Klangwolke von markigen Worten getarnt. Als er 2013, nach der völlig unerwarteten Eruption des „Majdan“, an die Spitze der Bewegung gespült wurde, ist der Kontrast zwischen Verbalradikalismus und inhaltlicher Geschmeidigkeit sein hervorstechendstes Merkmal geworden. Öffentlich rief er, eine „Kugel im Kopf“ sei ihm lieber als die Niederlage; hinter den Kulissen gehörte er dagegen zu denen, welche die Militanz der Bewegung stets zu drosseln versuchten. Bis zum letzten Tag vor Janukowitschs Flucht verhandelte er mit dem stürzenden Präsidenten über einen möglichen Kompromiss, was ihm am „Majdan“ Pfiffe einbrachte.

          Im Wahlkampf setzte Jazenjuk diese Methode fort. Weil jeder spürte, dass viele im Land den Präsidenten Petro Poroschenko, der mit Putin über Waffenstillstand und Kompromiss verhandeln musste, für zu weich hielten, gab sich Jazenjuk das Aussehen der Härte. Er setzte militante Bataillonskommandeure und Majdan-Aktivisten auf seine Liste und schlug vor, an der Grenze zu Russland eine Mauer zu bauen. Im Inneren blieb er aber verhandlungsbereit, er hütete sich, die Fäden zu den übrigen Kräften des Majdan zu zerreißen. Keiner kommt nun an ihm vorbei, wenn bald ein neuer Regierungschef gewählt wird. Der Job ist wieder ein Himmelfahrtskommando. Aber Jazenjuk kann Kamikazeflugzeuge auch für Kunstflug nutzen.

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