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Jasper von Altenbockum (kum.)

Ukraine-Konflikt : Der größte Sündenfall

Die Verdrehung von Vergangenheit und Gegenwart aber wird ihnen und ihren Moskauer Propagandahelfern nicht gelingen. Bild: AP

Als „Faschisten“ beschimpfen die Separatisten im Osten der Ukraine die Regierung in Kiew, doch dort regiert das Erbe der Unabhängigkeitsbewegungen. Wie Faschisten führten sich dagegen die Separatisten selbst auf.

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          Mit der öffentlichen Vorführung von Kriegsgefangenen haben sich die Separatisten im Osten der Ukraine am Wochenende weiter in die Nähe ebenjener „Faschisten“ begeben, als die sie ihre Gegner und die Regierung in Kiew beschimpfen.

          Die Verdrehung von Vergangenheit und Gegenwart aber wird ihnen und ihren Moskauer Propagandahelfern nicht gelingen. In der Ukraine regiert das Erbe der Unabhängigkeitsbewegungen, die vor 25 Jahren daran gingen, das Joch der Sowjetunion abzuwerfen. Die Menschenkette der Balten von Reval bis Vilnius, an die am Wochenende erinnert wurde, war damals ein Fanal der europäischen Völker, sich gegen die Schlachtordnung des Hitler-Stalin-Paktes und dessen diktatorischen Hinterlassenschaften zur Wehr zu setzen. Diese Befreiung mit dem Faschismus in Verbindung zu bringen, ist der größte Sündenfall kommunistische Parolen nachplappernder russischer Politik.

          Angela Merkel hat in Kiew noch einmal klargestellt, dass für die Ukraine trotzdem nicht in Frage kommen kann, was damals für die drei wiederhergestellten baltischen Staaten und andere Völker Mittel-, Ost- und Südeuropas der „sichere Hafen“ ihrer jüngsten Geschichte war, die Mitgliedschaft in der Europäischen Union und in der Nato.Nicht einmal im Inneren gilt für die Ukraine das ganze Maß an Selbstbestimmung, das bei Unabhängigkeitsfeiern und Gedenkstunden zum Fall des Eisernen Vorhangs dieser Tage - demnächst wohl auch von Barack Obama bei seinem Besuch am 3. September in Estland - als Katapult der Befreiung von russischer Hegemonie hochgehalten wird. Die „Dezentralisierung“ der Ukraine und die Rücksichtnahme auf die Interessen Russlands, die Merkel als Mittel zur Lösung des ostukrainischen Krieges empfahl, bedeuten vielmehr, dass sich ein Vierteljahrhundert nach der „Epochenwende“ das Jahrhundert davor zurückmeldet.

          Liegt das alles nur an der Geographie? Auf die Frage, ob die Sanktionen des Westens den wichtigsten Strippenzieher der ostukrainischen Tragödie, Wladimir Putin, wirklich beeindruckten, gab Merkel einmal zurück, CDU und CSU hätten schließlich auch vierzig Jahre lang auf den Mauerfall warten müssen, die baltischen Staaten sogar sechzig Jahre lang auf ihre Freiheit.

          Einer deutschen Zeitung kann sie so etwas sagen. Aber den Ukrainern nicht. Die könnten es als Kniefall vor einem Russland verstehen, das ihnen eine Sicht der Welt aufzwingt, die in noch viel längeren Zeiträumen denkt.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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