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Ukraine : In den Fängen des Volksbürgermeisters von Slawjansk

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Selbstgefällig: Der selbsternannte Bürgermeister von Slawjansk, Ponomarjow Bild: dpa

Nach der Freilassung der OSZE-Beobachter sind noch immer viele Ukrainer in der Gewalt der Geiselnehmer. Der Separatistenführer Ponomarjow sagt offen, Geiseln zu machen, um sie gegen prorussische Aktivisten austauschen zu können.

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          Die beiden Freunde Pawel Jurow und Denis Grischuk sind aus reiner Neugier in Slawjansk aus dem Zug gestiegen. Sie wollten mit eigenen Augen sehen, wie es in der von Separatisten besetzten Stadt zugeht, ein bisschen spazieren gehen und dann mit dem Nachtzug heim nach Kiew zurückfahren. Das erzählt die Freundin von Grischuk, eine zierliche junge Frau namens Katerina, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Sie sitzt aufgelöst in ihrer kleinen Küche vor einer Webcam. Jurow und Grischuk sind seit jenem Nachmittag verschwunden.

          Es war der 25. April, jener Tag also, an dem auch die deutschen und anderen westlichen Militärbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in die Gewalt der Geiselnehmer um den selbsternannten Bürgermeister von Slawjansk, Wjatscheslaw Ponomarjow, geraten waren. Diese sind seit dem Wochenende wieder frei. Katerina sucht nun den Kontakt zu westlichen Journalisten, um sich für die Freilassung ihrer Freunde Jurow und Grischuk einzusetzen. Sie wolle, so sagt sie, daran erinnern, dass Ponomarow noch immer zahlreiche Geiseln in seiner Gewalt hält und weiterhin Gefangene macht.

          Ukrainische Journalisten berichten unter Berufung auf Geheimdienstquellen, dass zurzeit 24 Menschen in besetzten Verwaltungsgebäuden der Provinzstadt festgehalten werden, die meisten von ihnen Männer. Bis auf einen georgischen Staatsbürger sollen alle verbliebenen Geiseln Ukrainer sein. Ponomarjow selbst hatte sich an jenem Freitag, an dem Katerina das letzte Lebenszeichen von ihrem Freund erhielt, bei einer Pressekonferenz gerühmt, 40 Spione festgenommen zu haben. Zuletzt hat er gegenüber Journalisten sogar von 50 Gefangenen gesprochen. Nicht nur in Slawjansk selbst, sondern auch an anderen Orten in den beiden ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk, sollen nach Recherchen ukrainischer Medien seit dem 13. April insgesamt 74 Menschen entführt worden sein.

          Es handelt sich um Politiker, unter ihnen mehrere Mitglieder der rechtsextremen Swoboda-Partei, Polizisten, Mitglieder der örtlichen Wahlkommission, Offiziere des ukrainischen Geheimdienstes, proukrainische Aktivisten und mehrere ukrainische und ausländische Journalisten. Fast alle Namen sind bekannt. Die meisten der Geiseln wurden nach einigen Tagen wieder freigelassen, drei Männer wurden jedoch tot aufgefunden. Einer von ihnen ist Wolodymyr Rybak, ein Stadtratsabgeordneter der Vaterlandspartei aus Horliwka. Seine schwer misshandelte Leiche war an einem Fluss nahe Slawjansk entdeckt worden – zusammen mit der eines 19 Jahre alten Kiewer Studenten, der nach Angaben seiner Mutter in der Region seine Freundin hatte besuchen wollen. Am selben Ort wurde wenig später die Leiche eines 25 Jahre alten Studenten aus der Westukraine gefunden.

          Regieren nach den Faustrecht

          Für die Freilassung der Mitglieder der OSZE-Militärbeobachtermission unter deutscher Führung hatte sich unter anderem die Bundesregierung stark gemacht. Am vergangenen Samstag konnten die Männer Slawjansk verlassen. Zuvor hatte Wladimir Lukin, der ehemalige Menschenrechtsbeauftragte des russischen Präsidenten, mit dem „Volksbürgermeister“ über ihre Freilassung verhandelt. Er hatte auch die Entlassung mehrerer ukrainischer Militärs erwirken können, die zusammen mit den westlichen Militärinspekteuren gefangengenommen worden waren. Lukin sagte bei einer Pressekonferenz nach der Befreiung, die übrigen Geiseln von Slawjansk seien nicht „Teil seiner Mission“ gewesen.

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