https://www.faz.net/-gpf-7pjkm

Ukraine : Der Pate ruft auf zum Widerstand

Ein Schwätzchen im Schatten: Arbeiter von „Asowstal“ während der Ansprache der Vertreter Achmetows Bild: F.A.Z.-Foto Alexander Tetschinski

Der ukrainische Milliardär Rinat Achmetow ließ früher Präsidenten in Kiew aufstellen wie Legofiguren. Später schien er den Separatisten zu folgen. Jetzt bezichtigt er sie des  „Völkermords“.

          4 Min.

          Wenn Rinat Achmetow Sirenen will, wackeln die Hochöfen. In Mariupol, einer rußigen Industriestadt am Asowschen Meer, wo die Unruhen des Donbass Anfang Mai besonders blutig verliefen, war es am Dienstag so. Achmetow, der reichste Mann der Ukraine, der König unter den Grubenbaronen des Industriegebiets Donbass, ließ auf der Werksstraße seiner Stahlhütte „Asowstal“ gleich sieben Lokomotiven auffahren, um mit ihren Sirenen der Botschaft, die ihm am Herzen lag, akustischen Nachdruck zu verleihen. Ein paar Tausend der mehr als 40.000 Menschen, die er in dieser Stadt beschäftigt, marschierten in der Mittagssonne auf, um der Botschaft zu lauschen.

          Während einer Friedensdemonstration lässt Rinat Achmetow seine Ansprache in Donetsk in der Donbass Arena übertragen. Bilderstrecke
          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war dann auch keine Kleinigkeit, die der Mann, der seit dem Ende der Gangsterkriege in den neunziger Jahren das Donbass dominiert hat, und der in der Hauptstadt Kiew Präsidenten auf- und wieder abbaute wie Legofiguren, seinen Leuten mitteilen ließ, als die Sirenen verstummten und die Versammelten, die Arbeiter von den Stahlwerken ebenso wie Frauen aus den Schreibstuben die Hände von den Ohren nahmen: Achmetow, so war die Botschaft, welche seine Generaldirektoren von einer Lastwagenladefläche der Belegschaft zuriefen, hat im Konflikt zwischen dem ukrainischen Staat und den prorussischen Rebellen des Ostens so klar Stellung genommen wie nie zuvor. Seine schon zuvor per Presseerklärung verbreitete Botschaft: Diese maskierten Kämpfer, die in der Region eine „sogenannte“ Volksrepublik Donezk ausgerufen haben, die Städte plündern und Bürger zu Geiseln nehmen, seien alles andere als Vertreter der Menschen – im Gegenteil: Diese Männer seien „Feinde“. Ihr Kampf sei nicht nur ein Kampf gegen das „Glück der Region“, sondern ein „Genozid am Donbass“.

          Nie zuvor ist Achmetow, der seit dem Beginn der Unruhen immer wieder zwischen den Separatisten und der Kiewer Regierung laviert hat, so deutlich geworden. Der Pate des Donbass’ war der Schöpfer des kleptokratischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, den eine proeuropäische Rebellion im Februar gestürzt hatte. Nach der Flucht Janukowitschs schien Achmetow lange nicht zu wissen, wie er nun, wo die neue Zentralregierung ihm nicht mehr gehorchte, seine Macht wieder festigen sollte. Er wählte den Weg, mit den prorussischen Separatisten des Donbass so sichtbar Kontakt zu halten, das manche das als versteckte Unterstützung deuteten. Zugleich versicherte er, die Einheit der Ukraine gehe ihm über alles. Fachleute vermuteten, er wolle Rebellen und Regierung so gegeneinander ausspielen, dass er zuletzt beiden als Schlichter unentbehrlich würde.

          Mit den vor versammelter Belegschaften verlesenen Erklärungen vom Dienstag hat sich das geändert. Achmetow hat deutlich wie nie gegen die Separatisten Stellung genommen. Die Gründe dafür sind vermutlich vielfältig. Erstens scheint sich unter den Rebellen ein Flügel durchgesetzt zu haben, der deutlich von Russen dominiert wird, während Achmetow möglicherweise auf eine andere Gruppe gesetzt hatte, die von Einheimischen geprägt ist. Sein Ziel dürfte dabei nicht der Anschluss an Russland gewesen sein, wo seine Macht schnell dahin wäre, sondern eine größtmögliche Unabhängigkeit des Donbass innerhalb der Ukraine.

          Zum Zweiten aber hat der Grubenmagnat wohl auch handfeste wirtschaftliche Gründe, dem Treiben der Separatisten ein Ende zu setzen. Die Unruhen schaden der Wirtschaft, und spätestens als am Montag die Separatisten für kurze Zeit die Bahnverbindungen ins Donbass lahmlegten, wurde deutlich, dass Achmetows Stahlindustrie schweren Schaden nehmen wird, wenn es nicht bald gelingt, ihre Exportrouten wieder freizubekommen. Achmetow ist hier sehr deutlich geworden: Die Unterbrechung der Gleise, über die seine Kombinate ihr Eisenerz importieren, und über welche er zugleich seinen Stahl und seine Kohle exportiert, kann nur eines bedeuten: „Es bedeutet, dass das Donbass sterben muss“.

          Schon in den vergangenen Tagen war Achmetow immer deutlicher geworden. Als es am neunten Mai in Mariupol, wo sein größtes Stahlwerk steht, zu Blutvergießen kam, und die Stadt in Plünderei zu versinken drohte, schickte er Werkspatrouillen zur Verstärkung der Polizei auf die Straße. Das stellte den Frieden in der Stadt schnell wieder her. Jetzt hat er mit seiner scharfen Erklärung gegen die Donbass-Separatisten und mit den Großversammlungen in seinen Betrieben die nächste Stufe der Konfrontation erklommen.

          Auf der Werksstraße von „Asowstal“, wo 12.000 seiner insgesamt etwa 300.000 Beschäftigten arbeiten, brüllten seine Adjutanten die Botschaft dann auch unverständlich in die Reihen der Arbeiter, die, mit Kohlestaub bedeckt, in Helm und Overall in der Mittagssonne standen: Wenn die Rebellen so weitermachen, wie bisher, können bald alle hier ihre Helme an den Nagel hängen. Ein Betrieb wie „Asowstal“ könne ohne Bahnverbindung gerade einmal „drei bis vier Tage“ überleben, andere, wie das Stahlwerk „Makijiwka“, nicht einmal zwei. „Unser Werk wird Schrott sein“, rief Juri Rischenkow, der Generaldirektor von Achmetows Stahlkonzern „Metivest“, denn auch am Dienstag von seiner Ladefläche.

          Dennoch hatte es zuvor auch Zeichen dafür gegeben, dass Achmetow sich trotz aller verbalen Entschiedenheit seiner Sache noch alles andere als sicher ist. Wie sehr er die Rebellen fürchtet, zeigte sich daran, dass er zwar innerhalb seiner Werksgelände Großversammlungen halten ließ, zugleich aber einen angekündigten „Friedensmarsch“ auf freier Straße wieder abblies, weil er Blutvergießen fürchtete. Auch dass er am Dienstag seine Arbeiter nicht persönlich zum Widerstand gegen die Rebellen aufrief, sondern seine Generaldirektoren vorschickte, machte seine Botschaft nicht eben glaubwürdiger.

          Die Stahlarbeiter von Asowstal lauschten dann auch der Botschaft ohne viel Begeisterung. So sehr die Direktoren Achmetows auch zur Mobilisierung aufriefen, der Applaus blieb müde. Manche, die etwas abseits saßen, nutzten die Demonstration denn auch dazu, im Schatten eines zischenden Bündels von mächtigen Röhren ein wenig zu schwatzen. Da war dann vieles zu hören, was weniger selbstsicher klang, als die Aufrufe des Oligarchen. „Keine Ahnung, warum wir hier sind,“ sagte einer, der sich mit Anton vorstellte. Ein anderer, der Igor hieß, fügte hinzu: „Die Bosse hier machen mit uns, was sie wollen. Für die sind wir nur Fleisch, dass sie im Supermarkt kaufen“. Dann warfen die Loks des Oligarchen ihre Sirenen wieder an, und der Alltag war wieder da: zurück an die Hochöfen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Verbot von „Combat 18“ : Kein Ruhekissen

          Verbote allein trocknen die Szene der Hitler-Verehrer und militanten Antisemiten nicht aus. Entscheidend ist die geheimdienstliche und polizeiliche Aufklärung ihrer Agitierung nützlicher Idioten.
          Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag in Yad Vashem

          Steinmeier in Yad Vashem : Nie vergessen, die Erinnerung bewahren

          Als erster deutscher Bundespräsident spricht Frank-Walter Steinmeier in Yad Vashem und zeigt sich besorgt über einen wieder aufkeimenden Antisemitismus. Vor allem aber schwebt Putins Schatten über der Veranstaltung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.