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Ukraine : Der Pate ruft auf zum Widerstand

Ein Schwätzchen im Schatten: Arbeiter von „Asowstal“ während der Ansprache der Vertreter Achmetows Bild: F.A.Z.-Foto Alexander Tetschinski

Der ukrainische Milliardär Rinat Achmetow ließ früher Präsidenten in Kiew aufstellen wie Legofiguren. Später schien er den Separatisten zu folgen. Jetzt bezichtigt er sie des  „Völkermords“.

          Wenn Rinat Achmetow Sirenen will, wackeln die Hochöfen. In Mariupol, einer rußigen Industriestadt am Asowschen Meer, wo die Unruhen des Donbass Anfang Mai besonders blutig verliefen, war es am Dienstag so. Achmetow, der reichste Mann der Ukraine, der König unter den Grubenbaronen des Industriegebiets Donbass, ließ auf der Werksstraße seiner Stahlhütte „Asowstal“ gleich sieben Lokomotiven auffahren, um mit ihren Sirenen der Botschaft, die ihm am Herzen lag, akustischen Nachdruck zu verleihen. Ein paar Tausend der mehr als 40.000 Menschen, die er in dieser Stadt beschäftigt, marschierten in der Mittagssonne auf, um der Botschaft zu lauschen.

          Während einer Friedensdemonstration lässt Rinat Achmetow seine Ansprache in Donetsk in der Donbass Arena übertragen. Bilderstrecke
          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war dann auch keine Kleinigkeit, die der Mann, der seit dem Ende der Gangsterkriege in den neunziger Jahren das Donbass dominiert hat, und der in der Hauptstadt Kiew Präsidenten auf- und wieder abbaute wie Legofiguren, seinen Leuten mitteilen ließ, als die Sirenen verstummten und die Versammelten, die Arbeiter von den Stahlwerken ebenso wie Frauen aus den Schreibstuben die Hände von den Ohren nahmen: Achmetow, so war die Botschaft, welche seine Generaldirektoren von einer Lastwagenladefläche der Belegschaft zuriefen, hat im Konflikt zwischen dem ukrainischen Staat und den prorussischen Rebellen des Ostens so klar Stellung genommen wie nie zuvor. Seine schon zuvor per Presseerklärung verbreitete Botschaft: Diese maskierten Kämpfer, die in der Region eine „sogenannte“ Volksrepublik Donezk ausgerufen haben, die Städte plündern und Bürger zu Geiseln nehmen, seien alles andere als Vertreter der Menschen – im Gegenteil: Diese Männer seien „Feinde“. Ihr Kampf sei nicht nur ein Kampf gegen das „Glück der Region“, sondern ein „Genozid am Donbass“.

          Nie zuvor ist Achmetow, der seit dem Beginn der Unruhen immer wieder zwischen den Separatisten und der Kiewer Regierung laviert hat, so deutlich geworden. Der Pate des Donbass’ war der Schöpfer des kleptokratischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, den eine proeuropäische Rebellion im Februar gestürzt hatte. Nach der Flucht Janukowitschs schien Achmetow lange nicht zu wissen, wie er nun, wo die neue Zentralregierung ihm nicht mehr gehorchte, seine Macht wieder festigen sollte. Er wählte den Weg, mit den prorussischen Separatisten des Donbass so sichtbar Kontakt zu halten, das manche das als versteckte Unterstützung deuteten. Zugleich versicherte er, die Einheit der Ukraine gehe ihm über alles. Fachleute vermuteten, er wolle Rebellen und Regierung so gegeneinander ausspielen, dass er zuletzt beiden als Schlichter unentbehrlich würde.

          Mit den vor versammelter Belegschaften verlesenen Erklärungen vom Dienstag hat sich das geändert. Achmetow hat deutlich wie nie gegen die Separatisten Stellung genommen. Die Gründe dafür sind vermutlich vielfältig. Erstens scheint sich unter den Rebellen ein Flügel durchgesetzt zu haben, der deutlich von Russen dominiert wird, während Achmetow möglicherweise auf eine andere Gruppe gesetzt hatte, die von Einheimischen geprägt ist. Sein Ziel dürfte dabei nicht der Anschluss an Russland gewesen sein, wo seine Macht schnell dahin wäre, sondern eine größtmögliche Unabhängigkeit des Donbass innerhalb der Ukraine.

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