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Identitätsfrage : Glücklich, wer ein Türke ist

Schuf sich ein ganzes Staatsvolk: Mustafa Kemal Atatürk, 1881-1938 Bild: Archivio GBB / CONTRASTO/laif

Was genau macht die türkische Identität aus? Auch wenn Präsident Recep Tyyip Erdogan das Ganze über einen Bluttest ermitteln würde, ist die Antwort in der vielschichtigen Geschichte des osmanischen Reiches zu suchen.

          6 Min.

          Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte, die türkischstämmigen Abgeordneten des Bundestags, die für die Armenienresolution gestimmt hatten, sollten sich einem Bluttest unterziehen, war das gar nicht mehr nötig. Denn Erdogan hatte damit gesagt, wer sich so verhalte, könne gar kein Türke sein, sei also Armenier. Schließlich hatten sich, und das sagte Erdogan nicht, 1915 viele Zehntausende, wenn nicht mehr als hunderttausend Armenier dem sicheren Tod entzogen, indem sie Unterschlupf bei einer muslimischen Familie fanden und sich fortan als Muslime ausgaben. Der innere Feind war nicht mehr sichtbar. Bis heute verbreiten besonders gehässige türkische Nationalisten die Mär, der Gründer der Terrororganisation PKK, Abdullah Öcalan, sei einer dieser Krypto-Armenier, die PKK sei also die Fortsetzung des „armenischen Terrors“ aus der Zeit vor 1915.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Als Erdogan seine Blut-und-Boden-Gespinste weiter drehte und den GrünenVorsitzenden Cem Özdemir einen „verdorbenen Charakter“ nannte, was im Türkischen wörtlich „verdorbenes Blut“ heißt, wollte er seinen Zuhörern sagen, dass die türkische Rasse edel sei. Noch heute, im Jahr 14 der Herrschaft des Recep Tayyip Erdogan, ist in der Türkei überall der Spruch in Stein gemeißelt: „Ne mutlu Türküm diyene.“ Wie glücklich ist, wer von sich sagen kann, er sei Türke.

          Dabei gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Osmanische Reich zerfiel und sich Atatürk an den Aufbau des türkischen Nationalstaats machte, eine „türkische Rasse“ nicht mehr. Seit tausend Jahren waren türkische Nomadenstämme aus dem Innern Asiens nach Anatolien eingewandert. Da hatten die Griechen die Landbrücke, auf der die Türken siedelten, längst „Mikra Asia“ (Kleinasien) und „Anatole“ (Osten) genannt.

          Vermischung der Völker

          Dort wurden die türkischen Reiterstämme sesshaft, und sie vermischten sich mit anderen Völkern. Zuerst mit den griechischen Byzantinern, in deren Reich sie eindrangen, und mit den Armeniern, die in Anatolien lebten. Dann mit Bosniern und Albanern vom Balkan, mit Kurden und Arabern aus dem oberen Zweistromland, mit Tscherkessen und Tschetschenen, mit Osseten und Georgiern aus dem Kaukasus, mit Lasen von der Schwarzmeerküste sowie Tataren von jenseits des Schwarzen Meers.

          Die islamisierten Turkstämme lösten die christlichen Byzantiner als herrschende Klasse und als Oberschicht ab. Das 1299 gegründete Osmanische Reich unterschied aber nicht zwischen Rassen und Völkern, sondern zwischen Religionen. Alle Muslime gehörten der islamischen „Nation“ (Millet) an, daneben gab es „Millets“ für die orthodoxen Christen, Armenier und Juden. Das Osmanische Reich war jedoch ein Vielvölkerstaat, und gerade die nichtmuslimischen Minderheiten erwiesen sich als Stütze für die Verwaltung des für seine Zeit modernen und effizient geführten Staats. Die Bürger dieses riesigen Vielvölkerstaats sahen sich als stolze „Osmanen“. Der Begriff „Türke“ wurde meist abschätzig für die ländliche Bevölkerung benutzt.

          Osmanische Herrscher

          Dabei waren die osmanischen Herrscher selbst Türken. Osman, der Begründer der Dynastie, gehörte zum yörük-türkmenischen Stamm der Karakecili, die Teil der großen türkischen und halbnomadischen Stammeskonföderation der Oghusen waren. Sehr viele seiner Nachfolger vermählten sich mit nichtmuslimischen Frauen aus dem größer werdenden Herrschaftsgebiet. Die Mächtigste von ihnen war die rothaarige Ukrainerin Roxelane (1506 bis 1558), die Frau an der Seite von Süleyman (1495 bis 1566), den die westliche Geschichtsschreibung nicht zu Unrecht als den „Prächtigen“ bezeichnet.

          Unter Erdogan wird die Türkei nicht islamisch, sondern nationalistischer.

          Der europäische Westen hatte schon früh diese Landbrücke nicht mehr „Kleinasien“ genannt, sondern brachte sie mit den Türken in Verbindung. Erstmals erscheint der Begriff „Türkei“ in einem Bericht über den Kreuzzug von Kaiser Friedrich Barbarossa, der am 10. Juni 1190 in einem Fluss nahe Silifke ertrank. Die Europäer griffen dabei auf byzantinische Geschichtsschreiber zurück, die erst das Siedlungsgebiet dieser nomadisierenden Stämme in Zentralasien „tourkia“ genannt hatten, dann auch Anatolien.

          Wie verbreitet der Begriff „türkisch“gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland war, zeigt eine Episode aus der Eröffnungsfeier des Nord-Ostsee-Kanals vom 20. Juni 1895. An jenem Tag eröffnete Kaiser Wilhelm II. nach acht Jahren Bauzeit den erweiterten Wasserweg, der damals noch „Kaiser-Wilhelm-Kanal“ hieß. Eine Kapelle spielte die Nationalhymnen aller befreundeten Nationen. Als die des Osmanischen Reichs an der Reihe war, fanden die Musiker keine Noten vor. Improvisierend intonierten sie in Anspielung auf den Halbmond und Stern in der osmanischen Flagge das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ – und freuten sich danach darüber, dass sie das gut „getürkt“ hätten.

          „Devlet-i Aliye-i Osmaniye“

          Im Osmanischen Reich war das Türkische Hof- und Staatssprache, das indes viele Lehnwörter aus dem Arabischen und dem Persischen übernahm. Das „Osmanische Reich“ nannte sich „Devlet-i Aliye-i Osmaniye“, also Hoher Osmanischer Staat. Daran knüpfte Atatürk an, als er seinen neuen türkischen Nationalstaat gründete. 1921, zwei Jahre vor der Ausrufung der Republik, schloss er einen Bündnisvertrag mit Afghanistan. In dem war vom „Devlet-i Aliye-i Türkiye“, also Hohen Türkischen Staat, die Rede. Offizieller Staatsname wurde „Türkiye Cumhuriyeti“, die Türkische Republik, und immer mehr wurde das Adjektiv der Eigenname des Staats: „Türkiye“, Türkei.

          Atatürk hatte die Republik am 29. Oktober 1923 ausgerufen. Drei Monate zuvor hatte der Friedensvertrag von Lausanne den Knebelvertrag von Sèvres vom 10. August 1920 revidiert. In Sèvres hatten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Anatolien bis auf ein Rumpfstück um Ankara unter sich aufgeteilt. Noch heute spielt der Vertrag im kollektiven Gedächtnis der Türken eine Rolle, bis heute glauben viele türkische Nationalisten, Europa wolle nichts anderes als die Türkei teilen und schwächen.

          Vielvölkerstaat mit islamischer Legitimation

          Nach dem erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg und der Ausrufung der Republik gab es einen neuen Staat, aber für diesen noch keine Nation. Der Osmane war Vergangenheit, und der Türke als Staatsbürger noch nicht geschaffen. Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat mit islamischer Legitimation. Die Republik sollte ein säkularer, moderner und homogener türkischer Nationalstaat werden. Wer aber war Türke? Die Gründer der Republik bedienten sich ausgerechnet der Religion, um das festzulegen: Wer Muslim war, galt als Türke, auch Kurden oder Araber; die 1,2 Millionen Angehörigen der orthodoxen Kirche wurden zu Griechen erklärt und mussten – ausgenommen blieb Konstantinopel, wie Istanbul bis 1930 offiziell hieß – die Türkei verlassen. Nichtmuslimische Minderheiten galten fortan als „einheimische Ausländer“ (yerli yabancilar).

          Bluttest als Beweis: Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte türkischstämmige Abgeordnete des Bundestags auf, ihre Herkunft nachzuweisen.

          Das Staatsvolk war definiert, aber noch nicht geschaffen. Dazu wurden die sechs Prinzipien Atatürks („alti ok“, die sechs Pfeile) 1931 ausformuliert; sie erhielten Verfassungsrang. Sie sollten eine homogene Nation hervorbringen. Demokratie und Freiheit gehörten nicht zu diesen Prinzipien. Die Geschichte der Türkei wurde daher eine Geschichte der Konflikte mit jenen Gruppen, die sich durch diese sechs Prinzipien ausgestoßen fühlten: Die Kurden lehnten sich gegen den türkischen Nationalismus (milliyetcilik) auf, der sie diskriminiert; die konservativen Muslime gegen das Religionsmonopol des Staats (laiklik); die Linken erkannten das Prinzip der klassenlosen Gesellschaft (halkcilik) nicht an; die Liberalen begehrten gegen die Steuerung der Wirtschaft durch den Staat (devletcilik) auf und gegen des Fehlen von Demokratie im Prinzip des Republikanismus (cumhuriyetcilik); die Träger der Ideologie verrieten selbst das Prinzip der „ständigen revolutionären Umwandlung“ (devrimcilik), als sie den Status quo zum unveränderbaren Dogma erhoben.

          Hitlers Inspiration

          Die Fiktion blieb, dass ein starker Staat mit dem Garanten der Armee eine homogene türkische Nation zu formen habe und führen müsse, dass der Staat seine Ideologie gegen alle Widerstände durchsetzen müsse. Der Historiker Stefan Ihrig zeigt in seiner 2014 erschienenen Monographie „Atatürk in the Nazi Imagination“, wie sich Hitler in den 1920er Jahren vom Befreiungskampf Atatürks hat inspirieren lassen. So habe Hitler etwa 1939 an seinem Geburtstag gesagt: „Die Türkei ist unser Modell.“ Wiederholt sprach er von Atatürk als dem „Stern in der Dunkelheit“. 1936 hatte ein Rundschreiben des Büros der NSDAP für Rassenpolitik die Türken zu „Ariern“ und zu Europäern geadelt.

          Ihrig arbeitet heraus, wie sehr die Nationalsozialisten im türkischen Befreiungskrieg „die“ nationale Revolution ihrer Zeit sahen und in Atatürks Republik das vorweggenommene Führerprinzip, wie sie den modernen türkischen Staat bewunderten, seine „völkische gute Praxis“ als Gegenmodell zum Vielvölkerstaat Osmanisches Reich und besonders die Art, wie dieser mit „Minderheitenfragen“ umging. Häufig verwendete Hitler „Juden, Armenier und Griechen“ als Beispiele für „minderwertige Rassen“ in einem Atemzug. Die gleichgeschaltete Nazipresse feierte die Auslöschung der Armenier (1915) rückblickend als den Beginn des Aufstiegs der „Neuen Türkei“, als eines wahrhaft türkisch-nationalen Staats.

          Hundert Jahre später spricht Erdogan wieder von einer „Neuen Türkei“, die zu schaffen er gekommen sei. Im Land Erdoganistan, in das sich die Türkei verwandelt, gibt es zwar noch keine ausformulierte Ideologie des Erdoganismus, die den Kemalismus Atatürks ablösen könnte. In vielem folgt Erdogan aber Atatürk. Wenn sich eines nach den Auslassungen Erdogans in den vergangenen Wochen sagen lässt, dann dies: Unter Erdogan wird das Land nicht islamisch, sondern noch nationalistischer, als es bereits war.

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