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Identitätsfrage : Glücklich, wer ein Türke ist

Vielvölkerstaat mit islamischer Legitimation

Nach dem erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg und der Ausrufung der Republik gab es einen neuen Staat, aber für diesen noch keine Nation. Der Osmane war Vergangenheit, und der Türke als Staatsbürger noch nicht geschaffen. Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat mit islamischer Legitimation. Die Republik sollte ein säkularer, moderner und homogener türkischer Nationalstaat werden. Wer aber war Türke? Die Gründer der Republik bedienten sich ausgerechnet der Religion, um das festzulegen: Wer Muslim war, galt als Türke, auch Kurden oder Araber; die 1,2 Millionen Angehörigen der orthodoxen Kirche wurden zu Griechen erklärt und mussten – ausgenommen blieb Konstantinopel, wie Istanbul bis 1930 offiziell hieß – die Türkei verlassen. Nichtmuslimische Minderheiten galten fortan als „einheimische Ausländer“ (yerli yabancilar).

Bluttest als Beweis: Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte türkischstämmige Abgeordnete des Bundestags auf, ihre Herkunft nachzuweisen.

Das Staatsvolk war definiert, aber noch nicht geschaffen. Dazu wurden die sechs Prinzipien Atatürks („alti ok“, die sechs Pfeile) 1931 ausformuliert; sie erhielten Verfassungsrang. Sie sollten eine homogene Nation hervorbringen. Demokratie und Freiheit gehörten nicht zu diesen Prinzipien. Die Geschichte der Türkei wurde daher eine Geschichte der Konflikte mit jenen Gruppen, die sich durch diese sechs Prinzipien ausgestoßen fühlten: Die Kurden lehnten sich gegen den türkischen Nationalismus (milliyetcilik) auf, der sie diskriminiert; die konservativen Muslime gegen das Religionsmonopol des Staats (laiklik); die Linken erkannten das Prinzip der klassenlosen Gesellschaft (halkcilik) nicht an; die Liberalen begehrten gegen die Steuerung der Wirtschaft durch den Staat (devletcilik) auf und gegen des Fehlen von Demokratie im Prinzip des Republikanismus (cumhuriyetcilik); die Träger der Ideologie verrieten selbst das Prinzip der „ständigen revolutionären Umwandlung“ (devrimcilik), als sie den Status quo zum unveränderbaren Dogma erhoben.

Hitlers Inspiration

Die Fiktion blieb, dass ein starker Staat mit dem Garanten der Armee eine homogene türkische Nation zu formen habe und führen müsse, dass der Staat seine Ideologie gegen alle Widerstände durchsetzen müsse. Der Historiker Stefan Ihrig zeigt in seiner 2014 erschienenen Monographie „Atatürk in the Nazi Imagination“, wie sich Hitler in den 1920er Jahren vom Befreiungskampf Atatürks hat inspirieren lassen. So habe Hitler etwa 1939 an seinem Geburtstag gesagt: „Die Türkei ist unser Modell.“ Wiederholt sprach er von Atatürk als dem „Stern in der Dunkelheit“. 1936 hatte ein Rundschreiben des Büros der NSDAP für Rassenpolitik die Türken zu „Ariern“ und zu Europäern geadelt.

Ihrig arbeitet heraus, wie sehr die Nationalsozialisten im türkischen Befreiungskrieg „die“ nationale Revolution ihrer Zeit sahen und in Atatürks Republik das vorweggenommene Führerprinzip, wie sie den modernen türkischen Staat bewunderten, seine „völkische gute Praxis“ als Gegenmodell zum Vielvölkerstaat Osmanisches Reich und besonders die Art, wie dieser mit „Minderheitenfragen“ umging. Häufig verwendete Hitler „Juden, Armenier und Griechen“ als Beispiele für „minderwertige Rassen“ in einem Atemzug. Die gleichgeschaltete Nazipresse feierte die Auslöschung der Armenier (1915) rückblickend als den Beginn des Aufstiegs der „Neuen Türkei“, als eines wahrhaft türkisch-nationalen Staats.

Hundert Jahre später spricht Erdogan wieder von einer „Neuen Türkei“, die zu schaffen er gekommen sei. Im Land Erdoganistan, in das sich die Türkei verwandelt, gibt es zwar noch keine ausformulierte Ideologie des Erdoganismus, die den Kemalismus Atatürks ablösen könnte. In vielem folgt Erdogan aber Atatürk. Wenn sich eines nach den Auslassungen Erdogans in den vergangenen Wochen sagen lässt, dann dies: Unter Erdogan wird das Land nicht islamisch, sondern noch nationalistischer, als es bereits war.

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