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Identitätsfrage : Glücklich, wer ein Türke ist

Osmanische Herrscher

Dabei waren die osmanischen Herrscher selbst Türken. Osman, der Begründer der Dynastie, gehörte zum yörük-türkmenischen Stamm der Karakecili, die Teil der großen türkischen und halbnomadischen Stammeskonföderation der Oghusen waren. Sehr viele seiner Nachfolger vermählten sich mit nichtmuslimischen Frauen aus dem größer werdenden Herrschaftsgebiet. Die Mächtigste von ihnen war die rothaarige Ukrainerin Roxelane (1506 bis 1558), die Frau an der Seite von Süleyman (1495 bis 1566), den die westliche Geschichtsschreibung nicht zu Unrecht als den „Prächtigen“ bezeichnet.

Unter Erdogan wird die Türkei nicht islamisch, sondern nationalistischer.

Der europäische Westen hatte schon früh diese Landbrücke nicht mehr „Kleinasien“ genannt, sondern brachte sie mit den Türken in Verbindung. Erstmals erscheint der Begriff „Türkei“ in einem Bericht über den Kreuzzug von Kaiser Friedrich Barbarossa, der am 10. Juni 1190 in einem Fluss nahe Silifke ertrank. Die Europäer griffen dabei auf byzantinische Geschichtsschreiber zurück, die erst das Siedlungsgebiet dieser nomadisierenden Stämme in Zentralasien „tourkia“ genannt hatten, dann auch Anatolien.

Wie verbreitet der Begriff „türkisch“gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland war, zeigt eine Episode aus der Eröffnungsfeier des Nord-Ostsee-Kanals vom 20. Juni 1895. An jenem Tag eröffnete Kaiser Wilhelm II. nach acht Jahren Bauzeit den erweiterten Wasserweg, der damals noch „Kaiser-Wilhelm-Kanal“ hieß. Eine Kapelle spielte die Nationalhymnen aller befreundeten Nationen. Als die des Osmanischen Reichs an der Reihe war, fanden die Musiker keine Noten vor. Improvisierend intonierten sie in Anspielung auf den Halbmond und Stern in der osmanischen Flagge das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ – und freuten sich danach darüber, dass sie das gut „getürkt“ hätten.

„Devlet-i Aliye-i Osmaniye“

Im Osmanischen Reich war das Türkische Hof- und Staatssprache, das indes viele Lehnwörter aus dem Arabischen und dem Persischen übernahm. Das „Osmanische Reich“ nannte sich „Devlet-i Aliye-i Osmaniye“, also Hoher Osmanischer Staat. Daran knüpfte Atatürk an, als er seinen neuen türkischen Nationalstaat gründete. 1921, zwei Jahre vor der Ausrufung der Republik, schloss er einen Bündnisvertrag mit Afghanistan. In dem war vom „Devlet-i Aliye-i Türkiye“, also Hohen Türkischen Staat, die Rede. Offizieller Staatsname wurde „Türkiye Cumhuriyeti“, die Türkische Republik, und immer mehr wurde das Adjektiv der Eigenname des Staats: „Türkiye“, Türkei.

Atatürk hatte die Republik am 29. Oktober 1923 ausgerufen. Drei Monate zuvor hatte der Friedensvertrag von Lausanne den Knebelvertrag von Sèvres vom 10. August 1920 revidiert. In Sèvres hatten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Anatolien bis auf ein Rumpfstück um Ankara unter sich aufgeteilt. Noch heute spielt der Vertrag im kollektiven Gedächtnis der Türken eine Rolle, bis heute glauben viele türkische Nationalisten, Europa wolle nichts anderes als die Türkei teilen und schwächen.

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