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Wende im Syrien-Krieg : Der einsame Kampf der Kurden

Im blutigen Kampf gegen den IS: kurdischer Kämpfer in Nordsyrien Bild: Helmut Fricke

Im Krieg gegen den IS waren die Kurden bislang die wichtigsten Verbündeten des Westens. Doch die Unterstützung schwindet. Denn mit der türkischen Militäroffensive in Syrien droht das Blatt sich nun zu wenden.

          Noch in der vergangenen Woche hatte die Türkei ein Ziel erreicht: Sie hatte der skeptischen Welt gezeigt, dass auch sie gegen den „Islamischen Staat“ (IS) kämpft und an der Seite gemäßigter Rebellen wie der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) steht. In nur wenigen Stunden hatte die türkische Armee die Kämpfer des IS aus der Grenzstadt Dscharabulus vertrieben; unter dem Schutz türkischer Soldaten rückten Einheiten der FSA nach.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Seit dem zweiten Tag der Operation „Schutzschild Euphrat“, der größten türkischen Militäraktion seit dem Beginn des Kriegs in Syrien, die am Mittwoch begonnen hatte, steht das andere, das größere Ziel im Vordergrund. Türkische F16-Flugzeuge, die auf der Luftwaffenbasis Incirlik stationiert sind, auf der Basis für den Krieg gegen den IS also, beschießen seither nur noch Stellungen der syrischen Kurden, und türkische Panzer liefern sich auf syrischem Boden Gefechte mit den kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG).

          Am Wochenende wurde bei einem Angriff mit einer Panzerabwehrrakete erstmals in der Operation ein türkischer Soldat getötet. Am Sonntag meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, dass bei der Beschießung der Gemeinde Dscheb al Kussa durch türkische Artillerie 20 Zivilisten getötet und 50 verletzt worden seien. Die Gefechte dauern auch nahe Dscharabulus um die Kleinstadt al Amarna an, die die Kurden weiter gegen die türkische Armee verteidigen.

          Operation „Schutzschild Euphrat“

          Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete ferner, dass türkische Kampfflugzeuge kurdische Stellungen nördlich der Stadt Manbidsch beschießen. Denn die türkische Armee will verhindern, dass die kurdischen Einheiten von Manbidsch weiter nach Norden Richtung Dscharabulus vorstoßen. Die Allianz der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF), die sich aus kurdischen YPG und arabischen Kämpfern der Region zusammensetzt, hatte den IS am 12. August aus Manbidsch vertrieben.

          Für die türkische Armee ist die „Operation „Schutzschild Euphrat“ ein erster Bewährungstest seit dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli. Fast die Hälfte der türkischen Generäle sind seither festgenommen worden, zudem viele Tausend Offiziere und einfache Soldaten. Mit der Offensive im Norden Syriens will die türkische Führung demonstrieren, dass die Armee weiter voll einsatzfähig ist.

          Machtverschiebung in der Armee

          Erleichtert wird die Operation durch eine Machtverschiebung, die in der Generalität stattgefunden hat. Die meisten der festgenommenen Generäle hatten zum transatlantischen Flügel der Armee gezählt; jetzt sind nach Ansicht türkischer Kenner die Generäle in der Mehrheit, die zum eurasischen Flügel zählen. Für diesen Flügel stehen die regionalen Interessen der Türkei im Vordergrund, vor allem die Verhinderung eines kurdischen Staats.

          Der eurasische Flügel sieht Russland grundsätzlich als Partner. Die Verbesserung der bilateralen Beziehungen seit dem Treffen der Präsidenten Erdogan und Putin am 9. August erleichtert die türkische Operation weiter. Seit zwischen Ankara und Moskau wieder weitgehend Einvernehmen herrscht, braucht die Türkei nicht zu fürchten, dass Russland die türkische Offensive auf syrischem Boden abblockt. Dazu passt, dass die Türkei – der amerikanische Vizepräsident Joe Biden war am Donnerstag gerade abgereist – den Besuch des russischen Generalstabschefs Valeri Gerassimow in Ankara angekündigt hat. So hat Russland bisher nicht zur Verteidigung der kurdischen Truppen eingegriffen, mit denen sie lose verbündet waren.

          Verbitterung macht sich breit

          Bei den Kurden macht sich abermals Verbitterung breit. Moskau kommt ihnen nicht zu Hilfe, auch nicht Washington. Biden hatte die Kurden am vergangenen Mittwoch aufgefordert, sich in die Gebiete östlich des Euphrats zurückzuziehen; ansonsten würden sie die militärische Unterstützung Amerikas verlieren. Da hatte die Operation „Schutzschild Euphrat“ gerade begonnen, und Biden erweckte den Anschein, dass das türkische Vorgehen mit Washington abgestimmt sei.

          Türkische Offensive: Präsident Erdogan befürchtet das Erstarken kurdischer Truppen – auch  im eigenen Land.

          Dabei hatten die Vereinigten Staaten nur wenige Tage zuvor die syrischen Kurden für die Vertreibung des IS aus der strategisch wichtigen Stadt Manbidsch gelobt. Dazu beigetragen hat die Unterstützung durch amerikanische Luftschläge. Nach dem Ultimatum Bidens hat jedoch der für Syrien und den Irak zuständige amerikanische Kommandant, General Stephen Townsend, die amerikanischen Soldaten in den kurdischen YPG-Einheiten angewiesen, sich auf der Luftwaffenbasis Rumailan nahe Hassakeh einzufinden; zudem erhalten die YPG-Einheiten keine amerikanische Munition mehr und keine geheimdienstlichen Erkenntnisse aus der Luftüberwachung der Gebiete, in denen die türkisch-kurdischen Gefechte stattfinden. Die Kurden sollen darauf mit einer Blockade der wichtigsten Zufahrtsstraße nach Rumailan geantwortet haben.

          Halbherziger Krieg

          Bei den Kurden macht sich das Gefühl bereit, dass die Großmächte sie wieder einmal fallen lassen. Das war nach der Vertreibung des Iraks aus Kuweit der Fall, als die Vereinigten Staaten im Irak die Kurden und die Schiiten zu einem Aufstand gegen den Diktator Saddam Hussein ermuntert hatten, dann aber keine Hilfe leisteten, sodass Saddam Hussein die Aufstände brutal niederschlug, bis im April 1991 eine Flugverbotszone in Kraft trat. Bereits 1975 ging Saddam Hussein nach einem Friedensschluss mit dem iranischen Schah, einem Verbündeten Washingtons, mit größter Brutalität gegen die irakischen Kurden vor, als dieser die Kurden zugunsten von Gebietsgewinnen im Schatt al Arab fallen ließ.

          Diesmal scheinen sich die Kurden nicht dem Willen Washingtons zu beugen, und sie geben der türkischen Forderung nicht nach, das Gelände an die Türkei abzutreten, das sie in den vergangenen Monaten vom IS erobert haben. Sie ziehen sich also keineswegs von dem Territorium westlich des Euphrats zurück, wie es Biden gefordert hatte, sondern stellen sich dort der türkischen Armee entgegen. Salih Muslim, der Vorsitzende der größten Partei der syrischen Kurden, PYD, drohte zu Beginn der türkischen Offensive sogar, die Türkei werde ebenso wie der IS besiegt werden.

          In dem Krieg gegen den IS waren die Kurden aus Syrien und dem Irak bislang die wichtigsten Verbündeten des Westens. Die türkische Operation „Schutzschild Euphrat“ stellte den weiteren Verlauf dieses Kriegs aber in Frage. Denn die Türkei führt diesen Krieg bestenfalls halbherzig, und Amerika ist dabei, die Unterstützung der Kurden zu verlieren. Ohne die ist die Rückeroberung von Raqqa, der syrischen „Hauptstadt“ des IS, aber kaum möglich, und bei der Rückeroberung von Mossul müsste sich Amerika ganz auf die schiitischen Milizen verlassen, was die Erfolgswahrscheinlichkeit schmälert.

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