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U-Boot-Havarie : Russische Vernebelungskünste

Bild: dpa

Die Bemühungen, die sieben Matrosen aus ihrem havarierten U-Boot zu befreien, laufen auf Hochtouren. Wird die Sauerstoff an Bord reichen? Die Russen erleben derweil ein déjà vu: Es ist wie beim Untergang der „Kursk“. Der Staat informiert seine Bürger falsch.

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          Es handelt sich nur um ein kleines Rettungs-Tauchboot namens AS-28 mit sieben Mann Besatzung, das in 190 Meter Tiefe vor der Halbinsel Kamtschatka am Boden liegt. Doch die Umstände, mit denen die Nachricht vom Unglück an die Öffentlichkeit kam, erinnern viele Russen an das Unglück des Atom-U-Boots "Kursk", das vor fünf Jahren, im August 2000, in der Barentssee havarierte. Wie damals teilte die russische Marine zunächst eine erfundene Geschichte mit. Bei einer Routineübung habe sich ein U-Boot vor Kamtschatka in einem Fischernetz verfangen, hieß es. Erst am Freitag abend gab man die wahren Umstände zu: Das Tauchboot hängt an einem unterirdischen Lauschgerät fest, das mit einem 60 Tonnen schweren Anker auf dem Meeresboden festgemacht ist.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Dieses Lauschgerät hatten die Männer von der AS-28 reparieren sollen. Nun gehen Sauerstoff und Energie aus. Doch die Marineführung teilt immer noch mit, der Zustand der sieben sei "zufriedenstellend". Während ein Marinesprecher mitteilt, der Sauerstoff reiche "sicher bis zum Ende der Rettungsaktion", könnte er nach inoffiziellen Angaben noch in der Nacht zum Sonntag knapp werden.

          Kaum jemand glaubt den offiziellen Beteuerungen

          Die Russen glauben den offiziellen Beteuerungen kaum. Zu oft sind sie bei Katastrophen und Terroakten belogen worden, bei Tschernobyl und zuletzt beim Geiseldrama in Beslan, bei der terroristischen Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater und vor allem beim Untergang der "Kursk". Damals waren alle 118 Mann Besatzung ums Leben gekommen. Und die Marineführung hatte gelogen. "Zu 80 Prozent ist es sicher, daß es ein ausländisches U-Boot war, und die fehlenden zwanzig Prozent finden wir auch noch!" hatte der Chef der Seekriegsflotte, Admiral Kurojedow, damals behauptet. In Wirklichkeit war die "Kursk" mit einem defekten Torpedo ausgelaufen. Das Torpedo explodierte beim Versuch, es zur Rettung des Schiffes abzuschießen, und brachte die übrigen Torpedos zur Explosion. Doch die russischen Admiräle erzählten monatelang weiter die Mär vom Zusammenstoß mit dem ausländischen Boot.

          Die Moskauer Zeitungen kritisierten am Samstag den unaufrichtigen Umgang mit dem aktuellen Unfall. Er habe sich schon gegen zwei Uhr mitteleuropäischer Zeit am Donnerstag ereignet, berichtete die Zeitung "Kommersant". Doch sei er erst 23 Stunden später über die staatliche Nachrichtenagentur Ria-Nowosti bekanntgegeben worden. Auch der Zustand des russischen Rettungsgeräts sei verschwiegen worden. So habe die "Georgij Kosmin", das Mutterschiff des Tauchbootes, kein zweites Tauchboot besessen, das hätte zur Hilfe kommen können. Auch das Rettungsschiff "Alages" brachte keine Kleinst-U-Boote zum Unglücksort mit, deren Einsatz notwendig gewesen wäre. "In den fünf Jahren seit dem Untergang des Atom-U-Boots ,Kursk' hat sich nichts geändert", zitierte die "Komsomolskaja Prawda" einen russischen Marineangehörigen. "Die Militärs vernebeln wieder den Zivilisten die Gehirne."

          Wenigstens rasch ausländische Hilfe gerufen

          Tatsächlich hat es zahlreiche Unglücke in den vergangenen Jahren gegeben. Nach der Auflösung der Sowjetunion vollzog sich der Niedergang der Marine noch schneller als jener der anderen Streitkräfte. Die Überseestützpunkte der Marine gingen verloren, mit der Unabhängigkeit der Balten auch Moskaus Vorherrschaft in der Ostsee. Die Zahl der U-Boote und der Überwasserschiffe ging bis Präsident Putins Amtsantritt um 80 Prozent zurück. Manöver fanden fast nicht mehr statt. Putin versuchte gegenzusteuern, doch zwischen seinen Zielen und den Mitteln, sie zu erreichen, klafft eine große Lücke.

          Wie beim Untergang der "Kursk" reagierte Putin zunächst nicht öffentlich. Am Samstag schickte er Verteidigungsminister Sergej Iwanow an den Unglücksort. Allerdings forderte die Marine - anders als im Fall der "Kursk" - rasch ausländische Hilfe an. Auf dem Gerät aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien ruht nun die Hoffnung. Doch steckten die rasch nach Kamtschatka verlegten Tauchroboter am Samstag erst einmal auf der Halbinsel im russischen Fernen Osten fest. Beim Umladen auf die russischen Schiffe gingen viele Stunden verloren. Die Sorge um die sieben Besatzungsmitglieder steigt indes. Denn in dem nur 13,5 Meter langen Tauchgerät herrscht eine Temperatur von nur fünf bis sieben Grad. Ob es noch Kontakt zu den Besatzungsmitgliedern gibt, wie behauptet, wurde am Samstag angezweifelt. Die Batterien des U-Boots seien vor dem Erlöschen.

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