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TV-Streitgespräche : Duell mit Überlänge?

Merkel in der ARD: Fauxpas mit Brutto und Netto Bild: AP

An diesem Mittwoch werden die Sekundanten von SPD und Union noch einmal miteinander verhandeln, ob es zwischen Kanzler Schröder und Herausforderin Merkel nun ein oder zwei „Fernsehduelle“ geben wird.

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          Wahrscheinlich ist das Duell vor dem Duell, also gleichsam der Kampf der Sekundanten, der weitaus dramatischere Kampf.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Da stehen einander gegenüber: für Gerhard Schröder sein Regierungssprecher Bela Anda und SPD-Bundesgeschäftsführer Karl Josef Wasserhövel; für Angela Merkel auf der anderen Seite CDU-Generalsekretär Volker Kauder, die Sprecherin Eva Christiansen und Willi Hausmann, der ehemalige CDU-Bundesgeschäftsführer, der nun die Kanzlerkandidatin im Wahlkampf berät.

          Union: „Eines oder keines“

          Zwar ist Schröder der Amtsinhaber und Frau Merkel die Herausforderin, doch zumindest im Vorkampf sind die Rollen umgekehrt verteilt. Da befinden sich Schröders Getreue im Angriff und die Unionsleute in der Verteidigung.

          TV-Streitgespräche : Duell mit Überlänge?

          Das ist das Gesamtbild, und dieser Eindruck ist wohl politisch bedeutsamer als die Sache, die hier den Anlaß zum Streit gegeben hat: Soll es nun zwei Streitgespräche geben, die im Fernsehen übertragen werden, oder nur eines? An diesem Mittwoch werden die Sekundanten noch einmal miteinander verhandeln, nachdem die Runde am vergangenen Samstag ergebnislos auseinandergegangen war. Dabei haben sich die Unionsleute stärker festgelegt als die Kanzlergetreuen: „eines oder keines“.

          „Schröder soll mit den Mätzchen aufhören“

          Für die SPD ist die ganze Sache ein gefundenes Fressen. Bei allen Gelegenheiten unterstellen ihre Wahlkämpfer (vor allem der Bundeskanzler) der Kanzlerkandidatin mehr oder weniger direkt, sie kneife. Und sie legen immer wieder ein Brikett nach, auf daß das Feuer weiter brenne.

          Schröder zuletzt: „Mein ernsthafter Vorschlag wäre: Wenn Frau Merkel keine Zeit hat, soll sie doch Herrn Stoiber zum zweiten Duell schicken.“ Mit der Betonung der Ernsthaftigkeit ist schon auf die offenkundige Unernsthaftigkeit des Vorschlags hingewiesen, dennoch entgegnete der CSU-Vorsitzende: „Schröder soll mit den Mätzchen aufhören.“

          Die zwei Herzen der FDP

          Warum aber gibt sich die CDU-Vorsitzende diese Blöße? Guido Westerwelle, der Kollege von der FDP, hat darauf - fix wie stets - schon zu einem Zeitpunkt eine Antwort gegeben, als die Frage noch gar nicht gestellt war. So erkenntnis- wie aus CDU-Sicht wenig hilfreich riet er Frau Merkel überhaupt von einem Streitgespräch mit dem Bundeskanzler ab und veranschaulichte den Grund dafür mit einem Bild aus der reichen Welt des Sports: Wer Boris Becker besiegen wolle, der fordere ihn nicht im Tennisspiel heraus, sondern im Schach.

          Der FDP müssen nun angesichts des Spektakels, das mit sommerlicher Heißluft zusätzlich Auftrieb bekommt, zwei Herzen, ach! in der Brust schlagen. Denn einerseits dürfte sie daran interessiert sein, daß der Wahlkampf so wenig wie möglich auf die beiden Spitzenkandidaten der Volksparteien fokussiert wird, denn erfahrungs- und naturgemäß werden die kleinen Parteien dann nur noch unscharf wahrgenommen. Andererseits weiß man auch: Wenn die CDU so schwach wird, daß es nicht mehr zu einer schwarz-gelben Mehrheit langt, dann hat man sich selbst ins Knie geschossen.

          Keine Angst vor den telegenen Fähigkeiten des Kanzlers

          Die CDU bietet nun an, zwar nur ein Streitgespräch zu führen, aber dafür gerne in Überlänge: 60, 90 oder auch 120 Minuten. Das reiche, um alle Fragen anzusprechen, sagte Kauder am Dienstag. Dem Argument Andas, es gebe gleichsam schon ein Gewohnheitsrecht auf ein Rückspiel, hält Kauder die besonderen Umstände entgegen, nämlich den „außergewöhnlich kurzen Wahlkampf“.

          Im Terminkalender von Merkel sei „überhaupt kein Tag mehr frei“, sie wolle schließlich in allen 16 Bundesländern auftreten, sie solle „mit den Menschen ins Gespräch“ kommen, es dürfe keinen reinen Medienwahlkampf geben. Kauder versuchte sogar den Gegenangriff: Schröder brauche wohl zwei Duelle, um zu zeigen, „was er für ein Held ist“. Kauder bestritt im übrigen die Vermutung, man habe Angst vor den telegenen Fähigkeiten des Kanzlers: Auch Frau Merkel könne das „sehr gut“.

          Merkels Fauxpas mit Brutto und Netto

          Leider hatte die Kanzlerkandidatin da unter kräftiger Mithilfe ihrer Bundesgeschäftsstelle schon ein weiteres Brikett zurechtgelegt, das diesmal der sozialdemokratische Oberheizer Ludwig Stiegler aus Bayern in den Ofen werfen durfte. Er zitierte Frau Merkel aus ihrem „Sommerinterview“ der ARD: „Der interessante Effekt, den wir haben, ist ja, daß für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Bruttolöhne um ein Prozent sinken, wenn wir die Lohnzusatzkosten senken.“

          Dazu Stiegler: „Nein, Frau Merkel, nicht die Bruttolöhne würden sinken, sondern die Nettolöhne würden steigen.“ Ob die Kanzlerkandidatin etwa den Unterschied zwischen brutto und netto und zusätzlich zwischen „rauf und runter“ nicht kenne? Noch dazu habe man in der Parteizentrale zwar den Fehler bemerkt und in der Wiedergabe auf ihrer Internetseite berichtigt, doch nur zur Hälfte:

          Beim Senken der Lohnzusatzkosten würden „die Bruttolöhne um ein Prozent steigen“. Inzwischen ist auch dieser Fehler bereinigt, nun würden „die Nettolöhne um ein Prozent steigen“; freilich fehlt ein Hinweis auf die Veränderung des Wortlauts im wiedergegebenen „Wortlaut“. Stiegler wäre freilich nicht Stiegler, wenn er nicht in seinem Resümee eine persönliche Ausfälligkeit untergebracht hätte: „Klar wird jetzt, warum Frau Merkel-Kneifer eine Rückrunde beim Fernsehgespräch vermeiden möchte.“

          (Siehe auch: Schröder: TV-Duell mit Stoiber, wenn Merkel kneift)

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