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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Übertreibungen, acht Wochen später

  • -Aktualisiert am

Auch im Studio bei „Maybritt Illner“ wird die nötige körperliche Distanz zwischen den Diskussionsteilnehmern gewahrt. Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Ende Januar hätte wohl niemand geglaubt, dass wir heute in unseren Wohnungen sitzen. Insofern lohnte sich bei „Maybrit Illner“ das Nachdenken über die Frage, warum wir das eigentlich tun.

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          Wer wissen will, was die Deutschen Anfang Februar beschäftigt hat, muss in die noch ungeschriebenen zeitgeschichtlichen Standardwerke hineinsehen. Am 6. Februar war der FDP-Politiker Thomas Kemmerich in Erfurt mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Ein historischer Dammbruch, so hieß es sogar aus Südafrika. Dieses welthistorische Ereignis absorbierte die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit. Zur gleichen Zeit gab es Bilder aus China von einem zusammenbrechenden Gesundheitssystem mit verzweifelten Ärzten und Pflegepersonal. Menschen warteten vor hoffnungslos überfüllten Krankenhäusern, kollabierten auf offener Straße. Aber selbst Bundesgesundheitsminister Jens Spahn war mehr mit Erfurt als mit der sich ausbreitenden Epidemie im fernen China beschäftigt. Es stand schließlich das Schicksal der CDU auf dem Spiel.

          Einen Tag vorher schrieb Achim Theiler eine Mail an den Bundesgesundheitsminister und andere führenden Repräsentanten der deutschen Politik. Er ist Geschäftsführer der Franz Mensch GmbH, eines Herstellers und Großhändlers für Hygieneartikel, Mundschutz und Atemschutzmasken. Es ging dort um die wegen der Ereignisse in China absehbare Verknappung von Schutzmaterialien, so berichtete Theiler gestern Abend. Eine Antwort habe er nicht bekommen.

          Interessanterweise sei ihm die Sprengkraft dieser Epidemie erst nach der Illner-Sendung vom 30. Januar klar geworden, als er dort den Arzt Johannes Wimmer gehört habe. Diese muss schon heute als ein zeitgeschichtliches Dokument gelten. Wimmer galt dort als eine Art Störenfried. Sah uns doch der Bundesgesundheitsminister an diesem 30. Januar wegen der Lehren aus der SARS-Epidemie von 2002/03 als gut vorbereitet an. Zudem sprach die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann abgewogene Worte, die immer gut ankommen. Die Sorgen seien berechtigt, Übertreibungen jedoch vollkommen unangemessen, so der Sachstand an diesem Tag. Schon damals gab es Warnungen vor Fake News und einem irrationalen Hype, vor dem etwa an diesem denkwürdigen Abend Georg Restle in einem Monitor-Beitrag für die ARD warnte.

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          Für Theiler war es an diesem 26. März immer noch nicht „nachvollziehbar, dass wir so schlecht vorbereitet waren.“ Das sollte jetzt geklärt sein: Im Abwehrkampf gegen einen FDP-Ministerpräsidenten blieb für Pandemie-Vorbereitung keine Zeit, selbst wenn sogar der öffentlich-rechtliche Chefaufklärer Restle das welthistorische Ereignis von Erfurt längst vergessen haben sollte. Dafür sitzen wir heute am fünften Tag des bundesweiten Kontaktverbotes in unseren Wohnungen, ohne dass es die Zuschauer für eine Übertreibung oder einen irrationalen Hype zu halten scheinen. So konnte diese Sendung beim Dauerbrenner Pandemie zwar gewisse Redundanzen nicht vermeiden, etwa wenn sich die Krankenschwester Yvonne Falckner für die bessere Bezahlung von Pflegekräften einsetzte. Aber die Sendung sprach einen zentralen Punkt an, was vor allem dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach zu verdanken war. Nach drei Tagen des Lockdowns ist nämlich schon eine wachsende Ungeduld über dessen Ende festzustellen. Dabei ist es eigentlich unumstritten, diese Maßnahmen der weitgehenden Einschränkung wirtschaftlicher und sozialer Aktivitäten bis zum 19. April fortsetzen zu müssen. Ansonsten wird es keine validen Ergebnisse zur temporären Eindämmung der Infektionsrate geben können. Lauterbach machte aber deutlich, dass die Diskussion über die Strategie der Pandemie-Bekämpfung ohne eine Definition des zu erreichenden Zieles sinnlos ist. Man solle „nicht über die Strategie reden, wenn man kein Ziel“ habe.

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