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TV-Kritik: Maischberger : Maischbergers Menschenzoo

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger ließ in ihrer Sendung Flüchtlinge zu Wort kommen. Bild: dpa

Es sollte die Stunde der Flüchtlinge im deutschen Fernsehen werden: Tatsächlich haben die Einwanderer bei Maischberger anschaulich von ihren Schicksalen berichtet. Doch weder die Moderatorin noch die beiden anderen Gäste hörten ihnen offenbar zu.

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          Aus unerfindlichen Gründen suchte Frau Maischberger an diesem Abend Zuflucht bei dem Begriff der Kulturkreise, der Ende des vorletzten Jahrhunderts durch den deutschen Ethnologen Leo Frobenius geprägt wurde. In der wissenschaftlichen Praxis gilt er als ausgemustert, ist aber, nicht nur im Sprachgebrauch der Moderatorin, als unverstandenes Relikt erhalten geblieben. Man kann ihr zugute halten, dass sie das ohne Argwohn tat, bei der Vorbereitung der Sendung durch ihre Redaktion aber auch nicht davon abgehalten wurde. Unnötig leistete sie damit einer Haltung Vorschub, welche die derzeitige Situation aus völkischen Motiven umzudeuten und so den politischen Streit über die Flüchtlingskrise zu polarisieren versucht.

          Besser wäre sie der Ankündigung ihrer Sendung treu geblieben und tatsächlich den Geschichten der Gäste genauer nachgegangen. Es hätte nicht nur ermöglicht, ihre Fluchtmotive zu verstehen. Es hätte auch illustriert, zu welchen Anpassungsleistungen sie infolge dieser Not fanden. So aber verwandelte Sandra Maischberger ihre Sendung unfreiwillig in eine Doppelblindstudie, bei der die Versuchspersonen nicht wissen, ob sie der Experimental- oder der Kontrollgruppe angehören. Mit sichtbarer Irritation beobachteten die Gäste aus Syrien und Iran, in welch seltsamen Streit die Deutschen über sie gelangten. Die Sendung wurde unnötig unterkomplex und schließlich auch unwürdig.

          Jasmin Taylor, erfolgreiche Tourismusunternehmerin, floh als 17-Jährige vor dem ersten Golfkrieg aus Iran nach Deutschland. Tagtägliche Bombenangriffe hatten sie als Mädchen bis an den Rand des Suizids getrieben, um der Todesangst durch den Freitod zu entkommen. Ähnlich ging es dem jungen Syrer Majd al Hosaini, der durch Heckenschützen der syrischen Armee schwer verletzt wurde. Sein Vater sorgte dafür, dass er über Ägypten nach Europa fliehen konnte. Auch der 17-jährige Junge hatte auf der Überfahrt mit dem überfüllten kleinen Schleuserboot mit dem Leben schon abgeschlossen. Der Arzt Dilovan Alnouri floh aus Damaskus, weil er Verletzte der Freien Syrischen Armee behandelt hatte und deshalb vom Assad-Regime mit dem Tode bedroht wurde.

          Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden

          Caren Miosga hatte der Kollegin in Köln zuvor eine Steilvorlage geboten. Im letzten Beitrag der Tagesthemen berichtete sie über die Lage vor dem Berliner LaGeSo, über die der Pro-Asyl-Vertreter Bernd Mesovic nüchtern urteilt, dass die Berliner Verwaltung offenbar unfähig sei, Abläufe zielgerichtet zu gestalten. Hätte Frau Maischberger diesen Befund aufgegriffen, wäre es ihr dramatisch wirkungsvoller gelungen, die aus eigener Kraft und Anstrengung erfolgten Integrationsleistungen ihrer Gäste verständlich zu vermitteln. Sie hat das schiere Erlebnis der Rettung vor dem Tode nicht in seiner Dramatik verstanden und zog es trotz der viel versprechenden Ankündigung ihrer Sendung vor, eine Eselsbrücke des Verstehenwollens von der deutschen Not aus zu bahnen. „52 Prozent der Deutschen machen sich Sorgen.“ So leitet sie ihre Moderation ein und verwandelt damit die Märtyrer des Überlebens, ihre Studiogäste, in stellvertretende Problembären.

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