https://www.faz.net/-gpf-nnoi

Turkmenistan : Nichts wie raus aus Stalins Disneyland!

Vermutet seine Feinde überall: Staatspräsident Nijasow Bild: dpa

Der ehemalige kommunistische Parteichef Sapamurat Nijasow will die Russen aus Turkmenistan vertreiben. Etwa 100000 Bürger stehen nun vor der Wahl: Entweder sie werden Turkmenen, oder sie müssen das Land verlassen.

          Irgend jemand hat es einst Stalins Disneyland genannt. Zu komisch erscheint dem Betrachter das Regime im zentralasiatischen Turkmenistan, in dem ein ehemaliger kommunistischer Parteichef namens Sapamurat Nijasow als Turkmenbaschi, als Führer aller Turkmenen, ein Despotenregime errichtet hat. Es wirkt komisch, daß der dickliche nette Mann von jedem Gebäude in der Hauptstadt Aschqabat lächelt.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nach seinem Vorbild geschaffene Büsten erstrahlen in Gold und Bronze auf den Plätzen und vor den Marmorpalästen, aber auch die Pralinen und der Wodka tragen sein Foto, und die Geldscheine wurden eingezogen, nachdem der Führer sein ergrautes Haupthaar durch den Zauber einer Heilerin wieder gegen schwarze Locken eingetauscht hatte. Nun gibt es die richtigen Scheine, und im Zentrum der Hauptstadt erhebt sich der Turm, dessen Spitze eine zwölf Meter hohe Statue des weisen Lehrers des Volkes krönt. Sie ist aus Gold und dreht sich mit der Sonne, die den Turkmenenhäuptling erstrahlen läßt.

          Gas- und Ölblase unter der Wüste

          Auf allen Fernsehkanälen ist der Turkmenbaschi zu sehen, der die Städte und Flughäfen des Landes nach sich selbst und die Monate nach seinen Verwandten benennen läßt. Der 1940 geborene Arbeitersohn, der nach dem Tod der Eltern im Kinderheim groß wurde, herrscht über vier Millionen Menschen in einem Land so groß wie die Bundesrepublik, das aber zu vier Fünfteln aus Halbwüste besteht. Doch unter der Wüste liegt eine riesige Gas- und Ölblase. Deshalb mögen alle den Turkmenbaschi, die Russen, die Ukrainer, die Türken, die Amerikaner und besonders die Deutschen.

          Ein deutscher Leibarzt kümmert sich um ihn, ein deutscher Konzern baut ihm seine Kliniken, ein deutscher Zahnarzt sorgt für seine Plomben und Kronen, und die speziell angefertigte Luxuslimousine ist von deutscher Nobelklasse. Der gleiche Konzern soll auch die Übersetzung des vom Führer verfaßten heiligen Buches Ruchnama finanziert haben, das Kinder und Erwachsene auswendig lernen müssen.

          Einbürgerung oder Verbannung

          So ließe sich weiter erzählen über den Turkmenbaschi, aber auch darüber, daß die einfachen Leute nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen, daß das Schul- und Gesundheitssystem verfällt und selbst die letzten Freiheiten, wie eine Satellitenschüssel Richtung Moskau, genommen werden. Seit der Turkmenbaschi am 25. November ein Attentat auf sich inszenierte - eine kleine Opposition wollte an diesem Tag einen Protest wagen -, hat in Turkmenistan eine Hexenjagd begonnen. Nijasow ließ Hunderte verhaften, Dutzende zu langen Haftstrafen verurteilen. Den ehemaligen Außenminister Boris Schichmuradow hat Turkmenbaschi zu lebenslanger Haftstrafe verurteilen lassen, der von Folter und Drogen gezeichnete Mann durfte seine Selbstanklage und das Lob des Führers im Fernsehen vortragen.
          Doch nun will Nijasow einen eisernen Vorhang fallen lassen.

          Er vermutet seine Feinde überall, nicht zuletzt in Rußland. Die etwa 100000 Bürger, die neben dem turkmenischen auch den russischen Paß haben, hat er vor die Wahl gestellt: Entweder sie werden bis zu diesem Sonntag Turkmenen, oder sie müssen das Land verlassen. Für ein Megageschäft, zwei Trillionen Kubikmeter turkmenisches Erdgas im Lauf von 25 Jahren, hat Turkmenbaschi Präsident Wladimir Putin im April die Zusage abgehandelt, das Abkommen über die doppelte Staatsbürgerschaft aufzuheben. Seitdem hat die Russen in Turkmenistan Panik ergriffen. Gehen sie, so verlieren sie ihre Habe in Turkmenistan, denn Ausländer dürfen keine Häuser oder Wohnungen besitzen. Bleiben sie, werden sie zu Gefangenen des Turkmenbaschi.

          In Rußland ist man spät aufgewacht. Plötzlich fand sich in der Duma ein Dossier über Nijasow. Er habe mit den Taliban Handel getrieben, Rauschgift aus Afghanistan verschoben und den Terrorismus unterstützt. In einer Entschließung der Duma ist von "massenhaften Menschenrechtsverletzungen" nach dem "angeblichen Attentat" die Rede. In Aschqabat stehen die Russen weiter Schlange vor der Botschaft. Sie wollen nichts wie raus aus Stalins Disneyland.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.