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Tunesisches Bergbaurevier : Warten auf den Wandel

Zerfressene Landschaften: Am Horizont die Phosphatminen von Metlaoui Bild: Jean Claude MOSCHETTI/REA/laif

Im tunesischen Bergbaurevier hat sich seit der Revolution im Januar nicht viel geändert. Immer noch sind viele Leute arbeitslos, immer noch sehen sie sich übervorteilt von den alten Kräften. Und immer noch hofft man auf eine Stelle im Phosphatabbau.

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          Grünlicher Dampf, ins Gräuliche wechselnd, entweicht aus zwei Schloten in den Himmel. Darunter Hallen, Kessel, Rohre. Einige Wächter am Tor, sonst ist niemand zu sehen. In der Ferne verschwimmen Berge im Dunst. Hier in Mdhilla, einem kleinen Ort nahe der Stadt Gafsa im Zentrum Tunesiens, verarbeitet die staatseigene „Groupe Chimique Tunisien“ Phosphat zu Kunstdünger. Den Rohstoff liefert das Tochterunternehmen, die „Compagnie des Phosphates de Gafsa“. Ihre Bagger graben die Erde hinter Mdhilla metertief um. Die Straße endet im Sperrgebiet, Schilder warnen vor Sprengarbeiten. An den Rändern der Gruben türmt sich der Schutt. Kamele nagen an zarten, mit Staub bedeckten Rosmarin- und Thymianbüschen.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Bei diesen Gruben beginnt Tunesiens Bergbaurevier und zieht sich bis zur Grenze zu Algerien. Nicht nur die Leute, die hier leben, sagen, dass in dieser Gegend Tunesiens Revolution begonnen hat, und dass über ihren Erfolg auch hier entschieden wird: In den Regionen des Landesinneren, die stets als „benachteiligt“ beschrieben werden, in denen die Leute seit langem auf mehr Chancen, mehr Teilhabe, mehr Gerechtigkeit hoffen. Alles habe mit dem Aufstand von 2008 im Bergbaurevier begonnen. Damals wurden mehrere Menschen getötet, Dutzende verletzt und Hunderte festgenommen.

          Monatelang waren ganze Städte von den Sicherheitskräften des Diktators belagert. Doch habe damals die Mauer der Angst erste Risse bekommen; eine Linie führe von jenen Monaten über die Unruhen in mehreren Städten im Landesinneren nach Sidi Bouzid, heißt es. Dort zündete sich am 17. Dezember vorigen Jahres ein verzweifelter Straßenhändler selbst an und entfesselte damit den Aufstand, der das Schicksal des Diktators Ben Ali besiegeln sollte. Aus „Ben Ali dégage“ wurde „système dégage“. Ben Ali zog am 14. Januar von dannen, doch dass es mit dem „System“ vorbei ist, wird nicht nur im Bergbaurevier bezweifelt.

          Nerbil Mgadmi fährt die tonnenschweren Lastwagen, in denen das Phosphat transportiert wird, das meiste davon in Richtung Küste und Weltmarkt. Heute war der bärtige Mittdreißiger von zwei bis sieben Uhr morgens unterwegs, jetzt, um die Mittagszeit, entspannt er sich auf dem Diwan in seinem Wohnzimmer. Mgadmi verdient 800 Dinare im Monat, umgerechnet rund 410 Euro, hinzu kommen Prämien. Er kann es sich leisten, ein kleines Haus zu mieten. Es liegt direkt an der Hauptstraße von Mdhilla, auf der immer wieder die Lastwagen seiner Kollegen Staub aufwirbeln. Mgadmi konnte es sich auch leisten zu heiraten, seine Frau erwartet gerade das erste Kind. Vielleicht könnte er sich sogar noch mehr leisten, immerhin hat er ein Ingenieursdiplom; aber wegen seiner „Religiosität“ wurde ihm zu Ben Alis Zeiten der Zugang zu höheren Stellen verwehrt, erzählt Mgadmi. Hinter ihm hängen Porträts von Hizbullah-Führer Nasrallah und Ajatollah Chomeini. Seit dem 14. Januar, sagt Mgadmi, könne man zwar seine Meinung frei äußern. Aber wirtschaftlich habe sich gar nichts geändert. Immer noch sei ein Drittel der rund 13000 Einwohner von Mdhilla arbeitslos. Immer noch gebe es nichts zu tun.

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