https://www.faz.net/-gpf-7x85m

Tugces Tragödie : Edel, hilfreich und tot

Tugces Tragödie hat das Land aufgerüttelt. Sie wurde als Heldin zu Grabe getragen. Aber hatte dieser Tod wirklich einen Sinn?

          Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen. Heil den unbekannten höhern Wesen, die wir ahnen! Ihnen gleiche der Mensch! Sein Beispiel lehr’ uns jene glauben.

          Denn unfühlend ist die Natur: Es leuchtet die Sonne über Bös’ und Gute, und dem Verbrecher glänzen wie dem Besten der Mond und die Sterne. Wind und Ströme, Donner und Hagel rauschen ihren Weg und ergreifen vorüber eilend einen um den andern. Auch so das Glück tappt unter die Menge, fasst bald des Knaben lockige Unschuld, bald auch den kahlen schuldigen Scheitel. Nach ewigen, ehrnen, großen Gesetzen müssen wir alle unseres Daseins Kreise vollenden.

          Nur allein der Mensch vermag das Unmögliche: Er unterscheidet, wählet und richtet; er kann dem Augenblick Dauer verleihen. Er allein darf den Guten lohnen, den Bösen strafen, heilen und retten, alles Irrende, Schweifende nützlich verbinden. Und wir verehren die Unsterblichen, als wären sie Menschen, täten im Großen, was der Beste im Kleinen tut oder möchte. Der edle Mensch sei hilfreich und gut! Unermüdet schaff er das Nützliche, Rechte, sei uns ein Vorbild jener geahneten Wesen!

          Das ganze Land hat sich verliebt

          So weit Goethe. Man liest das ja heute kaum noch, schade. Weil darin ein Geist steckt, der doch wirklich nie ermüden sollte, den keine Abstumpfung besiegen, keine Niederlage zerstören sollte: dass wir gut sein wollen, dass wir das Beste im Kleinen tun oder es wenigstens „möchten“. Denn so einfach ist das ja nicht.

          Goethe schrieb diese Ode, „Das Göttliche“, als er schon in Weimar war. Es ist so eine Art Programmschrift der Klassik. Die huldigt im Gegensatz zum „Sturm und Drang“, den sie ablöste, nicht mehr dem Gefühl als Selbstzweck. Sondern setzte auf die wägende Vernunft. Freilich nicht die gefühllose, sondern auf die leidenschaftliche Vernunft, wie man auch in jeder Zeile des Gedichtes merkt.

          Goethe kam aus Frankfurt und kehrte immer wieder gern dorthin zurück. In seinen späten Lebensjahren nahm er Logis im Landhaus eines Bankiers, der Gerbermühle. Die gibt es auch heute noch, sie liegt am Main, an der vierspurigen Straße nach Offenbach, und genau einen Kilometer weiter ist die McDonald’s-Filiale, wo angetrunkene Nachtschwärmer aus der großen Stadt sich in den frühen Morgenstunden schnell noch Burger reinziehen und wo sich der Kreis von Tugce Albayraks Dasein nach nicht mal 23 Jahren vollendete. Der letzte Stand ist jetzt, dass eine Brücke in Offenbach nach ihr benannt werden soll und dass der türkische Staatspräsident Erdogan angerufen hat. So war es am Samstag in den Zeitungen zu lesen. Daneben die Meldung vom Tod eines Einundzwanzigjährigen, der versucht hatte, eine Kassiererin in einem Supermarkt vor einem Räuber zu beschützen, und von ihm erschossen wurde. Es ist nicht schwer, vorauszusagen, dass in diesem anderen Fall keine Präsidenten anrufen und keine Brücken umbenannt werden. Dafür fehlen die Voraussetzungen.

          Bei Tugce kam alles zusammen: diese bildschöne, lebenslustige junge Frau, ein Beispiel dafür, dass es klappt mit der Integration, mit den Aufstiegschancen durch Bildung, dafür, dass wir alle zusammen eine gute Zukunft haben können. Und dann noch so tapfer: Sie eilt den Schwachen zu Hilfe, bietet einem Stärkeren die Stirn und bezahlt für ihre Courage mit dem Leben. Schließlich die Bilder von Tugce, ihr Lächeln, die Augen: Das ganze Land hat sich verliebt. Und sie ist tot. So etwas ergibt eine Menge Sturm und Drang.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Ein Sieg für die Demokratie Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Istanbul : Ein Sieg für die Demokratie

          Bei der Wiederholung der Bürgermeisterwahl hat der Kandidat der Republikanischen Volkspartei (CHP) mit 54 Prozent eine deutliche Mehrheit errungen. Die Abstimmung galt als Test, ob es in der Türkei noch einen Machtwechsel durch freie Wahlen geben kann.

          Topmeldungen

          Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

          Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

          Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
          Der Europarat in Straßburg

          Stimmrecht im Europarat : Die Russen sind schon in der Stadt

          Ein Akt der Verzweiflung in 220 Teilen: Wie die Ukraine versucht, in letzter Minute die Aufhebung der Sanktionen gegen die russischen Abgeordneten in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats zu verhindern.

          FAZ Plus Artikel: CDU und AfD : Noch nicht mal zum Kaffeeplausch

          Die Union will sich stärker von der AfD abgrenzen und fasste einen Beschluss, in dem sie die Ermordung Walter Lübckes mit dem Handeln der AfD in Zusammenhang bringt – steht nun ihre Beziehung zu den Sicherheitsbehörden auf dem Spiel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.