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Tugces Tragödie : Edel, hilfreich und tot

Tugces Tragödie hat das Land aufgerüttelt. Sie wurde als Heldin zu Grabe getragen. Aber hatte dieser Tod wirklich einen Sinn?

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          Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen. Heil den unbekannten höhern Wesen, die wir ahnen! Ihnen gleiche der Mensch! Sein Beispiel lehr’ uns jene glauben.

          Denn unfühlend ist die Natur: Es leuchtet die Sonne über Bös’ und Gute, und dem Verbrecher glänzen wie dem Besten der Mond und die Sterne. Wind und Ströme, Donner und Hagel rauschen ihren Weg und ergreifen vorüber eilend einen um den andern. Auch so das Glück tappt unter die Menge, fasst bald des Knaben lockige Unschuld, bald auch den kahlen schuldigen Scheitel. Nach ewigen, ehrnen, großen Gesetzen müssen wir alle unseres Daseins Kreise vollenden.

          Nur allein der Mensch vermag das Unmögliche: Er unterscheidet, wählet und richtet; er kann dem Augenblick Dauer verleihen. Er allein darf den Guten lohnen, den Bösen strafen, heilen und retten, alles Irrende, Schweifende nützlich verbinden. Und wir verehren die Unsterblichen, als wären sie Menschen, täten im Großen, was der Beste im Kleinen tut oder möchte. Der edle Mensch sei hilfreich und gut! Unermüdet schaff er das Nützliche, Rechte, sei uns ein Vorbild jener geahneten Wesen!

          Das ganze Land hat sich verliebt

          So weit Goethe. Man liest das ja heute kaum noch, schade. Weil darin ein Geist steckt, der doch wirklich nie ermüden sollte, den keine Abstumpfung besiegen, keine Niederlage zerstören sollte: dass wir gut sein wollen, dass wir das Beste im Kleinen tun oder es wenigstens „möchten“. Denn so einfach ist das ja nicht.

          Goethe schrieb diese Ode, „Das Göttliche“, als er schon in Weimar war. Es ist so eine Art Programmschrift der Klassik. Die huldigt im Gegensatz zum „Sturm und Drang“, den sie ablöste, nicht mehr dem Gefühl als Selbstzweck. Sondern setzte auf die wägende Vernunft. Freilich nicht die gefühllose, sondern auf die leidenschaftliche Vernunft, wie man auch in jeder Zeile des Gedichtes merkt.

          Goethe kam aus Frankfurt und kehrte immer wieder gern dorthin zurück. In seinen späten Lebensjahren nahm er Logis im Landhaus eines Bankiers, der Gerbermühle. Die gibt es auch heute noch, sie liegt am Main, an der vierspurigen Straße nach Offenbach, und genau einen Kilometer weiter ist die McDonald’s-Filiale, wo angetrunkene Nachtschwärmer aus der großen Stadt sich in den frühen Morgenstunden schnell noch Burger reinziehen und wo sich der Kreis von Tugce Albayraks Dasein nach nicht mal 23 Jahren vollendete. Der letzte Stand ist jetzt, dass eine Brücke in Offenbach nach ihr benannt werden soll und dass der türkische Staatspräsident Erdogan angerufen hat. So war es am Samstag in den Zeitungen zu lesen. Daneben die Meldung vom Tod eines Einundzwanzigjährigen, der versucht hatte, eine Kassiererin in einem Supermarkt vor einem Räuber zu beschützen, und von ihm erschossen wurde. Es ist nicht schwer, vorauszusagen, dass in diesem anderen Fall keine Präsidenten anrufen und keine Brücken umbenannt werden. Dafür fehlen die Voraussetzungen.

          Bei Tugce kam alles zusammen: diese bildschöne, lebenslustige junge Frau, ein Beispiel dafür, dass es klappt mit der Integration, mit den Aufstiegschancen durch Bildung, dafür, dass wir alle zusammen eine gute Zukunft haben können. Und dann noch so tapfer: Sie eilt den Schwachen zu Hilfe, bietet einem Stärkeren die Stirn und bezahlt für ihre Courage mit dem Leben. Schließlich die Bilder von Tugce, ihr Lächeln, die Augen: Das ganze Land hat sich verliebt. Und sie ist tot. So etwas ergibt eine Menge Sturm und Drang.

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