https://www.faz.net/-gpf-6ut4h

Türkischer Nationalismus : Nicht Erdogan allein

  • -Aktualisiert am

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan spricht in Berlin auf dem Festakt zum 50. Jahrestag des deutsch-türkisches Anwerbeabkommens. Heute leben in Deutschland mehr als 2,5 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln Bild: dpa

Erdogans Äußerungen zur „Assimilation“ türkischer Einwanderer sind nicht seine Marotte allein. Sie sind auch Ausfluss einer nationalen, oft auch nationalistischen Gesinnung, die in der Türkei noch weit verbreitet ist, bis hinein in linke Kreise.

          4 Min.

          Man stelle sich einmal Folgendes vor: Bundeskanzlerin Angela Merkel käme zu Besuch nach Kanada und machte der dortigen Regierung Vorhaltungen in Bezug auf Schwierigkeiten, die mancher deutsche Einwanderer dort auch noch nach Jahren bei dem Bestreben habe, im Land wirklich Fuß zu fassen. Erste Bedingung für das Gelingen dieses Unterfangens sei doch – dies immer als Fiktion angenommen –, dass die kanadische Regierung den Kindern und Jugendlichen dieser deutschen Ausgewanderten endlich wieder ihre Muttersprache beibringen müsse: das Deutsche. Dann könnten sie selbstverständlich auch das Englische (oder Französische) erlernen.

          Bilderstrecke
          Türken in Deutschland : 50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

          So oder so ähnlich stellt sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der gegenwärtig in Berlin ist, um den fünfzigsten Jahrestag der türkischen Migration zu feiern, die Lösung der Integrationsschwierigkeiten türkischstämmiger Migranten und Einwanderer vor. Kanada hingegen verlangt, ganz im Gegenteil, von jedem Einwanderer Englischkenntnisse, die auch bewertet werden, sowie in der Regel den Nachweis einer beruflichen Qualifikation. Erdogan aber meint, zunächst müssten die Kinder türkischer Migranten erst einmal vollkommen das Türkische erlernen, Deutsch dann irgendwie auch, denn wichtig sei es ja schon. Oder versteht man den türkischen Regierungschef da wieder einmal falsch?

          Erdogan hat nicht nur die vergangene Dekade türkischer Politik maßgeblich geprägt, er ist auch bei den muslimischen Nachbarn zu einer angesehenen Persönlichkeit, ja zur populären Figur geworden. In Mitteleuropa, vor allem in Deutschland, kommt er hingegen weniger gut an. Seine Äußerungen zur Integration sind regelmäßig die heftigsten aller türkischen Politiker, die Deutschland besuchen. Und die Konzilianz seines Staatspräsidenten Abdullah Gül geht ihm ab. Der ist diplomatischer, geschmeidiger und in seinen Äußerungen weniger schroff. In der Sache allerdings ist auch Gül nicht so weit entfernt von seinem Ministerpräsidenten, wie es manchem erscheinen mag.

          Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Erdogan: Weist der Weg der Türkei in die EU?
          Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Erdogan: Weist der Weg der Türkei in die EU? : Bild: AFP

          Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass es einen Unterschied macht, ob Türken die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben und somit Deutsche sind oder staatsrechtlich noch als Türken und nichts außerdem firmieren. Dass türkische Politiker sich für Letztere ganz besonders einsetzen mögen, ist nur natürlich.

          Doch Erdogans Äußerungen, die so zu interpretieren sind, dass Türken doch am besten Türken bleiben sollen, weil eine Assimilation („Verähnlichung“) an das Einwanderungsland gegen die Menschenrechte verstoße, sind nicht seine Marotte allein. Sie sind auch Ausfluss einer nationalen, oft auch nationalistischen Gesinnung, die in der Türkei noch weit verbreitet ist, bis hinein in linke Kreise. So war Bülent Ecevit, der langjährige Ministerpräsident und Führer der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP), deren Gründung noch auf den Schöpfer der Republik, Kemal Atatürk, selbst zurückging, ein strammer Nationalist.

          Und die moderne Türkei wurde aus dem Geist des Nationalismus heraus geboren. Wenn man die Deutschen, die erst 1871 zu nationaler und staatlicher Einheit fanden, eine „verspätete Nation“ nannte, so müsste man die Türkei als die „verspätetste Nation“ bezeichnen, die erst 1923, nach dem Untergang des Osmanischen Reiches, zum Nationalstaat wurde; und es bedurfte einer umfassenden Kulturrevolution, um ein „türkisches Bewusstsein“ überhaupt erst möglich zu machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einst gesellschaftliches Bindeglied, jetzt bedrohte Art: die traditionelle Kneipe.

          Kneipensterben : Der gemeinsame Rausch ist effizient

          Auf ein Bier mit der Fußball-Truppe? Oder ein Glas Wein mit der besten Freundin? In Corona-Zeiten geht das gerade nicht. Doch die Kneipe ist ein Kulturgut und darf nicht aussterben. Das sagen sogar Volkswirte.

          Tourismus : Ischgl ohne Après-Ski

          Der Corona-Ausbruch hat dem Tiroler Skigebiet zugesetzt. Knapp ein Jahr danach keimt in der Region neue Hoffnung. Wie wird die Skisaison mit Hygienemaßnahmen aussehen?

          Sorgen bei Liverpool und Klopp : „Das hört sich nicht gut an“

          Im Hinspiel gab es ein 5:0, nun verliert Liverpool in der Champions League daheim gegen Bergamo. Der Grund für die ärgerliche Niederlage ist schnell ausgemacht. Nun droht Jürgen Klopp ein „Endspiel“ – ausgerechnet in Dortmund.

          Der Brexit und die Fischerei : Heringe und Makrelen spalten Europa

          Fischer in der Europäischen Union bangen um ihre Existenz. Tausende Jobs stehen auf dem Spiel. Für Europa geht es aber noch um viel mehr. Wie geht es weiter nach dem Brexit?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.