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Erdogans Offensive in Syrien : Berechenbare Vorstöße

Schritt für Schritt: Türkische Soldaten bereiten sich auf den Einsatz gegen Kurden vor. Bild: EPA

Die Türkei spricht von Erfolgen, aber die Militäroperation gegen die syrischen Kurden kommt mühsam voran. Meldungen über die Präsenz des IS in Afrin sind wohl Propaganda.

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          Die Rhetorik ist martialisch, sie täuscht aber über das Ausbleiben von Erfolgen an der Front hinweg. Am vergangenen Samstag hatte die türkische Armee ihre Operation „Olivenzweig“ mit dem Ziel begonnen, die Kontrolle über den Kanton Afrin der syrischen Kurden zu übernehmen. Am Mittwoch verbreitete Staatspräsident Tayyip Erdogan gute Stimmung und erklärte, die Operation schreite „erfolgreich voran“, die türkische Armee und die mit ihr verbündeten syrischen Rebellen würden „Schritt für Schritt die Kontrolle über Afrin übernehmen“. Er kündigte abermals an, in Afrin nicht stehenzubleiben, sondern die Operation auf andere kurdische Gebiete im Norden Syriens auszuweiten, etwa auf Manbidsch, hundert Kilometer östlich von Afrin.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Auch am Mittwoch lieferten sich entlang der Grenze die türkische Armee und die kurdischen „Volksschutzeinheiten“ (YPG) heftige Kämpfe. Dabei hat die türkische Armee nach kurdischen Angaben noch keine einzige kurdische Siedlung dauerhaft unter ihre Kontrolle gebracht. Die Türkei hatte in den vergangene Jahren eine Mauer entlang der Grenze, aber auf dem Territorium von Afrin gebaut und dabei mehr als 10.000 Olivenbäume gefällt. Die türkischen Vorstöße sind berechenbar, weil die Panzer lediglich durch die Maueröffnungen vorrücken können und dann auf die YPG-Milizen treffen, die sie mit schultergestützten Panzerabwehrraketen zurückschlagen. Die türkische Armee konnte in einige kurdische Siedlungen nur vorübergehend einrücken. Auch die türkische Führung in Ankara nennt bislang keine Orte, die erobert worden sind.

          Türkei intensiviert Beschuss aus der Luft

          Während die türkische Armee von Norden und Westen angreift, dauert ein Angriff der sogenannten Freien Syrischen Armee (FSA), die von türkischen Offizieren kommandiert wird, an der Ostflanke von Afrin an. Die FSA ist ein Schmelztiegel islamistischer Milizen, die mit der FSA vom Beginn des Krieges in Syrien nur noch dem Namen gemeinsam hat.

          Da die Türkei am Boden keine Erfolge erzielt, hat sie am Mittwoch den Beschuss aus der Luft intensiviert. Mit Artillerie wurden die nahe an der Grenze liegenden Orte Scharawa und Cindires beschossen. Luftangriffe wurden auf die Stadt Raco im Nordwesten des Kantons Afrin gemeldet. Meral Cicek, die Vorsitzende des kurdischen Frauenzentrums in Suleimaniye, vermutet dahinter als Absicht, die Zivilisten zur Flucht zu bewegen und eine Massenflucht auszulösen.

          Das Krankenhaus in Afrin teilte mit, dass durch den türkischen Beschuss bislang 25 Zivilisten getötet worden sind. 53 zum Teil schwer Verletzte werden demnach in Krankenhäusern behandelt. Die Vereinten Nation bezifferten die Zahl der Personen, die bislang vor den Angriffe in Richtung der Stadt Aleppo geflohen sind, auf 5000. Viele suchten jedoch in der Natur Zuflucht, etwa in Höhlen, sagt Cicek. In Afrin hatten vor dem Beginn des syrischen Kriegs im Jahr 2011 erst 200.000 Menschen gelebt, heute wird die Zahl der Einwohner auf eine Million geschätzt.

          Kampf gegen IS entpuppt sich als Falschmeldung

          Erdogan sagte am Mittwoch, bislang seien „268 Terroristen neutralisiert“ worden, während die eigenen Kräfte „sieben oder acht“ Mann verloren hätten. Neben Kämpfern der kurdischen YPG seien auch 100 Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) getötet worden, hieß es in Ankara. Der militärische Sprecher der syrischen Kurden, Redur Xelil, wies die Behauptung, in Afrin hielten sich IS-Terroristen versteckt, als eine Lüge zurück, die dem Ziel diene, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Die ganze Welt wisse, dass der IS in den kurdischen Kantonen nicht präsent sei.

          Als eine türkische Falschmeldung könnte sich auch die Behauptung entpuppen, dass die YPG am vergangenen Sonntag mit einer Rakete die türkische Grenzstadt Reyhanli beschossen habe. Die Türkei nannte dies als einen Grund für die Fortsetzung der Operation. Der Raketeneinschlag hatte eine Person getötet. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), in der neben den kurdischen YPG auch arabische Einheiten kämpfen und die von den Vereinigten Staaten unterstützt werden, haben bereits am Sonntag dementiert, dass die Rakete aus Afrin abgeschossen worden sei. Nun sagte der Abgeordnete der türkischen Oppositionspartei CHP Mevlüt Duydu die Rakete habe eine Reichweite von zwölf Kilometern gehabt, Reyhanli liege aber 17 Kilometer von der Grenze entfernt. Der Chef des türkischen Geheimdienstes MIT, Hakan Fidan, hatte in der Vergangenheit damit gedroht, dass die Türkei mit einer vorgetäuschten Beschießung einer türkischen Grenzstadt jederzeit einen Krieg gegen die syrischen Kurden beginnen könne.

          Friedensbemühungen für Syrien belastet

          Inzwischen ist bekannt geworden, dass die verbotene PKK, deren Verbindung zu den syrischen Kurden der Türkei den Vorwand für die Operation liefert, im kurdischen Nordirak zwei ranghohe MIT-Agenten festgesetzt hat. So berichtet die kurdische Nachrichtenagentur ANF, bereits im vergangenen August hätten Agenten des MIT versucht, in der nordirakischen Stadt Suleimaniye den PKK-Führer Cemil Bayik, der sich dort für eine medizinische Behandlung aufhielt, zu entführen oder zu töten. In Videos, die im Internet kursieren und in denen ihre türkischen Ausweise zu sehen sind, schildern die Agenten auch, wie MIT-Agenten im Januar 2013 in Paris drei kurdische Aktivistinnen getötet haben, und sie nennen die Namen der beteiligten Agenten.

          Der jüngste türkische Kriegszug belastet die laufenden Friedensbemühungen für Syrien. So will sich Russland mit einer Konferenz in Sotschi als Friedensstifter für Syrien in Szene setzen und eine Nachkriegsordnung entwerfen. Zunächst hat sich der Syrienbeauftragte der Vereinten Nationen, Staffan de Mistura, zurückhaltend geäußert. Er fordert, dass es sich um eine einmalige Veranstaltung handeln solle, da die Verhandlungen unter dem Dach der UN stattfinden sollten. Nun gaben auch die syrischen Kurden bekannt, dass sie nicht nach Sotschi kommen können, solange die Türkei ihre Gebiete beschieße. Unterdessen geht der syrische Machthaber Baschar al Assad mit Hilfe der russischen Luftwaffe gegen die Rebellenhochburg Idlib südlich von Afrin vor. Von dort sollen bereits mehrere zehntausend Menschen nach Norden geflohen sein.

          In einer früheren Version dieses Fassung hieß es, die Boden-Luftwehr-Raketen. Das ist falsch. Tatsächlich sind es Panzerabwehrraketen. Der Beitrag wurde aktualisiert.

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