https://www.faz.net/-gpf-8wwgv

Referendum in der Türkei : Erdogans Geiseln

„Wie ist es möglich, dass Deutschland einem seiner Staatsbürger nicht helfen kann?“ Sharo Garip, deutscher Soziologe und ehemaliger Universitätsdozent kurdischer Abkunft, bei seinem Spaziergang durch Istanbul. Bild: Daniel Pilar

Mindestens 19 Deutsche werden in der Türkei festgehalten, einige seit Monaten. Die deutsche Diplomatie ist offenbar machtlos. Ein Betroffener schildert sein Leben im „Freiluftgefängnis“ namens Istanbul.

          10 Min.

          Herr Garip geht spazieren, und die gefährlichste Stelle auf seiner Route kommt am Goldenen Horn, kurz vor der Brücke neben dem alten Werftgelände. Dort, an der steilen Treppe, könnten sie auf ihn warten. Die Treppe liegt von außen kaum einsehbar hinter der Stadtautobahn. Sie könnten ihn dort zusammenschlagen oder ermorden, niemand bekäme es mit. Das Leben von Herrn Garip würde neben einer Industriebrache enden, wo es nach Altöl, Fisch und altersschwachem Meerwasser riecht. Oben an der Treppe sieht Herr Garip sich noch einmal um. Keiner da. Was aber, wenn sie unten lauern, hinter dem Mauervorsprung? „Natürlich habe ich Angst. Aber ich kann ja nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer hocken“, sagt Herr Garip, als er unten angekommen ist.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ein leichter Wind geht, im Goldenen Horn schaukelt Großstadtmüll auf kurzatmigen Wellen. Ein Stück Pizza, Plastikflaschen, eine zur Wasserleiche gewordene Barbiepuppe mit immer noch perfektem Lächeln. „Ich möchte unsere Politiker und Diplomaten gern fragen, wie das sein kann: Als Deutscher habe ich nichts weiter getan, als einen Friedensaufruf zu unterzeichnen, aber nun werde ich seit mehr als einem Jahr hier festgehalten, und unsere Diplomatie kann angeblich nichts tun.“ Es ist Mittag, aus den Moscheen hallt der Gebetsruf über die rostroten Kräne und Wracks auf dem Werftgelände. Einige der Angler auf der Brücke haben kümmerliche Fische gefangen, die nun in Plastikeimern zappeln.

          „Natürlich habe ich Angst. Aber ich kann ja nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer hocken“: Garip an der Istanbuler Galatabrücke

          Deutschland sei doch eine Weltmacht, moralisch zumindest. „Wie ist es da möglich, dass dieses Land einem seiner Staatsbürger, der in der Türkei festgehalten wird, nicht helfen kann?“ Vom Bosporus brummt der Bass eines Dampferhorns herüber, und Herr Garip erzählt von der Zeit, als er noch ein freier Mensch war. „Offiziell bin ich 1966 geboren, aber meine Mutter sagte später immer, es könne auch 67 oder 68 gewesen sein.“ Seine Mutter war Analphabetin, sie hatte irgendwann mehr Kinder, als sie Buchstaben kannte. Der Vater war Gastarbeiter in einem MAN-Werk bei Mainz, die Kinder blieben bei der Mutter in der Türkei. Ihren Vater sahen sie nur, wenn er auf Urlaub kam. Die Garips sind Kurden, und anders als der unpolitische Vater geriet der jüngste Sohn später in den Sog des Konflikts zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Terrorbande PKK. Anfang der neunziger Jahre musste er aus der Türkei fliehen.

          Er kam nach Deutschland, lernte die Sprache, wurde eingebürgert, studierte, promovierte. Vergleichende Politikwissenschaften, Köln. Vor einigen Jahren, als in der Türkei ein kurzlebiges Tauwetter einsetzte und Tayyip Erdogan mit der PKK über eine Friedenslösung verhandeln ließ, schien sogar eine Rückkehr in die alte Heimat möglich. Überall gab es Fortschritte: Ein staatlicher kurdischer Fernsehkanal wurde gegründet, Schulen durften Kurdischunterricht anbieten, an den Universitäten konnte der Konflikt offener diskutiert werden. Ende 2012 erhielt Dr. Garip das Angebot, an einer Universität im südostanatolischen Van zu unterrichten, wo viele Kurden studieren. Er sagte zu. „Ich sagte mir, dass ich auf diese Weise zum Friedensprozess beitragen könne.“ So kehrte er zwei Jahrzehnte nach seiner Flucht in die Türkei zurück – als Deutscher, denn die türkische Staatsbürgerschaft hatte er abgegeben.

          Weitere Themen

          „Die Gefährdungslage ist sehr hoch“ Video-Seite öffnen

          Erhöhte Polizeipräsenz : „Die Gefährdungslage ist sehr hoch“

          Nach dem Anschlag von Hanau wird zum Schutz der Bevölkerung in ganz Deutschland die Polizeipräsenz erhöht. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sprach in Berlin von einer „sehr hohen“ Gefährdungslage durch den Rechtsextremismus.

          Topmeldungen

          Ein Eurofighter Typhoon auf der Farnborough Airshow nahe London im Juli 2018

          Konzernumbau : Airbus zerlegt die Rüstungssparte

          Die Folgen von Exportverboten für Waffen und verzögerte Großaufträge bekommt vor allem Deutschland zu spüren. 2400 Stellen will Airbus Defence abbauen. Und es soll einen neuen Jagdbomber geben.
          Lange hinterher, jetzt vornedran: die Wissenschaftsstadt Nürnberg

          Neue TU Nürnberg : Ein Professor für 25 Studenten

          Die neue TU Nürnberg soll die erste deutsche Uni-Neugründung seit 30 Jahren werden. Das Konzept ist ambitioniert – nicht nur, weil in Nürnberg alles komplett auf Englisch stattfinden soll.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.