https://www.faz.net/aktuell/politik/tuerkei/wie-19-deutsche-in-der-tuerkei-festgehalten-werden-14971999.html

Referendum in der Türkei : Erdogans Geiseln

„Wie ist es möglich, dass Deutschland einem seiner Staatsbürger nicht helfen kann?“ Sharo Garip, deutscher Soziologe und ehemaliger Universitätsdozent kurdischer Abkunft, bei seinem Spaziergang durch Istanbul. Bild: Daniel Pilar

Mindestens 19 Deutsche werden in der Türkei festgehalten, einige seit Monaten. Die deutsche Diplomatie ist offenbar machtlos. Ein Betroffener schildert sein Leben im „Freiluftgefängnis“ namens Istanbul.

          10 Min.

          Herr Garip geht spazieren, und die gefährlichste Stelle auf seiner Route kommt am Goldenen Horn, kurz vor der Brücke neben dem alten Werftgelände. Dort, an der steilen Treppe, könnten sie auf ihn warten. Die Treppe liegt von außen kaum einsehbar hinter der Stadtautobahn. Sie könnten ihn dort zusammenschlagen oder ermorden, niemand bekäme es mit. Das Leben von Herrn Garip würde neben einer Industriebrache enden, wo es nach Altöl, Fisch und altersschwachem Meerwasser riecht. Oben an der Treppe sieht Herr Garip sich noch einmal um. Keiner da. Was aber, wenn sie unten lauern, hinter dem Mauervorsprung? „Natürlich habe ich Angst. Aber ich kann ja nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer hocken“, sagt Herr Garip, als er unten angekommen ist.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ein leichter Wind geht, im Goldenen Horn schaukelt Großstadtmüll auf kurzatmigen Wellen. Ein Stück Pizza, Plastikflaschen, eine zur Wasserleiche gewordene Barbiepuppe mit immer noch perfektem Lächeln. „Ich möchte unsere Politiker und Diplomaten gern fragen, wie das sein kann: Als Deutscher habe ich nichts weiter getan, als einen Friedensaufruf zu unterzeichnen, aber nun werde ich seit mehr als einem Jahr hier festgehalten, und unsere Diplomatie kann angeblich nichts tun.“ Es ist Mittag, aus den Moscheen hallt der Gebetsruf über die rostroten Kräne und Wracks auf dem Werftgelände. Einige der Angler auf der Brücke haben kümmerliche Fische gefangen, die nun in Plastikeimern zappeln.

          „Natürlich habe ich Angst. Aber ich kann ja nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer hocken“: Garip an der Istanbuler Galatabrücke
          „Natürlich habe ich Angst. Aber ich kann ja nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer hocken“: Garip an der Istanbuler Galatabrücke : Bild: Daniel Pilar

          Deutschland sei doch eine Weltmacht, moralisch zumindest. „Wie ist es da möglich, dass dieses Land einem seiner Staatsbürger, der in der Türkei festgehalten wird, nicht helfen kann?“ Vom Bosporus brummt der Bass eines Dampferhorns herüber, und Herr Garip erzählt von der Zeit, als er noch ein freier Mensch war. „Offiziell bin ich 1966 geboren, aber meine Mutter sagte später immer, es könne auch 67 oder 68 gewesen sein.“ Seine Mutter war Analphabetin, sie hatte irgendwann mehr Kinder, als sie Buchstaben kannte. Der Vater war Gastarbeiter in einem MAN-Werk bei Mainz, die Kinder blieben bei der Mutter in der Türkei. Ihren Vater sahen sie nur, wenn er auf Urlaub kam. Die Garips sind Kurden, und anders als der unpolitische Vater geriet der jüngste Sohn später in den Sog des Konflikts zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Terrorbande PKK. Anfang der neunziger Jahre musste er aus der Türkei fliehen.

          Er kam nach Deutschland, lernte die Sprache, wurde eingebürgert, studierte, promovierte. Vergleichende Politikwissenschaften, Köln. Vor einigen Jahren, als in der Türkei ein kurzlebiges Tauwetter einsetzte und Tayyip Erdogan mit der PKK über eine Friedenslösung verhandeln ließ, schien sogar eine Rückkehr in die alte Heimat möglich. Überall gab es Fortschritte: Ein staatlicher kurdischer Fernsehkanal wurde gegründet, Schulen durften Kurdischunterricht anbieten, an den Universitäten konnte der Konflikt offener diskutiert werden. Ende 2012 erhielt Dr. Garip das Angebot, an einer Universität im südostanatolischen Van zu unterrichten, wo viele Kurden studieren. Er sagte zu. „Ich sagte mir, dass ich auf diese Weise zum Friedensprozess beitragen könne.“ So kehrte er zwei Jahrzehnte nach seiner Flucht in die Türkei zurück – als Deutscher, denn die türkische Staatsbürgerschaft hatte er abgegeben.

          Weitere Themen

          So will die Regierung die Gasversorgung sichern Video-Seite öffnen

          Energiesicherungsgesetz : So will die Regierung die Gasversorgung sichern

          Die Bundesregierung befürchtet, dass Gasversorger wegen der gestiegenen Beschaffungskosten pleite gehen könnten, was wiederum die Versorgungssicherheit gefährden würde. Um das zu verhindern, plant sie eine Reihe von Maßnahmen zum Schutz der Firmen. So sollen die Konzerne die höheren Kosten künftig einfacher an die Verbraucher weitergeben können.

          Topmeldungen

          Warmes Wasser aus der Leitung könnte es mancherorts bald nicht mehr durchgängig geben.

          Drohender Gasmangel : Das große Frösteln beginnt

          Warmwasser morgens nur noch bis 8 Uhr, leer gefegte Regale für Brennholz und Kohle: Was der drohende Gasmangel für Verbraucher bedeutet – und wie sich Deutschland für den Winter rüstet.
          Andirj Melnyk in seinem Büro in der ukrainischen Botschaft in Berlin.

          Botschafter Melnyk : Verschwinden wird er sicher nicht

          Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk wird Deutschland zum Herbst verlassen. Zuletzt hat der Diplomat überzogen, stand in der Kritik. Gegenüber der F.A.Z. weist er die Vorwürfe von Antisemitismus und Polenfeindschaft zurück.
          Die Kosmonauten Oleg Artemjew, Denis Matwejew und Sergej Korssakow posieren auf der ISS mit der Flagge der selbsterklärten „Volksrepublik“ Luhansk.

          Russische Kosmonauten : Provokation auf der ISS

          Der Westen arbeitet in vielen Bereichen nicht mehr mit Russland zusammen. Eine Ausnahme ist die Internationale Raumstation. Doch nun gab es dort einen Zwischenfall.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.