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Türken in Deutschland : Abschied von den Lebenslügen

Frenetischer Jubel für einen Autokraten: Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan bei einer Kundgebung in Köln Bild: dpa

Auch Erdogans (Alb-)Traumergebnis bei den Türken in Deutschland zeigt, wie schwer es ist, Migranten zu integrieren. Die in der Vergangenheit in der Ausländer- und Einwanderungspolitik gemachten Fehler darf Deutschland in der Flüchtlingskrise nicht wiederholen.

          Das politische Deutschland ist schockiert. Der Ausgang des Verfassungsreferendums in der Türkei trifft viele Politiker nicht nur deswegen schwer, weil damit die Blütenträume von einer EU-Vollmitgliedschaft des Landes endgültig erfroren sind. Für Fassungslosigkeit in Berlin sorgt mindestens so sehr das Wahlverhalten der Türken in Deutschland. Wie schon bei früheren Wahlen verschafften sie Erdogan ein besseres Ergebnis als seine Anhänger in der Türkei.

          Die mehr als 400.000 Türken, die hierzulande Erdogans Machtergreifung zustimmten, stellen zwar nur ein knappes Drittel der türkischen Wahlberechtigten und etwa ein Fünftel der rund zwei Millionen Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit in Deutschland dar. Und nicht jeder wahlberechtigte Erdogan-Gegner traute sich angesichts der bis nach Deutschland reichenden Arme der türkischen Geheimdienste in die Konsulate. Doch am Ende ist die Prozentzahl entscheidend. Und da sind 64 Prozent für Erdogan nicht weniger niederschmetternd als 68 Prozent in den Niederlanden oder gar 75 Prozent in Belgien. In der Türkei lag die Zustimmung trotz monatelanger Propaganda weit darunter.

          Bis zu drei von vier Stimmen für einen Autokraten, der das Parlament entmachtet und schon jetzt die Justiz als Instrument zur Absicherung seiner Herrschaft benutzt? Wenigstens in den europäischen Ländern mit ihrer freien Presse konnte jeder wissen, dass dieses Referendum eine Wahl zwischen Demokratie und Despotie war. Die knappe Zweidrittelmehrheit, die in Deutschland die Verwandlung der Türkei in ein Erdoganistan befürwortete, wirft kein gutes Licht auf die politische Kultur der hier lebenden Türken. Das müssen nun selbst jene Politiker und Parteien zugeben, die jahrzehntelang ein Loblied auf den Multikulturalismus sangen und ihm eine heilsame Wirkung gegen den Nationalismus zuschrieben – gegen den deutschen Nationalismus natürlich, denn einen böseren gab es aus Sicht der Multikulti-Ideologen nicht. Phänomene, die nicht in diese Weltanschauung passten, wurden schlicht ignoriert oder einem angeblichen Versagen der Mehrheitsgesellschaft angelastet.

          Falsches Verständnis von Toleranz

          Diese Reflexe sind selbst in der aktuellen Debatte noch zu erkennen, obwohl viele Lebenslügen der deutschen Ausländer- und Einwanderungspolitik schon vor Jahren aufgeflogen sind. Claudia Roth etwa wirft bei aller Kritik an den Erdogan-Anhängern den autochthonen Deutschen vor, die türkischen Einwanderer nicht offen genug empfangen zu haben. Im Umgang mit ihnen seien in der Vergangenheit Fehler gemacht worden. Wohl wahr, kann man da nur sagen – aber nicht nur in der Weise, die Roth meint. Anders als die Unionsparteien leugneten die Grünen zwar nicht, dass Deutschland zu einem Einwanderungsland wurde.

          Doch sollte auch nicht in Vergessenheit geraten, dass gerade sie lange strikt gegen jene Integrationsprozesse waren, die sie neuerdings fordern. Man muss nicht steinalt sein, um sich daran erinnern zu können, dass im links-alternativen Lager, das bis in die SPD reichte, Integration mit (Zwangs-)Assimilation gleichgesetzt und die Ansicht vertreten wurde, türkische Kinder in Deutschland sollten „erst mal richtig Türkisch lernen“, bevor man sie mit dem Deutschen quäle. Auch der „Doppelpass“, der vor allem die Türken als stärkste Ausländergruppe anstrengungslos auch zu Deutschen machen sollte, entfaltete nicht die magische Wirkung, die er in den Phantasien der Grünen hatte. Doch er bleibt, weil er SPD und Grünen Stimmen bringt – Stimmen von Leuten, die jetzt vielleicht für die Machtergreifung Erdogans votierten.

          Der größte Fehler der deutschen Integrationspolitik war es nicht, zu abweisend gewesen zu sein; sie war im Gegenteil zu großzügig und von einem falschen Verständnis von Toleranz geprägt. Die Immigration verlief bis in den Flüchtlingsherbst 2015 hinein weitgehend ungesteuert. Deutschland verlangte von seinen Einwanderern jahrzehntelang nicht, sich so gut wie möglich einzugliedern. Dazu hätte es freilich auch einer Angabe dafür bedurft, in was man sich integrieren soll. Doch bis vor ein paar Jahren wurde das Konzept der Leitkultur von Grünen und SPD noch bis aufs Messer bekämpft. Gar nach einem Äquivalent zum türkischen Nationalstolz sucht ein Türke in Deutschland vergeblich.

          Die Integration von vielen Menschen aus anderen Kulturkreisen, das müsste den Ingenieuren des Politischen inzwischen klar sein, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, mit denen ein Gemeinwesen konfrontiert werden kann. Staaten, ihre Organe und ihre Bürger können einiges dafür tun, damit dieses Unterfangen gelingt – doch ist alle Müh’ vergebens, wenn die Eingewanderten sich gar nicht integrieren wollen.

          Nationale und kulturelle Bindungen bestehen über Generationen hinweg und prägen politische Ansichten. Integrationsprozesse können, wie mitunter auch in Deutschland zu beobachten, rückwärts ablaufen. Schon die Zweidrittelmehrheit für Erdogan ist schmerzlich genug. Doch könnte es, wenn auch vielleicht erst in Jahren oder Jahrzehnten, zu weit schlimmeren Erfahrungen kommen, wenn die deutsche Politik die Lektionen, die ihr nicht erst an diesem Ostersonntag erteilt wurden, in der Flüchtlingsfrage ignoriert.

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