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Inhaftierte Deutsche in Türkei : Meşale Tolu hat noch immer keinen Kontakt zu deutschen Anwälten

  • -Aktualisiert am

In Deutschland demonstrieren Menschen für die Freilassung der deutschen Journalistin Tolu (Archivbild). Bild: dpa

Die deutsche Journalistin Meşale Tolu sitzt seit über 100 Tagen mit ihrem Sohn in einem Istanbuler Gefängnis. Am 11. Oktober soll ihr Prozess beginnen. Die Vorbereitungen dazu gestalten sich allerdings schwierig.

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          „Hinter den verschlossenen Türen blicke ich in eine grenzenlose Welt“, schreibt die deutsche Journalistin  Meşale Tolu in einem Brief vom 3. August, der dieser Zeitung vorliegt, und bedankt sich für die Solidarität aus der ganzen Welt. Trotz viel symbolischer Unterstützung sei sie allerdings mit erheblichen Schwierigkeiten bei der Vorbereitung ihres Prozesses konfrontiert, wie die gebürtige Ulmerin der Berliner Tageszeitung „Neues Deutschland“ (Dienstag) in einem Anfang August schriftlich aus dem Gefängnis geführten Interview sagte. Tolu wurde Ende April in der Türkei festgenommen und sitzt seitdem mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn in Istanbul in Haft.

          Der Kontakt zu ihren türkischen Anwälten werde zwar nicht eingeschränkt, sie hätten jedoch über Monate hinweg keinen Zugang zu den Akten des Strafverfahrens bekommen, sagte Tolu: „Das macht die Vorbereitung einer Verteidigung fast unmöglich.“ Erst vor kurzem sei den Anwälten Akteneinsicht gewährt worden. Laut einer Pressemitteilung ihres Solidaritätskreises sei die „Anklageschrift so widersprüchlich, dass in einem normalen Prozess der Freispruch erfolgen müsste“. Als es in einem Telefonat mit Angehörigen, dass Tolu alle zwei Wochen für zehn Minuten gewährt wird, zudem um die Aufmerksamkeit der deutschen Presse an ihrem Fall gegangen sei, sei das Gespräch von der Gefängnisleitung sofort abgebrochen worden.

          Zunächst soll am 22. August eine Haftprüfung vorgenommen werden, bei der entschieden wird, ob die junge Mutter mit ihrem Sohn bis zum Prozessbeginn aus der Haft entlassen wird. Der Prozess gegen die 33 Jahre alte Frau, der unter anderem Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vorgeworfen wird, soll am 11. und 12. Oktober in Silivri stattfinden. Im dortigen Hochsicherheitsgefängnis sitzen weitere Deutsche in Haft, wie der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel oder der Menschenrechtler Peter Steudtner. Tolu drohen bis zu 15 Jahre Haft.

          Auch Tolus Ehemann Suat Corlu sitzt im Gefängnis. Sein Prozess wurde für den 28. November anberaumt, Akteneinsicht wurde den Anwälten allerdings bisher nicht gewährt.

          Die Betreuung durch die deutschen Behörden laufe derzeit gut, sagte Tolu weiter. Sie werde jeden Monat von Mitarbeiterinnen des deutschen Konsulats in Istanbul besucht. Die Besuche werden allerdings durch die türkischen Behörden erst seit Juni gewährt, was eigentlich nicht mit dem Völkerrecht vereinbar ist. Auch die Verhaftung der deutschen Staatsbürgerin hatte ohne vorherige Bekanntgabe an die deutschen Behörden stattgefunden. Deutsche Anwälte hätten laut dem Solidaritätskreis für Anfang September eine Besuchserlaubnis beantragt, man warte allerdings noch auf die Genehmigung. 

          Sie setze darauf, bald wieder in Freiheit zu sein, schreibt Tolu weiter: „Ich bin mir sicher, dass diese grauen Zeiten bald vorbei sein werden und ich mit meinem Sohn frei sein werde.“ Es sei erstaunlich, dass ein „Kind, das fern von seinem Zimmer, seinem Bett, seinem Spielzeug ist, diese Situation mit Gelassenheit aufnimmt“. Ihrem Sohn gehe es den Umständen entsprechend gut. „All diese Umstände sind ertragbar, denn ich weiß, dass ich hier festgehalten werde, weil ich mich für eine gerechte Welt eingesetzt habe“, betonte Tolu: „Natürlich werde ich als Journalistin meinen Weg weitergehen, denn wir alle wissen, dass Journalismus kein Verbrechen ist.“

          Im Gefängnis sei sie mit 24 weiteren Frauen und ihrem kleinen Sohn in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht, so Tolu weiter. Etwa zwölf der Frauen seien wie sie in Untersuchungshaft und warteten auf den ersten Gerichtstermin. Vier der Frauen verbüßten lebenslange Haftstrafen, die anderen seien zu mehr als sechsjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Unter ihnen sei auch die Journalistin Hatice Duman, die seit 14 Jahren inhaftiert sei und als am längsten eingesperrte Journalistin der Welt gilt.

          Mit Material der Agentur epd

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