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Kommentar : Den Bogen überspannt

Unterstützer des Oppositionsführers Kilicdaroglu beim „Gerechtigkeitsmarsch“ am 09. Juli 2017. Auch in Deutschland wächst die Kritik an Erdogan. Bild: dpa

Auch in der türkischen Gemeinde in Deutschland wächst die Kritik an Erdogan. Die Politik des Präsidenten schade vor allem den Landsleuten, so die Sorge - und auch für Erdogan könnte sie zum Bumerang werden.

          Das lässt auch die „türkische Gemeinde“ in Deutschland nicht länger kalt. Selbst Türken und Türkischstämmige, die Sympathien für Präsident Erdogan hegen, finden inzwischen, dass dieser die Brücken einreißt, welche die beiden Länder miteinander verbinden: indem er deutsche Politiker als Nazis beschimpft, Bundestagsabgeordnete nicht deutsche Soldaten auf türkischen Basen besuchen lässt; indem er deutsche Unternehmen in der Türkei bedroht und deutsche Bürger verhaften lässt. Es stimmt, was ein Vertreter der „türkischen Gemeinde“ sagt: Diese Entwicklung macht das Leben der Türken und Türkischstämmigen in Deutschland nicht einfacher. Es ist zu wünschen, dass geschieht, was er fordert: Die türkische Gemeinde in Deutschland soll über die Lage der Menschenrechte in der Türkei sprechen.

          Bei einem Teil der Anhänger Erdogans in Deutschland reift die Einsicht, dass Erdogan den Bogen überspannt hat und – unter den Folgen nicht Deutschland leidet, sondern die Türkei. Es trifft ihre Verwandten, wenn weniger deutsche Urlauber in die Türkei reisen und deutsche Unternehmen weniger oder gar nicht investieren. In den vergangenen Tagen schienen das auch Erdogans Berater begriffen zu haben, als sie in leisen Tönen anboten, die Probleme mit Deutschland doch nicht über die Medien zu lösen, sondern im direkten Dialog.

          Erdogan aber hat nachgelegt. Deutschland sei nicht stark genug, um der Türkei Angst einzujagen, sagte er am Freitag. Es liegt nicht in seinem Naturell, auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Er tut, was er sich in den Kopf setzt – auch das, was er vor mehr als einem Monat angekündigt hat: Bekomme er aus Deutschland nicht die Leute, die er fordere, nehme er sich eben Deutsche in der Türkei. Es bringt nichts, einen Dialog mit einem Machthaber zu führen, der aus kühlem Kalkül Geiseln nimmt und keine unabhängige Justiz duldet. Alles, was Erdogan derzeit tut, dient seinem Machterhalt. Der knappe Ausgang des Referendums im April und der „Gerechtigkeitsmarsch“ der Opposition haben ihm gezeigt, dass seine Machtbasis bröckelt. Erdogan hat die Wahlen von 2019 im Blick. Erst danach wird er sich unverwundbar fühlen. Bisher konnte er sich bei Wahlen stets auf die Türken in Deutschland verlassen. Sollte bei denen die Stimmung kippen, könnte seine Mehrheit gefährdet sein. Auch deshalb will Erdogan immer wieder in Deutschland sprechen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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