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Kommentar : Die größere Gefahr: Erdogans glühende Anhänger

Werben für das Referendum: Erdogan-Anhänger bei einem Auftritt von Ministerpräsident Yildirim in Oberhausen Bild: Reuters

Wer die Abschaffung der türkischen Demokratie befürwortet, kann auch kein überzeugter Anhänger der deutschen Demokratie sein.

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          Auch die Affäre um die Aktivitäten des türkischen Geheimdienstes in Deutschland macht deutlich, in welchem langen, dunklen Tunnel die Führung unter Staatspräsident Erdogan unterwegs ist. Denn nur wer in einer solchen Wahrnehmungsröhre steckt, kann glauben, die deutschen Sicherheitsbehörden wären bereit, den türkischen Diensten auf deutschem Staatsgebiet bei der Verfolgung von Personen Amtshilfe zu leisten, denen Ankara vorwirft, mit der Gülen-Bewegung in Verbindung zu stehen. Ankara behauptet, Gülen und seine Anhänger seien die treibende Kraft hinter dem Putschversuch vom vergangenen Jahr gewesen. Das aber glaubt, wie Verfassungsschutzpräsident Maaßen sagt, außerhalb der Türkei niemand.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Erdogan malt den Teufel Gülen an die Wand, um seinen eigenen Staatsstreich leichter durchziehen zu können. In den Arm fallen können ihm dabei nur noch die türkischen Wähler, auch die 1,4 Millionen, die in Deutschland leben. Ihr Abstimmungsverhalten wird verlässlicher als jede Meinungsumfrage zeigen, wes Geistes Kind sie sind. Denn es geht in diesem Referendum schließlich nicht um den Bau einer Müllverbrennungsanlage. Erdogan, der von seinen Anhängern nicht ganz zu Unrecht dafür gepriesen wird, in der Vergangenheit den Wohlstand vieler Türken vergrößert zu haben, ließ seine Maske inzwischen ganz fallen: Er will für lange Zeit an der Spitze eines autoritären Regimes stehen. Wer aber die Abschaffung der türkischen Demokratie befürwortet, gar bejubelt, kann auch kein überzeugter Anhänger der deutschen Demokratie sein.

          Erdogans radikale Abwendung vom Westen muss daher nicht nur den Strategen Kopfzerbrechen bereiten, die sich in Zeiten des Verschwindens alter Konstanten um die Südostflanke von EU und Nato sorgen. Die deutsche Politik wird auch ein Auge darauf haben müssen, welchen Einfluss die Verwandlung der Türkei in ein autoritäres System auf die hierzulande lebenden Türken und Deutschtürken ausübt. Die Aktivitäten türkischer Geheimdienste dürften dabei noch am leichtesten zu entdecken und abzuwehren sein, auch wenn sie dem BND wahrscheinlich keine Listen mit angeblichen Staatsfeinden mehr überreichen werden. Zu einer weit größeren Gefahr für den inneren Frieden könnten die hier mitunter schon lange lebenden Anhänger Erdogans werden, die ihn in dem Maße glühender verehren, in dem er diktatorischer wird.

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