https://www.faz.net/-gpf-96rsp

Türkische Truppen in Syrien : Ein Feldzug allein genügt nicht

Anerkennung der syrischen Staatsbürgerschaft

Ein besonders wichtiges Thema ist zudem die Anerkennung der syrischen Staatsbürgerschaft für jene Kurden, die zum Teil schon in dritter Generation staatenlos sind. Als Teil der syrischen Unterdrückungsmaßnahmen war zu Beginn der sechziger Jahre mehr als 100.000 syrischen Kurden die Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Diese Rechtlosigkeit wurde seither vererbt und hat sich durch das Bevölkerungswachstum der Kurden noch vermehrt, weshalb es zwischenzeitlich wohl um die 300.000 staatenlose Kurden in Syrien gab. Im April 2011, zu Beginn des syrischen Aufbegehrens, ließ Assad, um wenigstens die Kurden von der Erhebung gegen ihn abzuhalten, einem Teil der Entrechteten ihre Staatsbürgerschaft zurückgeben.

Das über Jahrzehnte untergrabene Vertrauen der Kurden konnte Damaskus so aber nicht wiedergewinnen. Zu deren Minimalforderungen gehört heute, dass allen Kurden in Syrien ohne Vorbedingungen die Staatsbürgerschaft zu verleihen sei. Uneins sind sich die Kurden dagegen in der Frage, ob arabische Stämme, die in den siebziger Jahren in ihren Siedlungsgebieten angesiedelt wurden, wieder umzusiedeln seien. Manche Kurdenführer warnen, die arabischen Clans in kurdischen Gegenden, die sich oft als eifrigste Anhänger der Dschihadisten hervorgetan hätten, seien eine lauernde Gefahr. Andere, auch die PYD, halten dem entgegen, eine Forderung nach Zwangsumsiedlung vergelte nur altes Unrecht mit neuem und werde zu nichts Gutem führen.

Blutige Erfahrung für die Türkei

Manche Kurden fordern zudem ein Recht der kurdischen Autonomieregionen, Sonderbeziehungen zu den irakischen, türkischen und iranischen Kurden zu pflegen, wobei nicht allein aufgrund der sprachlichen Divergenzen und der politischen Zerstrittenheit der Kurden untereinander unklar bleibt, wie das in der Praxis aussähe.

Noch unklarer ist allerdings, wie die Türkei all die Veränderungen, die Afrin seit 2012 erlebt hat, wieder zurückdrehen will. Wenn in Ankara das Ende bedacht wurde, wird man wissen: Ein Feldzug allein wird dazu nicht genügen. Oder sollte Erdogan, wie viele kurdische Beobachter vermuten, tatsächlich ein dauerhaft gegen die syrischen Kurden gerichtetes Bündnis mit seinem einstigen Lieblingsnachbarn und zwischenzeitlichen Erzfeind Assad einzugehen bereit sein? Damit wäre der seit 2016 ohnehin schon sukzessiv aufgeweichte türkische Grundsatz, dass allein ein Sturz Assads Syrien befrieden könne, endgültig über Bord geworfen. Russland hieße eine Einigung seines Protegés in Damaskus mit der Türkei gewiss willkommen, selbst auf Kosten der Kurden. Und wenn auch die Amerikaner ihr im Kampf gegen den IS noch so schlagkräftiges Bündnis mit den Kurden aufkündigten, um das ungleich wichtigere Verhältnis zur Türkei nicht zu gefährden, wäre die kurdische Selbstverwaltung in Afrin womöglich tatsächlich in Gefahr. Es gälte dann wieder einmal der Satz des 2008 gestorbenen palästinensischen Dichters Mahmoud Darwisch, der geschrieben hatte: „Der Kurde hat nichts als den Wind.“

Anfügen ließe sich allenfalls der wenig lyrische Zusatz: und den Terror. Denn die Erfahrung, dass der von Kurden verübte Terrorismus und die kurdischen Bestrebungen nach Selbstverwaltung sich nicht beide gleichzeitig dauerhaft unterdrücken lassen, ist seit mindestens fünf Jahrzehnten eine ständig wiederkehrende, blutige Erfahrung in der Türkei. Sollte sie sich auch für Afrin bewahrheiten, hätte Ankara jenen „Terrorkorridor“, vor dem türkische Politiker seit Jahren warnen, durch den Versuch, ihn zu beseitigen, erst geschaffen.

Weitere Themen

Wiener Gericht verurteilt IS-Kämpfer

Mehrjährige Haftstrafen : Wiener Gericht verurteilt IS-Kämpfer

Zwei in Österreich radikalisierte IS-Kämpfer in Wien müssen für viereinhalb und sechseinhalb Jahre in Haft. Weil eine Beteiligung an Gewalttaten nicht nachgewiesen werden konnte, fallen die Urteile vergleichsweise milde aus.

Topmeldungen

Sieht den Fehler nicht bei sich: Olaf Scholz Ende April

Cum-Ex : Schweigen über Steuertricks

Alle Parteien begrüßen die höchstrichterliche Entscheidung zu Cum-ex, da die verwerfliche Praxis doch den Staat Milliarden gekostet hat. Der Bürger darf sich weiterhin fragen, wie es dazu kommen konnte.
Guckloch: Blick auf die Altstadt Jerusalems mit dem Tempelberg

Muslimisch-Jüdischer Dialog : Koscher oder halal?

Ein muslimisch-jüdisches Paar bietet Anlass zu Projektionen. Ihre Ehe ist kein politisches Projekt – und führt doch in etliche Konfliktfelder. Davon berichten unsere beiden Kolumnisten von nun an in „Muslimisch-jüdisches Abendbrot“.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.