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Türkische Truppen in Syrien : Ein Feldzug allein genügt nicht

Kurdinnen kämpfen für Autonomie

In Afrin wächst derzeit (wie auch in Kobane und der Cizire) die erste Generation syrischer Kurden heran, die in der Schule in ihrer Muttersprache Kurmanci unterrichtet wird. Das war früher verboten in Syrien, doch als Folge des partiellen Staatszerfalls ist auch die jahrzehntelange Arabisierung der Kurden durch den Schulunterricht nun Vergangenheit. Zwar mangelt es dem kurdischen Schulwesen in Afrin einstweilen noch an Lehrkräften, Büchern und Gebäuden, doch eine pädagogische Akademie in Afrin soll wenigstens die ärgsten Personalengpässe in den kommenden Jahren beheben.

Auch in der Geschlechterpolitik hat es umwälzende Änderungen gegeben. Kurdinnen aus Afrin dürfen (und sollen) mit der Waffe in der Hand gegen alle Gegner einer kurdischen Autonomie kämpfen. Die Volksschutzeinheiten verfügen über eigene Frauenbataillone, die bis zur Einführung der Wehrpflicht für kurdische Männer im Sommer 2014 fast ein Drittel der kurdischen Truppen gestellt haben sollen. Auch hinter der Frontlinie geht es für nahöstliche Verhältnisse ungewöhnlich zu im Verhältnis zwischen Männern und Frauen: Die PYD fördert Kleinbetriebe, in denen Frauen unabhängig von Männern Waren produzieren und Geld verdienen können. Für die regionale Wirtschaft spielen diese Frauenbetriebe zwar keine große Rolle, doch die von ihnen ausgehende Botschaft ist ungewöhnlich genug. Dass Frauen eigenständig wirtschaftliche Entscheidungen treffen können, gab es früher nicht in Afrin – wie vieles andere, was vor 2012 kaum vorstellbar war.

Demokratisch, säkular und dezentral

Zwar fordert kein maßgeblicher Politiker der Kurden in Syrien deshalb nun eine Unabhängigkeit Rojavas, denn dass ein geographisch nicht zusammenhängender, von Arabern und Türken umschlossener Ministaat ohne Meerzugang nicht überlebensfähig wäre, wissen die kurdischen Führer gut. Doch könnte es sich auch kein kurdischer Politiker leisten, die in den vergangenen Jahren erreichte Eigenständigkeit aufzugeben.

Die meisten Kurden in Afrin sind sich darin einig, dass sie zwar im syrischen Staatsverband bleiben wollen, künftig aber nur noch ein demokratisches, säkulares und dezentral verfasstes Syrien ihre Heimat sein könne. Salih Muslim fordert für die Kurden eine „demokratische Selbstverwaltung“, deren Details verhandelbar seien – ob ein föderales Syrien nach schweizerischem, deutschem, amerikanischem oder anderem Vorbild organisiert werde, könne man immer noch sehen. Unstrittig ist für nahezu alle Kurden: Man will in einem künftigen syrischen Staat als konstitutive Volksgruppe in der Verfassung anerkannt werden. Viele fordern zudem Quotenregelungen für die Beschäftigung von Kurden im Staatsdienst. Und natürlich müsse Kurmanci, die in Syrien dominante Varietät des Kurdischen, in Afrin und überall dort, wo Kurden in der Mehrheit oder eine bedeutende Minderheit sind, Amtssprache werden. In ihren Hauptsiedlungsgebieten sollen Kurden außer der Schulpolitik auch andere kulturelle Fragen selbst regeln können – etwa die Erhebung des kurdischen Neujahrsfestes Newroz zum arbeitsfreien Feiertag. Auch müsse die Geschichte der Kurden an kurdischen Schulen gelehrt werden und das einst vorherrschende syrisch-arabische Narrativ ersetzen. Arabisierte Ortsnamen sollen ihre ursprünglichen kurdischen Bezeichnungen zurückerhalten.

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