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Türkische Truppen in Syrien : Ein Feldzug allein genügt nicht

Türkei sieht Interessen bedroht

Die Türkei sieht das Konzept Rojava seit dem ersten Tag als Bedrohung ihrer Sicherheitsinteressen. Formal wird das in Ankara damit begründet, dass im „Terrorstaat“ Rojava die syrischen Schwesterorganisationen der PKK an der Macht seien. Aus Äußerungen Erdogans und anderer türkischer Spitzenpolitiker ist in den vergangenen Jahren aber oft deutlich geworden, dass Ankara die Idee einer kurdischen Selbstverwaltung in Syrien grundsätzlich ablehnt – ganz gleich, wer dort die Macht hat. Dem „Sündenfall“ der kurdischen Autonomie im Irak soll keinesfalls ein weiteres Beispiel hinzugefügt werden, das die türkischen Kurden in Südostanatolien auf abwegige Gedanken bringen könnte. Durch den am 20. Januar begonnenen Angriff der türkischen Armee und ihrer arabischen Hilfstruppen auf Afrin, den westlichen der drei kurdischen Kantone, will Erdogan nun Fakten schaffen. Das soll ihm auch bei Verhandlungen über eine syrische Nachkriegsordnung mehr Gewicht verschaffen. So wird nun eine der letzten Regionen Syriens, die bisher vom Krieg verschont geblieben waren, in das Blutvergießen miteinbezogen.

Bild: F.A.Z.

Doch selbst wenn es der Türkei mit ihrer materiellen, technologischen und numerischen Übermacht bald gelingen sollte, Afrin einzunehmen, den etwa 100.000 Einwohner zählenden Hauptort des gleichnamigen Kantons, sind die langfristigen politischen Erfolgsaussichten der türkischen „Operation Olivenzweig“ bestenfalls ungewiss. Es dürfte den Türken nämlich schwerfallen, in Afrin durchsetzungsstarke Statthalter zu installieren und einen ähnlich folgsamen Kurdenführer zu finden, wie es Massud Barzani im Nordirak lange Zeit war. Denn anders als in Kobane und insbesondere in Cizire, den beiden östlichen Kantonen, wo es eine maßgebliche innerkurdische Opposition gegen die PYD und deren bewaffnete Einheiten gibt, ist der Rückhalt der lokalen Bevölkerung für die Machthaber in Afrin nahezu einhellig. Afrins Bevölkerung besteht zu 98 Prozent aus Kurden und den ebenfalls kurdischen, aber nicht muslimischen Jesiden. Die meisten kleinen Minderheiten, etwa die Aleviten (nicht Alawiten), die in einer Kleinstadt nordwestlich Afrins leben, halten ebenfalls zu den Kurden. Hevi Ibrahim Mustafa, eine Alevitin, ist sogar „Ministerpräsidentin“, also Chefin der lokalen Selbstverwaltung von Afrin. Als Kooperationspartner für die türkische Regierung, die im eigenen Land die Aleviten ausgrenzt, käme diese Minderheit nicht in Frage.

Noch ist Afrin nicht eingenommen

Außerdem ist Afrin längst noch nicht eingenommen. Militärisch ist die Türkei, deren Armee zwar nicht die zweitmodernste, aber immerhin die zweitgrößte Streitmacht der Nato darstellt, den Kurden auf dem Papier haushoch überlegen. Aber gekämpft wird nicht auf Papier, und bisher soll die türkische Armee nach Berichten aus Afrin (die allerdings kaum zu verifizieren sind) ihre arabischen Hilfstruppen vorgeschickt haben. Deren Motivation, eine fast nur von Kurden besiedelte Region zu erobern, ist überschaubar, das hat sich schon bei der türkischen Operation „Schutzschild Euphrat“ gezeigt, die im vergangenen Jahr endete.

Bild: F.A.Z.

Und selbst wenn die Kantonshauptstadt Afrin eingenommen werden sollte, was wohl erst nach einem verlustreichen Häuserkampf geschehen könnte, wäre damit auf Dauer wenig gewonnen für die Türkei. Denn in Afrin sind in den vergangenen knapp sechs Jahren Fundamente einer Selbstverwaltung entstanden, auf die Kurden gleich welcher politischen Couleur nicht mehr verzichten wollen.

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