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Türkische Syrien-Offensive : Wie wichtig sind die deutschen Panzer?

Türkische Soldaten auf Leopard-2-Panzern, am Sonntag im Reyhanli-Distrikt in der Provinz Hatay, Türkei Bild: dpa

Leopard-2-Panzer deutscher Herstellung könnten beim umstrittenen Kampf gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten zum Einsatz kommen. Rüstungsexperten verraten, wie „kriegsentscheidend“ sie sind.

          Ankaras umstrittene „Operation Olivenzweig“ gegen die kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) um Afrin hat nicht nur türkische Truppen in Gang gesetzt. In Deutschland ist eine Debatte über türkische Kampfpanzer deutscher Herstellung entbrannt, die an der Offensive beteiligt sein könnten. Konkret geht es um Bilder und Videos von Panzern des Typs Leopard 2A4 nahe der türkisch-syrischen Grenze. Vor allem Vertreter der Linkspartei und der Grünen fordern lautstark, ab sofort sämtliche Rüstungsexporte in die Türkei zu unterbinden. So wichtig und richtig diese Debatte auch ist – wer die jüngsten Wortmeldungen verfolgt hat, dem mag der Eindruck entstehen, bei den kritisierten Rüstungslieferungen handele es sich für die Türken um „kriegsentscheidendes“ Material. Wie wichtig aber sind sie tatsächlich?

          Das strategische Kräfteverhältnis zwischen den türkischen Streitkräften und der YPG ist mit David gegen Goliath noch schmeichelhaft umschrieben. Die Türkei hält den jüngsten Zahlen des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) zufolge mehr als 350.000 Soldaten unter Waffen, über eine Viertelmillion davon im Heer. Hinzu kommt noch einmal in etwa dieselbe Masse an Reservetruppen. So viele, wie kein anderer Nato-Staat in Europa. Sämtliche Rekorde bricht die Türkei auch mit ihrer Panzerwaffe. Rund 2.500 Kampfpanzer besitzt das türkische Heer, davon rund 700 deutsche Leopard 2A4 (325) sowie dessen Vorgänger Leopard 1A4 (170) und Leopard 1A3 (250). Die Restlichen stammen aus Amerika. Dieser Streitmacht steht mit der YPG eine Guerillaarmee gegenüber, ohne eigene Luftwaffe und ohne eigene Kampfpanzer. Ihre genaue Größe ist umstritten. Nach eigenen Angaben aus dem vergangenen Jahr verfügte die YPG über rund 100.000 Kämpferinnen und Kämpfer. Eher ein Ober- als ein Unterwert.

          Auch in der Region Afrin, wo das Gros der Kämpfe gegenwärtig tobt, befinden sich die Türken offenbar im Vorteil, selbst wenn Schätzungen der Truppengrößen das nicht auf den ersten Blick erkennen lassen. Der arabische Nachrichtensender Al Jazeera rechnet mit  8.000 bis 10.000 YPG-Kämpfern. Das entspricht in etwa der geschätzten Zahl türkischer Soldaten und den mit ihnen verbündeten islamistischen Kämpfern der Freien Syrischen Armee. Doch verfügt Ankara vor Ort über deutlich mehr Feuerkraft. Das türkische Verteidigungsministerium berichtet von 72 Kampfflugzeugen, die türkische Zeitung „Aksam“ vom Einsatz schwerer Artillerie.

          Über die genaue Zahl türkischer Kampfpanzer in der Region gibt es bislang keine verlässlichen Zahlen. Bilder zeigen zweifelsfrei ältere M48 und M60 amerikanischer Herkunft. Aber Leopard 2A4? Das deutsche Verteidigungsministerium gibt sich auf Anfrage von FAZ.NET wortkarg. Man monitore nicht den Einsatz von Waffensystemen anderer Armeen, auch nicht denen deutscher Herkunft, teilte ein Sprecher knapp mit. Aus Fachkreisen der Bundeswehr heißt es hinter vorgehaltener Hand dann immerhin, der Einsatz des Kampfpanzers sei für die türkischen Streitkräfte vermutlich „wünschenswert, aber nicht kriegsentscheidend.“ Zwar würden die meisten Kämpfe gegen die YPG wohl in städtischen Gebieten stattfinden – wo Kampfpanzer sehr verwundbar ist. Doch könne er aus sicherer Entfernung mit seiner Durchschlagskraft als „Brechstange“ dienen, den rückwärtigen Raum sichern und nicht zuletzt schon durch seine bloße Anwesenheit einschüchternd wirken.  

          Auch Rüstungsexperte Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) hält den Einsatz des Leopard 2 in Syrien für plausibel. „Er ist immer noch einer der besten Kampfpanzer der Welt“, so Dickow, der als Richtschütze im Wehrdienst früher selbst mit ihm gefahren ist. „Selbst in der älteren Version A4 ist er zweifellos das Beste, was die Türken besitzen.“

          Angewiesen sind die Türken auf ihn jedoch offenkundig nicht, wie ein Blick auf die übrigen zur Verfügung stehenden Waffensysteme zeigt. So könnten etwa andere Panzer, schwere Artillerie oder Kampfflugzeuge die Aufgaben ebenso gut übernehmen, so ein deutscher Panzeroffizier zu FAZ.NET. „Die Türken sind militärisch gut und werden ihre operativen Ziele so oder so erreichen.“

          Für taktische Zurückhaltung mit dem Leopard 2A4 spricht, dass die türkische Armee bei den vergangenen Kämpfen gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ mehrere Panzer verloren hat. Bilder von Dschihadisten, die triumphierend auf zerstörten Leopard-Panzern der türkischen Armee standen, gingen vor gut einem Jahr um die Welt. Die Dschihadisten hatten vermutlich die schwach gepanzerten Flanken der Kampfpanzer mit Panzerabwehrhandwaffen beschossen und sie damit außer Gefecht gesetzt. Über ähnliche Möglichkeiten verfügt auch die YPG.

          Schutzsysteme, die die Türkei vermutlich zur Härtung ihrer Leopard-Kampfpanzer von Deutschland haben möchte, könnten die Verwundbarkeit zwar verringern, aber er würde dadurch nicht unverwundbar. Auch würde die Lieferung kaum noch für die laufende Operation eine Rolle spielen können. Die Nachrüstung dürfte Monate in Anspruch nehmen. Selbst dann, wenn die Bundesregierung dafür grünes Licht geben würde.

          Wegen der Leopard-1-Panzer braucht sich Deutschland übrigens überhaupt nicht zu sorgen. Die Bundesregierung ließ sich seinerzeit zusichern, dass die Panzer nur eingesetzt werden, falls der Nato-Verteidigungsfall ausgerufen wird. Das ist bei der Operation Olivenzweig ausgeschlossen. Der wichtigste Unterstützer der YPG ist Nato-Partner Amerika.

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