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Türkei und Armenien : Erdogans Blutbild

Die ebenso unverhohlene wie unverschämte Einflussnahme des autoritären Staatschefs der Türkei zeigt schon Wirkung. Erdogan fordert Loyalität – und bekommt sie; aber anders als gewünscht.

          Türke ist, wer türkischen Blutes ist? Was immer man gegen die Armenien-Resolution des Bundestages sagen kann – ihr ist es zu verdanken, dass sich der türkische Präsident auf einzigartige Weise entlarvt hat. Eine Blutuntersuchung soll seiner Ansicht nach Aufschluss darüber geben, welche türkischstämmigen Politiker in Deutschland echte Türken sind. Erdogan kennt das Ergebnis schon: „Sie haben nichts mit Türkentum gemein. Ihr Blut ist schließlich verdorben.“ Da fällt es schon nicht mehr ins Gewicht, dass er die Abgeordneten auch noch mit PKK-Terroristen in Verbindung bringt. Auf welch’ fruchtbaren Boden solche Hetze fällt, zeigt sich an Morddrohungen gegen den Grünen-Abgeordneten Cem Özdemir, einen der Initiatoren der förmlichen Verurteilung des türkischen Völkermords an den Armeniern durch den Bundestag.

          Die ebenso unverhohlene wie unverschämte Einflussnahme des autoritären Staatschefs der Türkei zeigt schon Wirkung. Erdogan fordert Loyalität – und bekommt sie; aber anders als gewünscht. Die Türkische Gemeinde in Deutschland hält zwar die Armenien-Resolution für falsch, nennt aber Erdogans Äußerungen „abscheulich“. Hoffentlich werden jetzt die verbliebenen Anhänger einer ungebremsten Einwanderung sowie einer leichtfertigen Verleihung einer am besten gleich mehrfachen Staatsangehörigkeit endlich wach.

          Am Anfang der Integration muss ein eindeutiges Bekenntnis zu diesem Land stehen. Wer das nicht ablegen will, kann nicht Deutscher werden, so gut er auch die Sprache sprechen und Grundgesetzartikel herunterbeten mag. Das ist zutiefst republikanisch und unterscheidet sich fundamental von Erdogans Blutbildern und hiesiger nostalgischer Sehnsucht nach einer „echten“ deutschen Nationalmannschaft. Die gegenwärtige ist nämlich auch nach Blut-und-Boden-Maßstäben sehr deutsch. Die gesetzliche Zugehörigkeit zu diesem Staat bestimmt sich durchaus nach den Eltern und auch nach dem Geburtsort, aber nie nach dem Aussehen. Das würde auch alten wie neuen Rassisten nicht bekommen.

          Erdogan stellt im Grunde alle Türken vor die Wahl: Kommt ihr mit auf die Zeitreise in die finsterste Vergangenheit – oder bleibt ihr zumindest auf dem Weg in die Moderne? Das menschenverachtende Freund-Feind-Denken des Autokraten sollte die Entscheidung eigentlich leicht machen.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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