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Türkei : Erdogans Cäsarenwahn

  • -Aktualisiert am

Es ist verständlich, dass die Angehörigen der Bergarbeiter ihrem Schmerz auch in aggressiven Worten oder Handlungen Ausdruck verleihen. Ein führender Politiker sollte darauf nicht mit Wutanfällen und Handgreiflichkeiten reagieren.

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          Das Wort vom „Cäsarenwahn“ ist geprägt worden, um die Allmachtphantasien römischer Imperatoren zu beschreiben, die, nur noch umgeben von verängstigten Hofschranzen und Speichelleckern, jeglichen Kontakt mit der wirklichen Welt verloren hatten. Es scheint so, als ob der türkische Ministerpräsident Erdogan ebenfalls von diesem Syndrom befallen sei, jedenfalls zeigt er die entsprechenden Symptome. Es ist verständlich, dass Menschen, deren Angehörige bei einem Bergwerksunglück, das mehr als dreihundert Opfer forderte, nicht nur in stiller Trauer verharren, sondern ihrem Schmerz auch in aggressiven Worten oder Handlungen Ausdruck verleihen. Der führende Politiker eines Landes sollte darauf nicht gleichfalls mit Wutanfällen und Handgreiflichkeiten reagieren; Verstehen, Ertragen und Verzeihen wären die Reaktionen eines Staatsmannes.

          Diese begriffliche Auszeichnung hat Erdogan, dessen Verdienste um das Land niemand bestreiten kann, mit seinem Verhalten der letzten Monate immer mehr verscherzt. Seine Reaktion auf die Proteste im Gezi-Park in Istanbul vor einem Jahr konnte man nur noch als blindwütig bezeichnen: Leute, die anderer Meinung sind und dies in friedlichen Demonstrationen zum Ausdruck bringen, schlichtweg als Terroristen abzustempeln, zeigte bereits, dass Erdogan jegliches Maß verloren hatte. Das darauf folgende Kujonieren von Justiz und Polizei, weil diese sich mit Korruptionsvorwürfen bis in die Spitze der regierenden AK-Partei hinauf befassten, bewies, dass in Erdogans Reich nur noch der Wille des „großen Meisters“ gelten sollte – also sein eigener.

          Was das für Erdogans politische Zukunft bedeutet, ist noch unklar. Viele Türken sind ihrem langjährigen Führer dankbar dafür, dass ihr Leben unter seiner Herrschaft besser geworden ist und glauben daran – oder hoffen darauf –, dass Erdogan den Aufschwung ihres Landes weiter befördern wird. Doch es ziehen auch dunkle Wolken über Erdogan auf, und wahrscheinlich sind die menschlichen Unzulänglichkeiten, die er (mitsamt seiner Entourage von Ja-Sagern) am Ort des Unglücks gezeigt hat, dafür bezeichnender als sein Hang zum politisch Autoritären. Leider ist nicht anzunehmen, das Erdogan, der nach Atatürk eine zweite Gründergestalt der modernen Türkei hätte werden können, das einsehen kann oder will.

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