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Papst verurteilt Völkermord : Türkei erbost über Franziskus

  • Aktualisiert am

Papst Franziskus mit dem Patriarchen der armenischen orthodoxen Kirche, Karekin II., am Sonntag im Petersdom in Rom. Bild: AP

Papst Franziskus verurteilt den Völkermord an den Armeniern – und Ankara reagiert zornig. Die Türkei bestellt den Gesandten des Vatikan ein und holt den Botschafter des Landes am Heiligen Stuhl vorerst zurück. Das Kirchenoberhaupt schüre „Feindschaft und Hass“.

          Mit seiner Äußerung, die Massaker an den Armeniern seien „Völkermord“ gewesen, hat Papst Franziskus den Zorn der Türkei auf sich gezogen. Nach den Worten des Bischofs von Rom am Sonntag im Petersdom bestellte Ankara den Gesandten des Vatikan ein und berief zugleich den eigenen Botschafter am Heiligen Stuhl zu Konsultationen zurück. Vor armenischen Gläubigen hatte Franziskus verkündet, ihr Volk habe den ersten Genozid des vergangenen Jahrhunderts erlebt.

          Die Menschheit habe im vergangenen Jahrhundert drei große Tragödien erlebt, hatte der Papst im Petersdom gesagt. Die erste dieser Tragödien, die „weithin als ’erster Völkermord des 20. Jahrhunderts’ gilt“, habe das armenische Volk getroffen. Hundert Jahre nach den Massakern an den Armeniern erinnere sich die Menschheit an dieses „tragische Ereignis, diese ungeheure und sinnlose Vernichtung, deren Grausamkeit eure Vorfahren erlitten haben“, sagte Franziskus bei der Messe zum Gedenken an den Massenmord vor hundert Jahren. Sich zu erinnern, sei eine Pflicht. „Denn wenn die Erinnerung schwindet, hält das Böse die Wunde weiter offen.“

          Türkei sieht Geschichtsfälschung

          Die Türkei reagierte verärgert auf die Äußerungen des Papstes. Diese seien „weit entfernt von der historischen Realität“, erklärte Außenminister Mevlüt Cavusoglu auf Twitter. Sie könnten „nicht akzeptiert“ werden. „Religiöse Ämter sind nicht der Ort, mit haltlosen Vorwürfen Feindschaft und Hass zu schüren“, fügte Cavusoglu hinzu.

          Laut mehreren Fernsehsendern bestellte sein Ministerium den Gesandten des Vatikans in Ankara ein. Außerdem rief die türkische Regierung den eigenen Botschafter am Heiligen Stuhl nach Ankara. Botschafter Mehmet Pacaci sei für Konsultationen in die Türkei bestellt worden, erklärte das Außenministerium.

          Am 24. April 1915 hatte die damalige Regierung des Osmanischen Reiches mit der Verhaftung und Verfolgung der Armenier begonnen. In den folgenden zwei Jahren fielen nach armenischen Angaben bis zu 1,5 Millionen Angehörige der Minderheit einem gezielten Völkermord zum Opfer. Die Türkei weist diesen Begriff zurück und spricht von einigen hunderttausend Toten durch Kämpfe und Hungersnöte während des Chaos des Ersten Weltkriegs.

          An der Messe hatten der armenische Patriarch Nerses Bedros XIX. Tarmuni und Armeniens Präsident Sersch Sarkissjan teilgenommen. Ob der Papst den Begriff Völkermord benutzen würde, war im Vorfeld mit Spannung erwartet worden.

          „Inakzeptable Konsequenzen“ für die Beziehung der Länder

          Der Vatikan sprach nicht das erste Mal von „Völkermord“ an den Armeniern: Wie bereits bei einem Treffen mit armenischen Geistlichen 2013 zitierte Franziskus auch bei der Gedenkmesse am Sonntag die Worte aus einer im Jahr 2000 verfassten Erklärung seines Vorgängers Johannes Paul II. und des armenischen Patriarchen Karekin II.

          Das türkische Außenministerium hatte Franzikus’ Worte bereits 2013 scharf kritisiert und als „inakzeptabel“ bezeichnet. Zudem warnte es den Vatikan damals davor, „Schritte vorzunehmen, die irreparable Konsequenzen für unsere Beziehungen haben könnten.“ Vom Pontifikat werde erwartet, zum Weltfrieden beizutragen, statt Feindseligkeiten über historische Ereignisse zu schüren, hieß es damals weiter. Franziskus betete während der Sondermesse für eine Versöhnung zwischen den Völkern Armeniens und der Türkei.

          Der Papst sagte darüber hinaus, die beiden anderen Völkermorde des 20. Jahrhunderts seien von „dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus“ verübt worden. In jüngerer Vergangenheit habe es aber noch weitere Massenmorde gegeben, etwa in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien.

          Der Papst ging in seiner Predigt auch auf die Verfolgung religiöser und ethnischer Minderheiten in der heutigen Zeit ein, etwa durch die Dschihadistengruppe „Islamischer Staat“ in Syrien und im Irak. Die Welt erlebe heute wieder „eine Art Genozid, der durch die allgemeine und kollektive Gleichgültigkeit verursacht wird“, sagte der 78-jährige Argentinier. Wieder sei der „erstickte und vernachlässigte Schrei“ von Menschen zu hören, die „enthauptet, gekreuzigt, lebendig verbrannt oder gezwungen werden, ihr Heimatland zu verlassen“.

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