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Tschetschenien : „Das grenzt an Genozid“

  • Aktualisiert am

Tschetschenien: Trauer um die Toten Bild: dpa

In Tschetschenien werden bis zu 80 junge Männer im Monat von russischen Soldaten getötet, berichten Menschenrechtler.

          2 Min.

          Mit dem neuen Nato-Russland-Rat und der Vollmitgliedschaft in der G8 hat der russische Präsident Wladimir Putin außenpolitische Erfolge verbuchen können. Der Westen vertraut Wladimir Putin als verlässlichen Partner im Anti-Terror-Kampf. Doch in der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien treten russische Soldaten die Menschenrechte mit Füßen. Von einem „Genozid an der tscheschenischen Bevölkerung“ spricht der Vizepräsident der angesehenen Menschenrechtsorganisation International Helsinki Federation for Human Rights (IHF), Ulrich Fischer, nach einer dreitägigen Reise durch den Kaukasus gegenüber FAZ.NET.

          Nach Angaben von Menschenrechtlern werden jeden Monat bis zu 80 Männer von russischen Soldaten getötet. Angesichts einer Einwohnerzahl von höchstens 500.000 Menschen sei dieses Ausmaß an Gewalt nahezu beispiellos in der Weltgeschichte, meint IHF-Geschäftsführer Aaron Rhodes, der ebenfalls an der Reise teilgenommen hat.

          Die russische Menschenrechtsorganisationen Memorial spricht sogar von einem Genozid. Gezielt entführe und töte die Armee Männer im erwerbstätigen Alter.

          Familien müssen Leichen zurückkaufen

          „Die arbeitsfähige, jüngere Bevölkerung muss sich versteckt halten“, berichtet Fischer. Ansonsten drohen nach seiner Einschätzung in einigen Dörfern Entführungen durch die russische Soldateska und, sollte das Lösegeld nicht bezahlt werden, die Ermordung der Opfer. Nicht selten hätten Familien sogar die Leichen entführter Angehöriger zurückkaufen müssen, wie Fischer in dutzenden Gesprächen mit Tschetschenen erfuhr. In anderen Fällen seien die Körper entführter junger Männer am Straßenrand aufgefunden worden, ohne Kopf. „Die russische Soldaten kontrolliert niemand“, schildert der Menschenrechtler seine Eindrücke.

          Schikanen, Hausdurchsuchungen, Folter

          Auch nach Einschätzung von Caritas international ist die humanitäre Lage in der abtrünnigen Kaukasusrepublik „weiterhin Besorgnis erregend“. 310.000 Vertriebene in und außerhalb des Landes litten noch immer unter den Kriegsfolgen, sagte der Leiter der Caritas-Katastrophenhilfe, Jürgen Lieser. Die zerstörte Stadt Grosny gleiche einer Festung. Es werde von Schikanen, Hausdurchsuchungen, willkürlichen Verhaftungen und Folter durch russische Militärs berichtet.

          Lieser, der ebenfalls dieser Tage aus Tschetschenien und dem benachbarten Inguschetien zurückkehrte, beklagte die schweren Arbeitsbedingungen für die wenigen Hilfsorganisationen, die in der Region tätig seien. Trotz des großen Hilfebedarfs komme man kaum zu den Kriegsopfern in Tschetschenien durch. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen könnten sich wegen zahlreicher Entführungen nur mit bewaffneten Leibwächtern bewegen.

          Russland will Flüchtlinge zur Rückkehr zwingen

          Der Katastrophenhelfer führte aus, die mehr als 150.000 tschetschenischen Flüchtlinge in Inguschetien würden gerne in ihre Heimat zurückkehren, fürchteten aber „unberechenbare Repressalien der Russen“. Dem IHF-Bericht zufolge beabsichtige Russland zudem, mehrere Flüchtlingslager zu schließen. Die Bewohner müssten dann nach Tschteschenien zurückkehren. Dort sei ihr Leben durch Feuergefechte und Bombenanschläge bedroht.

          Auch Putin spricht von einer Tragödie

          Putin selbst hatte Ende Juni erstmals von einer Tragödie in Tschetschenien gesprochen und ein Ende der Militärrazzien angekündigt. Die Razzien sollten bis zum Ende des Jahres eingestellt werden, sobald die Sicherheit in der Republik gewährleistet sei.

          Die russische Armee war Ende 1999 in die Kaukasusrepublik einmarschiert. Die für die Unabhängigkeit von Moskau kämpfenden Rebellen führen einen Partisanenkrieg gegen die russischen Truppen und die pro-russische tschetschenische Polizei.

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