https://www.faz.net/-gpf-2ea0

Tschernobyl-Schließung : Geldsegen für neue Atommeiler

  • -Aktualisiert am

Unglücksreaktor in Tschernobyl Bild:

Geldsegen für die Ukraine vor der Schließung von Tschernobyl: Nach der Osteuropabank hat nun auch due EU einen Milliardenkredit für zwei neue Atomreaktoren bewilligt.

          2 Min.

          Stunden vor der Schließung von Tschernobyl bekommt die Ukraine vom Westen einen Geldsegen als Gegenleistung. Die EU genehmigte im Namen von Euratom ein Darlehen in Höhe von 585 Millionen Dollar (!,287 Milliarden Mark). Damit sollen der Block 2 des Kernkraftwerkes in Chmelnizki und Block 4 des Kernkraftwerkes in Rowno fertiggestellt und modernisiert werden.

          Am 15. Dezember soll der Krisenreaktor von Tschernobyl vor den Augen der Welt - eine Liveübertragung im Fernsehen ist geplant - endgültig vom Netz gehen. Erst vor wenigen Tagen hatte die Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), kurz Osteuropabank, grünes Licht für einen ersten Kredit in Höhe von 215 Millionen Dollar (etwa 470 Millionen Mark) gegeben. Die Osteuropabank ist Projektführer und nach ihrer positiven Entscheidung fließen auch andere geplante Kredite wie der von Euratom.

          Die Osteuropabank hatte ihre Kreditzusage an Bedingungen geknüpft. Das Geld soll erst freigegeben werden, wenn auch der Internationale Währungsfonds (IWF) seinen Zahlungen an das Land wieder aufnimmt. Eine IWF-Sprecherin teilte FAZ.NET am Mittwoch mit, das IWF-Direktorium wolle bereits am 19. Dezember über die Weiterführung des Hilfsprogramm für die Ukraine entscheiden.

          Westliche Genehmigungspraxis

          Die EU teilte mit, dass die neuen Reaktoren (kurz K-2-R-4) „auf einen nach westlicher Genehmigungspraxis annehmbaren Sicherheitsstandard umgerüstet werden“. An dem Projekt sind westliche Unternehmen in starkem Maße beteiligt. Generalunternehmer für die Bauarbeiten ist ein von dem französischen Unternehmen Framatome angeführtes Konsortium, an dem auch Siemens beteiligt ist. Die gesamten Finanzierungskosten für K-2-R-4 werden auf 1,48 Milliarden Dollar geschätzt.

          Die Bundesregierung hatte sich bei der Abstimmung über den Kredit im Direktorium der Osteuropabank der Stimme enthalten, um den Atomkurs der Ukraine nicht öffentlich zu unterstützen.

          Greenpeace: Kein Erpressungspotenzial

          Die Umweltorganisation Greenpeace kritisiert den Kurs der Bundesregierung scharf. Berlin müßte bei der Abstimmung der EBWE klar Farbe bekennen und mit Nein stimmen. „Dies ist das erste nukleare Großprojekt, das die Bank finanziert“, sagte Veit Bürger von Greenpeace FAZ.NET. „Die Bundesregierung geht den bequemsten Weg.“ Das viel zitierte „Erpressungspotenzial von Tschernobyl ist nicht mehr da“, so Bürger.

          „Die Betriebsgenehmigung von Tschernobyl läuft ohnehin am 15. Dezember aus.“ Die Brennelemente seien leer und die Ukraine habe kein Geld für neuen Brennstoff. Deshalb habe für den Westen auch die Option bestanden, die Kredite zurückzuhalten. In dem Memorandum zwischen dem Westen und der Ukraine von 1995 über die Schließung des Krisenreaktors sei die wirtschaftlichste Ersatzvariante angestrebt worden. Den Gutachtern wirft Greenpeace jedoch vor, die nicht-nuklearen Varianten nicht richtig und auf der Grundlage falscher Zahlen durchgerechnet zu haben.

          Tschernobyl bleibt eine Gefahr

          Ungeachtet der geplanten Abschaltung des letzten Tschernobyl-Blocks an diesem Freitag bleiben die Reaktoren von Tschernobyl ein großes Sicherheitsproblem. Der Beton-Sarkophag, der nach dem GAU von 1986 um Block vier gelegt wurde, muss für hunderte von Millionen Dollar erneuert werden. Und auch in den anderen Blöcken bleiben die Brennstäbe zunächst noch einige Jahre. Erst bis zum Jahr 2008 könnten alle Brennstäbe aus den Reaktoren entfernt werden, wie ein Mitarbeiter des Werkes Anfang der Woche in Kiew mitteilte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstrationen im Libanon : „Jeder ist bereit für einen Kampf“

          In Beirut treibt die Wut auf die Politik Abertausende Menschen auf die Straßen. Die Lage in der Stadt ist unübersichtlich. Dieses Mal wollen die Demonstranten die korrupte Elite des Landes nicht davonkommen lassen.
          Die amerikanische Schriftstellerin Lily Brett

          Amerika in der Krise : Wie New York unter Trump und Corona leidet

          Donald Trump hat einen Grausamkeitskoeffizienten, der den größten Diktatoren zum Neid gereichen könnte, schreibt die Schriftstellerin Lily Brett. Über die Hoffnung der Amerikaner auf eine gerechtere Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.