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Tschernobyl : Die Katastrophe war nur eine kleine Meldung wert

Rheinsberg, ein Kernkraftwerk sowjetischer Bauart Bild: picture-alliance / dpa

Von einem GAU in Tschernobyl war in der ehemaligen DDR nicht die Rede: Die Propaganda sprach von „Havarie“ oder auch einem „Störfall“. Und das auch erst Tage später. Für die Bürger gab es inzwischen frisches Gemüse aus fernen Ländern.

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          Vor zwanzig Jahren wurde einer jener Sätze gesprochen, die als Klassiker der SED-Propaganda Eingang in die Alltagssprache fanden, wenn auch anders, als von den Funktionären gedacht. Der Satz lautete: „Wir haben ganz andere Reaktoren.“

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mit ihm reagierte ein Sprecher auf Fragen der Journalisten, was nach dem Unglück von Tschernobyl mit den Kernkraftwerken sowjetischer Bauart in der DDR, in Rheinsberg und Lubmin bei Greifswald, sei. Die Aussage war zwar nicht falsch, aber doch verlogen. Immerhin war zu jenem Zeitpunkt schon in der DDR offiziell bekanntgeworden, daß es das Reaktorunglück in Tschernobyl überhaupt gegeben hatte.

          „Havarie in ukrainischem Kernkraftwerk“

          Allerdings: Von einem Reaktorunglück, gar einem GAU, war nicht die Rede. „Havarie“ hieß es, auch „Störfall“. Erst zwei Tage nach dem Unglück hatte die DDR-Bürger eine kurze Meldung der DDR-Nachrichtensendung „Aktuellen Kamera“ erreicht. Einen Tag später war auf Seite fünf des SED-Zentralorgans „Neuen Deutschland“ die Meldung „Havarie in ukrainischem Kernkraftwerk“ zu lesen. In den folgenden Tagen brachte es Tschernobyl aber doch auf die Titelseiten, zunächst ausschließlich mit dem Material der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass. Erst später kamen DDR-Wissenschaftler zu Wort. Aber alles diente nur der Beschwichtigung.

          Demonstrativ begann das wichtigste Radrennen im Osten, die Friedensfahrt, elf Tage später in Kiew, nur hundert Kilometer von Tschernobyl entfernt. Der erfolgreiche DDR-Radsportler Olaf Ludwig durfte aber nicht „strahlender Sieger“ genannt werden. Eine entsprechende Anweisung war zuvor an die Chefredakteure der DDR-Medien ergangen. Zwei Tage nach dem Unglück wollte es der Zufall, daß Chefredakteure von Zeitungen in Greifswald zusammenkamen, nur wenige Kilometer vom größten DDR-Kraftwerk entfernt. Tschernobyl sei nur Propaganda des Westens - davon waren sie damals überzeugt. Allerdings sollte auch der letzte DDR-Bürger sehr schnell mitbekommen, daß etwas nicht stimmte.

          Ein ungewohnter Anblick

          Denn auf einmal waren die Geschäfte mit frischem Obst und Gemüse, auch mit frischem Fisch voll - ein ungewohnter Anblick. Erich Honecker sagte seine ebenfalls berühmt gewordenen Worte, man müsse den Salat nur waschen. Die Bürger jedoch kauften nicht. Im Greifswalder Kernkraftwerk selbst bekamen damals auch einige Ingenieure Zweifel. Aber erst drei Jahre später konnten sie ihre Bedenken öffentlich machen.

          Im Sommer 1990 wurde das Kraftwerk endgültig abgeschaltet. Ein Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl legte Christa Wolf ihr Buch „Störfall“ vor, das von jenen Tagen Ende April, Anfang Mai 1986 berichtet. Über den blühenden Kirschbaum in ihrem Garten schreibt sie: „Ich werde vermieden haben, zu denken: ,explodiert'; die Kirschbäume sind explodiert, wie ich es noch ein Jahr zuvor... ohne weiteres nicht nur denken, auch sagen konnte.“

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