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Besetzung der Tschechoslowakei : Verbündete hatte Prag nur auf dem Papier

Die Deutschen kommen: Am 15. März 1939 herrschte in Prag Entsetzen. Bild: INTERFOTO

Vor achtzig Jahren marschierte die Wehrmacht in der tschechoslowakischen Hauptstadt ein. Am gleichen Tag vor zwanzig Jahren trat Tschechien der Nato bei. Was verbindet beide Ereignisse?

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          Zwei Gedenkereignisse fallen dieser Tage für die Tschechische Republik zusammen: Vor zwanzig Jahren trat das Land der Nato bei. Und vor achtzig Jahren führte Hitlerdeutschland den letzten Schlag gegen die damalige Tschechoslowakei und löschte den nach dem Münchner Abkommen bereits um lebenswichtige Gebiete amputierten Staat durch einen militärischen Überfall vollständig aus. Hat das eine Ereignis mit dem anderen zu tun? Vorderhand nicht. Hitlers Aggression war ein Schritt von vielen, mit denen sich der deutsche Diktator Nachbarstaaten einverleibte und auf einen Weltkrieg zusteuerte. Der Beitritt der Tschechischen Republik zum atlantischen Verteidigungsbündnis wiederum war Bestandteil der Nato-Ost-Erweiterung. Hauptmotiv der Beitrittsländer war, dass sie Schutz vor Russland suchten.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Auch die Tschechoslowakei von 1938 hatte formal Verbündete, tatsächlich aber nur auf dem Papier, wie sich auf bittere Weise herausstellen sollte. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs hatten sich die Neuordnung Mitteleuropas vorgenommen. Als Garanten dieser Ordnung standen nach dem Rückzug Amerikas aber schon nurmehr Großbritannien und Frankreich zur Verfügung. Als es im Laufe der dreißiger Jahre drauf ankam, koppelte Paris seine Eingriffsbereitschaft an London, und der konservative britische Premierminister Neville Chamberlain machte deutlich, dass er nur sehr bedingt bereit war, sich für den Bestand der Tschechoslowakei einzusetzen. Er nötigte Prag zu immer mehr Zugeständnissen an Hitler. Der hatte an Zugeständnissen kein Interesse, sondern war auf Eroberung aus.

          Überliefert ist Hitlers Wut, als er das Sudetenland, aber vorläufig eben nur das, unmittelbar vor seinem beabsichtigten Einmarsch in die Tschechoslowakei beim Münchner Abkommen im Oktober 1938 von den Westmächten auf dem Silbertablett überreicht bekam. Die gedemütigte tschechische Delegation musste nebenan warten und das Ergebnis zur Kenntnis nehmen, ähnlich wie weiland Deutschland den Versailler Vertrag.

          Adolf Hitler in Brünn im März 1939

          Den Anschein der Rechtmäßigkeit, auf die Chamberlain sich berief, hatte Hitler seinen Aggressionen gegen Prag verliehen, indem er die Interessen der Sudetendeutschen zu vertreten vorgab. Bekannt ist die Aussage von Außenminister Lord Halifax, es sei „unmöglich, die Waffen zu ergreifen, um die Durchführung des Selbstbestimmungsrechtes eines Volkes von 3,461 Millionen im Wege der Abstimmung zu verhindern“.

          In der ersten tschechoslowakischen Republik hatte es zweifellos schwere Versäumnisse gegeben. Millionen Deutsche (und auch die Ungarn) wurden als Minderheit mit minderen Rechten behandelt, statt dass man versucht hätte, sie als loyale Staatsbürger zu integrieren. Mit Abstufung mag das auch für die Slowaken gelten. Aber für das Ende dieses Staates, wie es dann kam, war das im Grunde egal. Es lag am Eroberungswillen Hitlers. Wenn die von ihm brutal so genannte „Zerschlagung der Resttschechei“ mehr als nur eine logische Folge von „München“ war, dann deshalb, weil selbst durch die rosaroteste Brille dieser Charakter nicht mehr übersehen werden konnte.

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