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Zweites Selenskyj-Protokoll : Trumps Entlastungsangriff durch Geplänkel

Immerwährender Wahlkampf: Trump am Donnerstag in Bossier City, Louisiana Bild: AFP

Das Telefonat, das Trump im Juli mit dem ukrainischen Präsidenten führte, ist schwer zu verteidigen. Also veröffentlichte das Weiße Haus das Protokoll eines früheren Gesprächs. Da ging es um leckeres Essen und schöne Ukrainerinnen.

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          Das Telefonat, das Präsident Donald Trump am 25. Juli mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geführt hat, steht im Zentrum der Impeachment-Ermittlungen im Repräsentantenhaus. Wegen der Beschwerde eines Whistleblowers hatte das Weiße Haus ein – offenbar unvollständiges – Protokoll der Unterhaltung veröffentlicht, in deren Verlauf Trump den Ukrainer aufforderte, gewisse Ermittlungen anzustellen. Von diesen Untersuchungen erhoffte Trump sich einen Vorteil im Kampf um seine Wiederwahl, weil sie nach seiner Erwartung dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden schaden würden. Zeugen sagten aus, dass Trump die Zahlung der Militärhilfe an Kiew zeitweise an die Aufnahme solcher Ermittlungen knüpfte.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Trump aber beharrt darauf, dass sein Telefonat „perfekt“ verlaufen sei und er sich in den Beziehungen zur Ukraine völlig korrekt verhalten habe. Um diesen Eindruck zu untermauern, veröffentlichte das Weiße Haus am Freitag ein zweites Protokoll. Dabei geht es um das erste Telefonat, das Trump und Selenskyj je führten. Das war am 21. April, zwei Tage nach dem klaren Sieg des Ukrainers in der Stichwahl. Sofern das Protokoll das Gespräch vollständig wiedergibt, ging es denn auch nur um Gratulationen und den Austausch von Freundlichkeiten.

          Trump rühmte Selenskyjs Erdrutschsieg und erinnerte daran, dass er selbst „in gewisser Weise etwas Ähnliches“ vollbracht habe. Selenskyj pries Trump als großes Vorbild für ihn und für die „neuen Manager“ in der Ukraine. Er lud den amerikanischen Präsidenten zu seiner Amtseinführung ein und führte aus, „wie nett, warm und freundlich unsere Menschen  sind, wie lecker unser Essen ist und wie wunderbar die Ukraine ist“. Trump bestätigte all dies ausdrücklich und verwies auf seine Erfahrungen aus der Zeit, als er internationale Schönheitswettbewerbe ausrichtete: „Als ich ,Miss Universe‘ besaß ... war die Ukraine immer sehr gut vertreten.“

          Kurzum: Ein kurzes, für die Maßstäbe der Trump-Präsidentschaft nicht weiter bemerkenswertes Geplänkel zweier Politiker, die sich noch nicht kennengelernt hatten. Bemerkenswert ist allenfalls, dass auch Trump bereits im April eine Einladung aussprach. Selenskyj solle ihn im Weißen Haus besuchen kommen. Inzwischen ist herausgekommen, dass mehrere Vertraute Trumps der ukrainischen Seite deutlich machten, dass es ohne die gewünschten Ermittlungen keine Chance auf ein Treffen in Washington gebe.

          Ein Protokoll als Ablenkungsmanöver

          Trump hatte die Veröffentlichung des zweiten Protokolls schon am Wochenende angekündigt und von einem „sehr wichtigen“ Schritt gesprochen. „Lest doch das zweite Transkript und sagt mir, ob irgendetwas daran faul ist“, sagte er zu Reportern. Soweit bekannt, hatte allerdings kein maßgeblicher Zeuge oder Ermittler je behauptet, dass Trump den Ukrainer schon im ersten Telefonat gedrängt hätte, Ermittlungen auf Grundlage diverser Verschwörungstheorien anzustellen.

          Dennoch hofft das Weiße Haus offenbar, zumindest Anhänger des Präsidenten in ihrem Glauben zu bestärken, dass Trump nichts vorzuwerfen sei. Kurz nach der Veröffentlichung des Briefs wollten die Demokraten unter Führung des Abgeordneten Adam Schiff fortfahren, genau diesen Glauben weiter zu erschüttern. Als Zeugin ist die frühere amerikanische Botschafterin Marie Yovanovich geladen. Sie hatte die Nebenaußenpolitik von Trumps privatem Anwalt Rudy Giuliani nicht mittragen wollen und wurde vorzeitig abberufen.

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