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Verkauf von „Feuer und Wut“ : Wie viel Wahrheit steckt im Buch über das Chaos im Weißen Haus?

Bild: Reuters

Michael Wolffs Enthüllungsbuch über Donald Trumps Präsidentschaft versetzt halb Amerika in Aufruhr. Einen Schaden für seine Glaubwürdigkeit fügt sich der Autor aber selbst zu. Der Kampf um die Deutungshoheit hat begonnen.

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          Der Erscheinungstag seines Buches hätte ein strahlender, wunderbarer Tag für Michael Wolff werden können. „Fire and Fury“, das mit vorab gestreuten Zitaten als Enthüllungsrecherche über Trumps Präsidentschaft angepriesene jüngste Werk des Autors, zog die Menschen in Amerika trotz eisiger Kälte wie magnetisiert in die Buchhandlungen. In Washington standen sie schon in der Nacht zum Freitag Schlange vor einem Laden, der extra für den Verkaufsstart von „Fire and Fury“ bereits um 0 Uhr öffnete. Binnen Stunden war das Werk sowohl in Buchhandlungen als auch beim Versandgiganten Amazon ausverkauft. In kürzester Zeit preschte es im Internet in den Verkaufsranglisten empor.

          Die bereits bekannt gewordenen Ausschnitte über Trump und seine Entourage hatten Amerika seit Mittwoch in Atem gehalten. Das Weiße Haus versuchte, die Veröffentlichung zu verhindern, weil das Buch voller Verleumdungen sei. Vergebens: Genüsslich konnte Wolff am Donnerstagabend die Entscheidung seines Verlegers verkünden, den Erscheinungstermin um vier Tage vorzuziehen. „Es geht los, Ihr könnt es morgen kaufen (und lesen). Danke, Herr Präsident.“ Doch dann sagte Wolff am Freitag in der „Today Show“ des Fernsehsenders NBC einen folgenschweren Satz. Auf die Frage, wie er sich Zugang ins Weiße Haus verschafft habe, antwortete der Autor: „Ich habe sicher getan, was auch immer notwendig war, um an die Geschichte zu kommen.“

          Zweifel selbst genährt

          Nun ist es nicht so, dass Wolff damit die Aussagen seines spannend geschriebenen Buches über Amerikas völlig überforderten Präsidenten und das ihn umgebende Chaos im Weißen Haus direkt unterminieren würde. Doch sie nähren Zweifel, dass der gemeinhin als wenig zimperlich und mitunter schlampig arbeitend bekannte Wolff sich Mitgliedern des Präsidententeams unter falschen Vorgaben genähert haben könnte. Das ist ein denkbar schlechter Beigeschmack für ein 336 Seiten starkes Buch, um dessen Deutungshoheit der Kampf bereits eingesetzt hat.

          Um sie zu füllen, will Wolff sieben Monate im Weißen Haus recherchiert und dabei 200 Interviews geführt haben – mit zahlreichen Quellen aus dem Umfeld des Präsidenten und nicht zuletzt mit Trump selbst, was dieser vehement bestreitet. Das Ergebnis aus Wolffs Sicht: Trump wollte nie Präsident werden, sondern nur das Beste aus der Kandidatur für sich herausziehen. Einmal gewählt, war er nach einem Moment der Angst dann aber doch sehr schnell davon überzeugt, das Amt voll ausfüllen zu können. Im Gegensatz zu seinem Kampagnen-Team und, später, den Mitarbeitern des Weißen Hauses, die ihn seit dem ersten Tag seiner Präsidentschaft einzuhegen versuchen, in Grabenkämpfe untereinander verstrickt sind und inzwischen teils auch eigene Ambitionen verfolgen.

          Den Blick auf eine eigene Präsidentschaft geworfen haben sollen etwa Trumps Tochter Ivanka, UN-Botschafterin Nikki Haley, vor allem aber Steve Bannon. Der ehemalige Chefstratege zählt mutmaßlich zu Wolffs wichtigsten Quellen. Bannon, so schreibt Wolff, sehe sich selbst als Führer der Trump-Bewegung und ihren Namensgeber nur als eine erste Episode, der bestenfalls eine Amtszeit überstehen werde. Bannon habe selbst die Absicht, bei der nächsten Präsidentenwahl 2020 zu kandidieren. Zumindest soll er sie gehabt haben. Angesichts der ihm zugeschriebenen Äußerungen hatte Präsident Trump mit ihm diese Woche öffentlich gebrochen. Auch namhafte Spender haben sich von Bannon inzwischen abgewendet.

          Vieles weitere von dem, was Wolff sonst schreibt, ist bereits bekannt oder zumindest vermutet worden: Kurze Arbeitstage, Cheeseburger im Bett, Gerüchte über Affären, Jähzorn, Lesefaulheit, Beratungsresistenz. Und jede Menge Narzissmus. Dass Trump wegen seiner Einstellung und seines Temperaments in Wolffs Buch als nicht geeignet erscheint, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein, erklärt sich damit fast von selbst. Neu ist lediglich die Fülle von Geschichten und Episoden, die den Eindruck verdichten.

          Am Bedeutsamsten aber ist die Frage, die Wolff nach der psychischen Gesundheit des Präsidenten aufwirft. Er berichtet davon, dass Trumps ohnehin kurze Aufmerksamkeitsspanne in den vergangenen Monaten offenbar weiter abgenommen habe. Der Präsident erzähle inzwischen in Unterhaltungen mit Freunden alle zehn Minuten dieselben Geschichten. Früher habe er das nur alle 30 Minuten getan.

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          Das Weiße Haus wies die Bedenken am Freitag zurück. Trumps Sprecherin Sarah Sanders erklärte, es sei infam zu behaupten, Trump sei geistig nicht in der Lage, sein Amt auszuüben. Auf die Seite Trumps stellte sich auch Rex Tillerson. Dem Nachrichtensender CNN sagte der amerikanische Außenminister, er habe die geistige Fitness von Präsident Donald Trump „nie infrage gestellt“. Auch sehe er keinen Anhaltspunkt dafür, dass Trumps Konzentrationsfähigkeit begrenzt sei. Er habe es noch nie erlebt, dass Trump Treffen mit ausländischen Spitzenpolitikern vorzeitig verlasse.

          Trump selbst hatte zuvor bereits getwittert, Wolffs Buch sei „voller Lügen, Falschdarstellungen und Quellen, die nicht existieren.“ Er habe ihm nie Zugang zum Weißen Haus gewährt. Wolff indes beharrt auf seiner Darstellung. Ob er den Kampf um die Deutungshoheit gewinnt, ist offen. Eines dürfte dem 64 Jahre alten Autor aber bereits sicher sein: Der erste Bestseller seiner Karriere.

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