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Anschlag von Pittsburgh : Wie groß ist Trumps Schuld am Anschlag auf die Synagoge wirklich?

  • -Aktualisiert am

Präsident Donald Trump und First Lady Melania legen am 30. Oktober Steine und Blumen für die Todesopfer nahe der Baum-des-Lebens-Synagoge in Pittsburgh nieder. Bild: AFP

Israel profitiert von Donald Trumps Unterstützung. Doch nach dem Massaker an amerikanischen Juden stellt sich die Frage, ob das sein sonstiges Verhalten auszugleichen vermag. Ein Gastbeitrag.

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          Alljährlich am Pessachfest kommen die Juden zusammen, um Gottes Befreiung unserer Vorväter aus dem Joch des Pharao zu feiern. Um den Sedertisch sitzend, singen wir freudig das Lied „Dayenu“ – hebräisch für „Es wäre genug gewesen“. Über fünfzehn Strophen zitieren wir die Wunder, die Gott an den Juden tat: „Wenn er uns nur aus Ägypten herausgeführt hätte“ – „Wenn er nur das Meer für uns geteilt hätte“ – „Wenn er uns nur mit Manna gespeist hätte“ – jeweils gefolgt von dem dankbaren Spruch: „Dayenu“ – „Es wäre genug gewesen.“ Für ein Volk, das gerne klagt, ist dies ein zutiefst bedeutungsvoller Ausdruck von Glauben.

          Donald Trumps Präsidentschaft hat mehrere Augenblicke wie etwa die Anerkennung Jerusalems als ewige Hauptstadt Israels hervorgebracht, die Juden mit ähnlicher Dankbarkeit erfüllen könnten. Aber ist das genug?

          Nicht im luftleeren Raum

          Seit dem Anschlag auf die Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh, bei dem ein antisemitischer Terrorist elf Menschen ermordete, habe ich oft über die Dayenu-Tradition nachgedacht. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft entbrannte ein heftiger Streit über die Frage, wie viel Schuld der Präsident – wenn denn überhaupt –  an diesem abscheulichen Verbrechen trägt. Zu den Motiven, die der mutmaßliche Schütze Robert Bowers für seinen Angriff auf die Synagoge nannte, gehörte auch die Hilfe dieser Gemeinde für die Aufnahme von Flüchtlingen in den Vereinigten Staaten. Flüchtlinge gehören zu jenen Immigranten, zu denen Juden eine besondere Affinität verspüren und gegen die Trump ein beträchtliches Maß an Angst und Abscheu geschürt hat.

          Natürlich ist im rechtlichen Sinne allein der Mörder verantwortlich für seine Tat, und er hatte Trump als einen von Juden gesteuerten „Globalisten“ beschimpft. Wie stets, wenn das Thema Trump und der Antisemitismus aufs Tapet kommt, hörten wir nach dem Anschlag die bekannte Liste der Fakten: Trumps Tochter Ivanka ist zum orthodoxen Judentum übergetreten, und sie hat ihm jüdische Enkel geschenkt. Ich will hier hinzufügen, ich glaube nicht, dass der Präsident selbst ein Antisemit ist.

          Aber Verbrechen wie das in Pittsburgh werden nicht in einem luftleeren Raum begangen. Und Trumps Aufstieg im politischen Leben Amerikas fiel mit einem Anstieg des Antisemitismus wie auch anderer Formen von Fanatismus zusammen. Ja, Korrelationen bedeuten noch keine Verursachung, doch Trump appelliert an Gefühle und Animositäten, die für die Zukunft jüdischen Lebens in diesem Lande nichts Gutes erwarten lassen.

          Seit Juden erstmals ins koloniale Amerika kamen, war ihnen klar, dass ihr Schicksal untrennbar mit dem anderer Minderheiten verbunden ist. So empfinden wir von jeher eine große Wertschätzung für fundamentale amerikanische Werte wie Pluralismus, Toleranz und religiöse Freiheit. Juden und jüdische Organisationen standen in der Bürgerrechtsbewegung, der feministischen Bewegung und später der Bewegung für LGBTQ-Gleichheit an vorderster Front.

          Gut für Israel, aber...

          Seit seinem Amtsantritt schürt Trump jene Art von Nativismus, Fremdenfeindlichkeit und Demagogie, die amerikanische Juden ganz unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung immer schon abgestoßen hat. Doch Trumps jüdische und philosemitische Verteidiger wägen bei seiner Präsidentschaft ab zwischen den abstoßenden Aspekten seiner Amtsführung und seiner beispiellos israelfreundlichen Politik. Die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem? Dayenu. Der Rückzug aus Barack Obamas Atomabkommen mit dem Iran? Dayenu. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu schwang letztes Jahr seinen koscheren Beglaubigungsstempel, als er sagte: „Es gibt keinen größeren Unterstützer des jüdischen Volkes und des jüdischen Staates als Donald Trump.“

          Trump  war in der Tat „gut für Israel“, wie die politische Kurzformel amerikanischer Juden lautet. Doch nach dem tödlichsten antisemitischen Massaker in der Geschichte unseres Landes sollten wir uns fragen, ob diese israelfreundliche Politik Rhetorik und Verhalten eines amerikanischen Präsidenten auszugleichen vermag, der täglich jene Werte und Traditionen verunglimpft, die es den Juden ermöglicht haben, hier zu florieren wie nirgendwo sonst.

          Wie kein anderes Volk Opfer bösartiger Lügen

          An erster Stelle unter diesen Entweihungen steht der Hang des Präsidenten zu Lügen und Verschwörungstheorien. Das Judentum ist eine lebenslange Selbstverpflichtung zur Wahrheit. Seit Moses auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote entgegennahm, sehen die Juden in der Weisheit den Schlüssel zu einem sinnerfüllten Leben. Und in ihrer gesamten Geschichte wurden Juden wie kein anderes Volk zum Opfer bösartiger Lügen. Die endlose, Jahrhunderte währende Wiederholung solcher Lügen – von mächtigen politischen Führern bis hinunter zu Tischgesprächen in der Familie – gipfelte im schlimmsten Massenmord der menschlichen Geschichte, dem Holocaust.

          So sollten denn wir Juden eine besondere Sensibilität für Politiker haben, die lügen und demagogische Reden schwingen und andere Menschen zu Sündenböcken machen, auch wenn diese Lügen und demagogischen Auswüchse nicht ausdrücklich uns selbst betreffen.

          Ich rufe hier nicht dazu auf, jene Juden zu schneiden, die diesen Präsidenten unterstützen. Jüdische Trump-Unterstützer für politisch treyf (unkoscher) zu erklären wäre genau das, was liberale Juden anprangern, wenn ihre konservativen Glaubensbrüder sie des »Selbsthasses« bezichtigen, nur weil sie in der Nahostpolitik eine pazifistische Einstellung vertreten. Das Argumentieren, insbesondere unter uns selbst, gehört zum Wesen des Judentums. Juden geben keine Fatwas heraus.

          Zu Trumps Unterstützung für Israel, so aufrichtig sie sein mag, kann ich indessen nur sagen: Io dayenu – es ist nicht genug. Und solange er sich so verhält, wie er dies bisher getan hat, solange er Minderheiten angreift, Immigranten dämonisiert und nach Belieben lügt, wird es nie genug sein.

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