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Proteste in Amerika : Die Nacht der Plünderer

Menschen plündern am Montagabend in New York ein Geschäft Bild: dpa

Im Schatten des Kampfes gegen Polizeigewalt zerstören Kriminelle in Amerika Geschäfte und rauben Einkaufszentren aus – während die Beamten anderweitig im Einsatz sind.

          3 Min.

          In den Palisades, einem gutsituierten Stadtteil Washingtons, kennen ihn alle nur als Mr. Kim. Er betreibt einen gut sortierten Kiosk mit integriertem Sandwich-Shop. Seine Auswahl an Spirituosen ist exquisit. Am Unabhängigkeitstag pflegt Mr. Kim auf dem Fest der Bürgervereinigung Eis an alle zu verschenken. In der Nacht zum Montag haben vier oder fünf Unbekannte die Schaufenster von Mr. Kims Laden eingeschlagen. Sie klauten Bargeld, Lotterielose und Zigaretten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der Überfall wirft ein neues Licht auf die Demonstrationen gegen Polizei-Brutalität. Zu den friedlichen Demonstranten gesellen sich gewaltbereite politische Gruppen, die Konflikte mit der Polizei inszenieren, Steine und Wasserflaschen werfen und Plünderungen von Geschäften unterstützen. Eine dritte Gruppe besteht offenbar aus Leuten, die die Gelegenheit zu profanen Überfällen nutzen, während die Polizei bei den Demonstrationen gebunden ist.

          In derselben Nacht wurden in Mr. Kims Straße ein weiterer Kiosk und die Filiale einer Drogerie-Kette überfallen. Die Geschäfte sind alle mehrere Kilometer vom Weißen Haus entfernt, wo seit Freitag Abend für Abend demonstriert wird. Die Chefin der Bürgervereinigung in den Palisades, Tricia Duncan, spricht in einer Mail an die Bewohner von zwölf Personen, die kurz nach Mitternacht begannen, in die Geschäfte einzubrechen.

          Selbst die Bürgermeisterin war überrascht

          Drei Kilometer nordwestlich wurden eine Drogerie-Filiale und der Laden einer Warenhauskette im Tenleytown-Quartier geplündert. Später wendeten sich die Randalierer Rodman’s zu, einem beliebten Supermarkt für internationale Spezialitäten. Der Besitzer sprach von jungen Männern, die einen Stuhl in die Fensterfront geworfen hätten, um dann vor allem Tabletten aus der im Laden integrierten Apotheke zu klauen. „Wer hätte gedacht, dass es in Tenleytown fünf Meilen vom Weißen Haus entfernt zu Vorfällen kommen würde?“, fragte Washingtons Bürgermeisterin Muriel Bowser.

          Noch am späten Sonntagnachmittag schien alles recht friedlich zu verlaufen, selbst in der Innenstadt. Auf den Straßen, die von Norden auf das Weiße Haus zuführen, verrammelten Arbeiter Geschäftsfassaden. Im Lafayette-Park vor dem Weißen Haus hatten sich zu jener Zeit rund 1500 Menschen versammelt. Sie skandierten: „No justice, no peace“ und „Hands up don’t shoot“ und hoben beide Hände. Vereinzelt flogen Wasserflaschen auf die Polizisten, die hinter Barrikaden aufgereiht vor dem weiträumig abgeriegelten Weißen Haus standen. Sie antworteten mit Pfefferspray.

          Im Weißen Haus saß zu jener Zeit der Präsident und twitterte gelegentlich in Großbuchstaben Sätze wie: „LAW AND ORDER.“ Als sich gegen 21 Uhr die Nacht über Washington senkte, begannen die Ausschreitungen. Bürogebäude, Geschäfte und Restaurants wurden aufgebrochen und geplündert. Die Spanplatten, die Ladeninhaber zum Schutz ihrer Fensterfronten angebracht hatten, wurden von den Randalierern heruntergerissen.

          Viele Geschäfte, wie der Apple Store in Washington, haben ihre Schaufenster wegen der Proteste verrammelt.

          Es war die dritte Nacht gewalttätiger Proteste. Bobby Van’s Steakhaus liegt gleich gegenüber vom Weißen Haus und dem Lafayette-Park, wo Sonntagabend die Proteste begannen. Das Restaurant wurde gleich mehrmals von Horden geplündert. Der Besitzer sagte der „Washington Post“, seine Sicherheitskameras hätten Hunderte aufgenommen, die alles zerstörten, was sie nicht mitnehmen konnten oder wollten. Wie so viele Restaurants in Washington hatte der Gastronom erst am vergangenen Freitag wieder geöffnet, nachdem die Pandemieauflagen in Washington gelockert worden waren.

          „Plündern darf nicht die Geschichte dieser Tage sein“

          Überfallen und verwüstet wurden Bekleidungsgeschäfte, Supermärkte, Tankstellen, Drogerien und Einkaufszentren. Ein Denkmal eines polnischen Generals, der im Unabhängigkeitskrieg an der Seite Amerikas gekämpft hatte, wurde mit Fäkalien beschmiert. Viele Ladeninhaber waren am Montag damit beschäftigt, Scherben zusammenzukehren und Graffiti zu beseitigen.

          Ausgerechnet in Washington, Amerikas linksliberaler Hochburg, waren die Befürchtungen der schwarzen Bürgermeisterin Muriel Bowser wahr geworden. „Plündern und das Einschlagen von Fensterscheiben darf nicht die Geschichte dieser Tage sein, sondern der berechtigte Kampf gegen Ungerechtigkeit“, sagte sie beschwörend am Montagabend. Sie verhängte eine Ausgangssperre über die ganze Stadt, die von 19 Uhr bis 6 Uhr morgens galt.
          Für Mr. Kim bedeutet das, dass er früher Feierabend machen kann. Der Tag endete für ihn mit einer versöhnlichen Note. Eine Kundin hatte für Mr. Kim eine Online-Spendenaktion gestartet. Nach zehn Stunden hatten 330 Leute knapp 22.000 Dollar gespendet.

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