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Donald Trump : Narziss und Rächer im Oval Office

Noch eine weitere Einschränkung: Der Aufschwung hat nicht am 20. Januar 2017 eingesetzt, sondern während der Obama-Jahre. Seit Beginn 2013 ist die Arbeitslosigkeit gefallen, von damals acht auf heute rund vier Prozent. Und dass die Steuerreform Amerikas Schuldenberg erhöhen werde, ist nicht nur eine Sorge von Demokraten, die plötzlich zu Defizitfalken mutiert sind, und Trump-skeptischen Ökonomen. Der Glaube, Steuersenkungen werden sich schon selbst finanzieren, hat schon bei Reagan den Wirklichkeitstest nicht bestanden. Kritiker halten diese Entlastung für regressiv und sozial ungerecht – die Steuerreform ist Trumps einziger großer Gesetzeserfolg im ersten Jahr.

Doch zu bestreiten ist es eben nicht: Der Sieg Trumps und die republikanischen Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses haben den Optimismus beflügelt – den Optimismus von Unternehmen und den der Verbraucher. Die Aussicht auf Steuerentlastung und auf Abbau bürokratischer Vorschriften hat die Stimmung in der Wirtschaft spürbar verbessert. Hier hat der Präsident geliefert, unabhängig von den langfristigen fiskalischen, sozialen und ökologischen Folgen. Wie lange der Aufschwung währen wird, lässt sich naturgemäß schwer vorhersagen. Sollte er bis 2020 gehen, wäre das ein Trumpf, den Trump in einem Wiederwahlkampf mit entsprechender Verve ausspielen würde.

Befürchtungen sind nicht eingetreten

Wie sieht die Lage auf einigen der wichtigsten Schauplätze der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik aus?

Da wären zunächst die amerikanisch-russischen Beziehungen. Beginnen wir in Moskau. Trump hat sich wiederholt bewundernd über Wladimir Putin und dessen autoritären Regierungsstil geäußert. Diese Bewunderung sowie die Annahme, Trump könnte mit Putin einen Deal auf Kosten etwa der Ukraine abschließen und sich von Amerikas Verpflichtungen für Europa im Rahmen der NATO dispensieren, rief früh das außenpolitische „Establishment“ in den Vereinigten Staaten auf den Plan. Heute wissen wir, dass es zu einem abermaligen „Neustart“ in den amerikanisch-russischen Beziehungen nicht gekommen ist. Die russische Einmischung in den Wahlkampf hat dem einen Riegel vorgeschoben. Wenn der Kreml mit dieser Einmischung die Aufhebung der Sanktionen hatte erreichen wollen, so ist die Aktion nach hinten losgegangen. Ein Sonderermittler versucht, herauszufinden, ob es Absprachen während des Wahlkampfs gegeben hat. Diese Untersuchung hängt wie ein Damoklesschwert über dem Weißen Haus. Wer aus dem Umfeld Trumps war involviert? Hatte er selbst Kenntnis davon? Trumps kommerzielle Beziehungen zu russischen Oligarchen sind ein Kapitel für sich. Das Buch „Verrat“ von Luke Harding ist eine spannende Lektüre.

Nicht ganz wie befürchtet hat sich auch das Verhältnis zu China entwickelt. Vor einem Jahr machten sich viele Leute Sorgen, es könne zu einem Handelskrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften kommen. Trump hatte China gebrandmarkt als Exportmaschine, die das Leben der weißen Arbeiter im verarbeitenden Gewerbe zerstöre, eine Behauptung, für die es tatsächlich eine, wenn auch begrenzte, empirische Evidenz gibt. Aber der Handelskrieg ist nicht ausgebrochen trotz der martialischen Töne neuerdings aus Washington. Trump hat China geopolitisch und geoökonomisch noch in die Hände gespielt, als er die amerikanische Unterschrift unter das Transpazifische Partnerschaftsabkommen am Tag 3 seiner Amtszeit zurückzog. Die protektionistische Rhetorik hat es der chinesischen Führung erlaubt, sich als Anwalt des Freihandels zu inszenieren – verkehrte Welt.

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