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Ocasio-Cortez rechnet ab : Politiker, die sich hinter ihren Töchtern verstecken

Bild: AP

Der Republikaner Yoho scheut sich nicht, die junge Demokratin Ocasio-Cortez vor einem Reporter übel zu beleidigen. Zunächst macht sie keine große Sache daraus. Dann „entschuldigt“ er sich – und sie holt zum Gegenschlag aus.

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          Am Mittwoch hatte sich Steny Hoyer noch zufrieden gezeigt. Der demokratische Mehrheitsführer im amerikanischen Repräsentantenhaus erkannte an, dass der Republikaner Ted Yoho das „Angemessene“ getan und sich entschuldigt habe. Der Tea-Party-Mann aus Florida hatte im Plenum die „ruppige Art des Gesprächs“ bedauert, das er am Montag auf den Stufen des Kapitols mit der demokratischen Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez geführt habe. Nach den Schilderungen eines Reporters, der dabei war, trifft das Wort „Gespräch“ den hitzigen Austausch allerdings kaum. Der 65 Jahre alte Yoho hatte die 30 Jahre alte Demokratin aus Brooklyn immerhin als „fucking bitch“ beleidigt.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Die schlug zunächst bloß politisch-sportlich auf Twitter zurück: „Bitches“ seien dafür bekannt, drohte sie, dass sie ihre Anliegen durchzusetzen wüssten. Dann aber hörte sie Yohos vermeintliche Entschuldigung und änderte ihren Kurs. Sie trommelte aus ihrer Fraktion einige Unterstützerinnen für einen Auftritt im Plenum am Donnerstag zusammen, und auch der 81 Jahre alte Mehrheitsführer Steny Hoyer korrigierte sich. Yoho habe nur eine „Nicht-Entschuldigung“ abgegeben. Hoyer saß demonstrativ in der Nähe von Ocasio-Cortez, als sie sich am Donnerstag das Wort erteilen ließ.

          Zunächst schilderte sie, wie Yoho sie unter anderem „widerlich“, „verrückt“ und „gefährlich“ genannt habe. Der aufmerksame Zeitungsleser wusste längst, dass Yoho sich dabei über die Position der Demokratin aufregte, wonach Gewaltkriminalität eine Folge von Armut sei – Yoho, der aus kleinen Verhältnissen stammt und sich hartnäckig gegen Sozialprogramme und Umverteilung wehrt, sieht darin eine Beleidigung von Armen. Im Repräsentantenhaus fuhr die als „AOC“ berühmt gewordene Politikerin fort zu berichten, dass sie Yoho dessen Unhöflichkeit vorgehalten habe. Kurz danach habe er sie dann als „fucking bitch“ bezeichnet.

          Silbe für Silbe im Parlamentsprotokoll

          Viele Zeitungen hatten die beiden Worte bis dahin nicht völlig ausbuchstabiert, teilweise sogar nur umschrieben. In einem bewussten Bruch der parlamentarischen Benimmregeln betonte die Demokratin im Plenum des Hohen Hauses jede Silbe. So sorgte sie dafür, dass Yohos Beleidigung nun für alle Zeiten im Protokoll des Kongresses stehen werden. Zwar ließ der Republikaner verbreiten, dass er falsch verstanden worden sei; er habe in einer Empörung über die Politik der Demokratin nur „Bullshit“ (Bockmist) gesagt. Doch das scheint ihm fast niemand zu glauben, zumal auch der Reporter des als eher konservativ geltenden Nachrichtenportals „The Hill“ ausdrücklich bei seiner Version bleibt.

          Ocasio-Cortez berichtete, wie oft sie mit dem B-Wort schon bedacht worden sei, etwa als Kellnerin in New York oder in der U-Bahn. Deshalb hätten sie Yohos Worte auch nicht persönlich tief getroffen. Umso empörter aber war die Demokratin, als Yoho sich im Plenum hinter seiner Frau und seinen Töchtern versteckte. „Als jemand, der seit 45 Jahren verheiratet ist und zwei Töchter hat, bin ich mir meiner Sprache sehr bewusst“, hatte Yoho gesagt und hinzugefügt: „Ich kann mich nicht für meine Leidenschaft entschuldigen oder dafür, dass ich Gott, meine Familie und mein Land liebe.“

          Was ihr fast dreimal so alter Fraktionschef Hoyer zunächst „angemessen“ gefunden hatte, war für „AOC“ der eigentliche Affront: Männer, die „Ehefrauen und Töchter als Schutzschild für schlechtes Benehmen benutzen“. Sie sagte: „Ich bin zwei Jahre jünger als die jüngste Tochter von Herrn Yoho. Auch ich bin die Tochter von jemandem. Zum Glück lebt mein Vater nicht mehr und muss nicht erleben, wie Herr Yoho seine Tochter behandelt. Meine Mutter hat die Respektlosigkeit von Herrn Yoho mir gegenüber hier im Plenum im Fernsehen gesehen, und ich bin hier, um meinen Eltern zu beweisen, dass ich ihre Tochter bin und dass sie mich nicht dazu erzogen haben, dass ich mich von Männern beleidigen lasse.“

          Die Republikaner beklagen „Zeitverschwendung“

          Neun Fraktionskolleginnen berichteten daraufhin von ihren eigenen Erfahrungen, wie sie von Männern herabgewürdigt wurden – im Kongress und anderswo. Die Republikaner beschwerten sich. Minderheitsführer Kevin McCarthy befand, der im November nicht mehr zur Wiederwahl antretende Yoho habe sich entschuldigt und verdiene deshalb Vergebung. Die Debatte sei Zeitverschwendung.

          Viele Amerikaner sahen das anders. Mehr als elf Millionen Aufrufe hatte am Freitagmittag bereits das Video von der Rede, das Ocasio-Cortez auf Twitter hochgeladen hatte. Am Ende bekundet sie darin „Dankbarkeit“ für Ted Yoho. Denn er habe die Öffentlichkeit darauf gestoßen, dass auch mächtige Männer und sich mit Fotos als Familienmenschen inszenierende Väter von Töchtern Frauen herabwürdigen könnten, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Ihren Schlusssatz freilich hob sie sich für einen mächtigeren Mann als Ted Yoho auf, denn natürlich ging es auch in dieser Episode letztlich um Donald Trump. Der hat es schon lange auf Ocasio-Cortez abgesehen. Sie beklagte, dass auch der Inhaber des höchsten Amts im Staate zugebe, dass er Frauen wehgetan und „solche Sprache gegen uns alle verwendet“ hat.

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