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Amerikanische Demokraten : Bewegung im Bewerberfeld

  • -Aktualisiert am

Der Hoffnungsträger aus der Provinz: Pete Buttigieg am 11. November in Rochester. Bild: AFP

Die Demokraten in Amerika suchen nach einem Weg, das Vakuum in der Mitte zu füllen und die Partei hinter einem Kandidierenden zu vereinen. Nun kommen ein paar neue Namen aufs Tableau.

          3 Min.

          Wochenlang hatte es bei den Demokraten gegrummelt. Auch wenn Umfragen den Verantwortlichen in der Partei vermittelten, dass die Ausgangslage für die Präsidentenwahl in Amerika in einem Jahr schlechter sein könnte, blieb doch bei vielen ein ungutes Gefühl. Letztlich schien es darauf hinauszulaufen, dass die Anhängerschaft die Wahl habe zwischen drei Kandidaten, die eher nicht in der Lage sein würden, die Partei hinter sich zu vereinen: die beiden Linken, Elizabeth Warren und Bernie Sanders, gewiss nicht, doch auch Joe Biden nur mit viel gutem Willen und Staatsräson.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die Unruhe hat etwas aufgewühlt. Einiges ist in Bewegung geraten. Es fing damit an, dass zwei Kandidaten aus der Verfolgergruppe sich Hoffnung machten, als zentristische Alternative zu Biden, der im Strudel der Ukraine-Affäre an Rückhalt verlor, einen neuen Anlauf zu nehmen. Einem der beiden ist dies gelungen. Pete Buttigieg, der Bürgermeister aus South Bend in Indiana, spürte in den vergangenen Wochen Aufwind. Nun führt er sogar in Iowa laut einer Umfrage das Bewerberfeld an. Dort wird Anfang Februar die Kandidatenauswahl der Demokraten beginnen.

          Mehr als nur ein moderater Demokrat

          Amy Klobuchar, die Senatorin aus Minnesota, die sich bisher vergeblich Hoffnung machte, vom Vakuum in der Parteimitte zu profitieren, ging in ihrer Verzweiflung den Konkurrenten aus dem Mittleren Westen scharf an: Weibliche Kandidaten würden mit anderen Maßstäben gemessen, klagte sie. Es glaube doch keiner, dass eine Frau mit den anderen Bewerbern auf der Bühne stehen würde, wenn sie über so wenig Erfahrung verfügte wie er. Buttigieg, sollte das heißen, hat bislang nur in einer Kreisstadt mit 100.000 Einwohnern eine Wahl gewonnen. Sie hingegen schon ein Senatorenrennen.

          Buttigiegs Aufstieg hat nicht nur mit seiner Positionierung als moderater Demokrat zu tun, sondern auch mit seinem Auftreten. Gestartet war er als einer der Außenseiter: 38 Jahre alt, schwul – und eben Bürgermeister aus der Provinz. Doch die Leute fingen an, sich für ihn zu interessieren, auch weil er über eine auffallende Biographie verfügt: als Harvard-Absolvent, Rhodes Scholar, Unternehmensberater bei McKinsey und Marinesoldat, der am Afghanistan-Einsatz teilnahm. Und weil er in den Fernsehdebatten eben nicht als Außenseiter auftrat, sondern als Integrationsfigur.

          Er weiß freilich um seine Schwächen: Über hohe Zustimmungswerte verfügt er nur bei weißen Männern. Geringe Unterstützung erfährt er von Frauen und Afroamerikanern. Letzteres hängt gewiss mit seiner bescheidenen Bilanz im Umgang mit Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in seiner Stadt zusammen. Aber auch damit, dass unter Afroamerikanern Homosexualität zum Teil noch als Problem gilt, wie schwarze Demokraten selbstkritisch eingestehen. Buttigieg hat darauf reagiert: Er verspricht zum einen, die Hälfte seiner Kabinettsposten an Frauen zu vergeben. Und er stellte kürzlich einen nach dem Anti-Sklaverei-Aktivisten Frederick Douglass benannten Plan vor, der rassistische Strukturen im Justizwesen sowie im Bildungs- und Gesundheitssektor aufbrechen soll.

          Alte Positionen, neue Taktiken

          Um die afroamerikanischen Wähler, die ein Viertel der registrierten Demokraten ausmachen, sorgen sich auch andere Bewerber – Warren etwa, aber auch Michael Bloomberg, der derzeit seinen späten Einstieg ins Rennen plant. Nachdem der frühere New Yorker Bürgermeister sich für die Vorwahlen in Alabama hatte registrieren lassen, hat er sich nun mit einem Mea culpa in einer mehrheitlich von Schwarzen besuchten Kirche in Brooklyn an die afroamerikanische Gemeinde gewandt: Er könne die Geschichte nicht ändern. Jedoch wolle er, dass man wisse, er habe erkannt, einen Fehler gemacht zu haben. Bloomberg entschuldigte sich für eine Polizeimethode, die in den zwölf Jahren seiner Zeit als Bürgermeister angewandt wurde: „Stop and frisk“ – Streifenpolizisten konnten damit jederzeit und ohne Anfangsverdacht Leute anhalten und durchsuchen. Angewandt wurde die Methode überproportional bei Schwarzen und Latinos.

          Bloomberg wird nun vorgeworfen, seine Entschuldigung sei taktisch geleitet. Noch vor einigen Monaten hatte er seine damalige Entscheidung, nicht ins Rennen einzusteigen, auch damit begründet, dass er sich nicht – wie Biden – dafür entschuldigen werde, „männlich, über 50 und weiß“ zu sein. Und er werde sich auch nicht von seinen Positionen in der Verbrechensbekämpfung distanzieren. Damals war der frühere Vizepräsident und vormalige Senator Biden von Parteilinken für jahrzehntealte Positionen kritisiert worden – offenbar in dem Bemühen, dessen starke Basis unter Afroamerikanern zu untergraben. Vergeblich. Biden verfügt weiterhin über die höchste Zustimmung unter Schwarzen.

          Ein zweiter Späteinsteiger setzt offenbar ganz gezielt auf diese Wählergruppe. Deval Patrick, der frühere Gouverneur von Massachusetts, trat kürzlich als dritter Afroamerikaner ins Rennen ein. Die Kampagnen von Kamala Harris und Cory Booker hoben bisher nicht ab. David Axelrod, Barack Obamas früherer Berater, der einst auch den Zentristen aus dem Neuenglandstaat unterstützte, äußerte jetzt, Patrick setze in den Vorwahlen nicht auf Iowa, sondern auf New Hampshire, wo man ihn gut kenne, und auf South Carolina, wo die schwarzen Demokraten dominierten. Gelinge dies, würden die Karten neu gemischt.

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