https://www.faz.net/-gpf-970e1

#MeToo-Debatte : Kein Wort übrig für die Frauen

  • -Aktualisiert am

Donald Trump und #MeToo: Vorwürfe belasten Mitarbeiter im Weißen Haus und den Präsidenten selbst. Bild: EPA

Zwei Mitarbeiter mussten wegen Misshandlungsvorwürfen das Weiße Haus verlassen. Dem Präsidenten selbst lasten mehrere Frauen sexuelle Nötigung an. Was #MeToo für Trump bedeutet.

          3 Min.

          Donald Trump sorgt sich um den Rechtsstaat. Am Samstag twitterte der Präsident: „Die Leben von Menschen werden durch eine bloße Unterstellung zertrümmert und zerstört. Manche sind wahr und manche sind falsch. Manche sind alt und manche sind neu. Wer fälschlich beschuldigt wird, kann sich nie mehr davon erholen – Leben und Karriere sind weg. Gibt es denn heute keine Rechtsstaatlichkeit mehr?“ Trump erklärte nicht, worauf er sich bezog. Doch wer die Nachrichten verfolgt hatte, wusste den Tweet als Beitrag zur #MeToo-Debatte über sexuelle Belästigung und Missbrauch einzuordnen – am Ende einer Woche, in der zwei Männer das Weiße Haus verlassen mussten, weil ihre früheren Ehefrauen ihnen Misshandlung vorwerfen.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Als am Dienstag bekanntgeworden war, dass der vierzig Jahre alte Stabssekretär Rob Porter seine beiden früheren Ehefrauen geschlagen haben soll, hatte das Weiße Haus ihn zunächst verteidigt. Stabschef John Kelly wollte an seinem engsten Mitarbeiter unbedingt festhalten. Porter sei „ein Mann von wahrer Integrität und Ehre“, verkündete er mit der Autorität des Viersternegenerals.

          Doch Porters erste Ehefrau zeigte ein Foto ihres blauen Auges. Ehefrau zwei machte bekannt, dass sie 2010 nach der Trennung von Porter eine Schutzverfügung beantragt hatte, nachdem Porter sich gewaltsam Zugang zu ihrer Wohnung verschafft habe. Kelly gab sich nun „schockiert“ und drängte Porter zum Rücktritt. Am Freitag ging dann die frühere Ehefrau des Redenschreibers David Sorensen mit dem Vorwurf an die Presse, der Mann sei ihr absichtlich mit dem Auto über den Fuß gefahren und habe eine Zigarette in ihrer Hand ausgedrückt. Diesmal zögerte das Weiße Haus nicht; binnen Stunden war Sorensens Rücktritt verkündet. Beide Mitarbeiter bekundeten ihre Unschuld. Vizepräsident Mike Pence aber gab sich bestürzt. „Für häusliche Gewalt“, sagt er in Südkorea, „gibt es in diesem Weißen Haus keine Toleranz und in Amerika keinen Platz.“

          Nötigungsvorwürfe gegen Trump

          Doch Trump setzte einen anderen Ton. Für die mutmaßlich misshandelten Opfer hatte er kein Wort übrig. Vielmehr drückte er seine Hoffnung aus, dass Porter „eine große Karriere“ bevorstehe. Trump hob hervor: „Er sagt, dass er unschuldig ist.“ Genauso war der Präsident voriges Jahr verfahren, als in Alabama der republikanische Senatskandidat Roy Moore des sexuellen Missbrauchs minderjähriger Mädchen bezichtigt wurde. Für Trump geht es auch um sich.

          Mindestens 18 Frauen werfen dem Präsidenten sexuelle Nötigung vor. Trump hatte auch die Belästigungsvorwürfe gegen die beiden Fox-News-Größen Roger Ailes und Bill O’Reilly als politische Kampagne abgetan. Dass das Weiße Haus Rob Porter zunächst so vehement verteidigte, lag wohl auch an dessen Affäre mit der 29 Jahre alten Kommunikationsdirektorin Hope Hicks. Das frühere Model arbeitet schon länger mit Trump zusammen als jeder andere Mitarbeiter im Weißen Haus, abgesehen von Tochter Ivanka und deren Ehemann Jared Kushner.

          Die demokratische Abgeordnete Jackie Speier sagte der „Washington Post“: „Das neue Mantra heißt: ‚Wir glauben den Frauen‘, aber Trump steckt im ‚Ich glaube den Männern‘ fest.“ Es sei denn, die Beschuldigten sind Demokraten. So hatte Trump voriges Jahr den Rücktritt des demokratischen Senators Al Franken gefordert, kaum dass Vorwürfe laut wurden, er habe Frauen ohne Einwilligung geküsst. Auch erklärte Trump die Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein für plausibel, einen Parteispender der Demokraten. Zu den ähnlichen Vorwürfen gegen seinen Freund Steve Wynn, der soeben sein Kasino-Imperium in Las Vegas aufgeben musste, fiel Trump nichts ein.

          Kritiker zählten am Sonntag weitere Fälle auf, in denen Trump keine Rechtsstaatsskrupel zeigte. So waren 1989 in New York fünf Afroamerikaner und Latinos wegen der Vergewaltigung einer weißen Joggerin im Central Park verhaftet worden. Trump forderte in ganzseitigen Zeitungsanzeigen eine Wiedereinführung der Todesstrafe. Nach 14 Jahren Haft wurden die Männer aufgrund von DNA-Tests freigesprochen. Trump aber beteuerte noch 2016, dass sie schuldig seien.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Es gibt in Amerika einige besonnene Stimmen, die vor zu schnellen Schlüssen im „Me-Too-Fieber“ warnen. Doch selbst Trumps Vertraute Kellyanne Conway beschrieb die Vorwürfe gegen Porter und Sorensen am Sonntag als glaubwürdig. Sie verwies auf die Anzeigen, welche die drei Frauen bei der Polizei erstattet hatten. Für die routinemäßige Sicherheitsüberprüfung von Mitarbeitern des Weißen Hauses hatte das FBI zu Beginn des vorigen Jahres auch die früheren Ehefrauen von Porter und Sorensen befragt. Alle drei Frauen sagen, sie hätten den Beamten von der Gewalt berichtet.

          Es ist bisher unklar, was das FBI mit den Informationen tat und was Kelly wann über seinen Mitarbeiter wusste. Mehrere Medien meldeten, Kelly habe schon im November Bescheid gewusst. Der Stabschef soll Trump nun in mehreren „turbulenten“ Gesprächen seinen Rücktritt angeboten haben. Er hat den Respekt etlicher Mitarbeiter verloren. Schon vor der Porter-Affäre hatte Kelly mit Äußerungen über die von Trump angeblich zunächst „in Unkenntnis“ verlangte Grenzmauer sowie über „zu faule“ illegale Einwanderer sowohl den Präsidenten als auch Kongressmitglieder verärgert und damit eine Einigung im Migrationsstreit erschwert, die er als Stabschef eigentlich einfädeln sollte. Kellyanne Conway aber versicherte am Sonntag, Trump habe volles Vertrauen in John Kelly.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.