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Verhältnis zu Amerika : Eine mittlere Katastrophe

Sorgte mit ihrer Rede in Harvard für Begeisterung: Kanzlerin Angela Merkel. Bild: AP

Es mag schmeichelhaft sein, wenn Merkel in Harvard als „Kanzlerin der freien Welt“ begrüßt wird. Aber man kann sich wenig dafür kaufen, wenn angesichts von Trumps Rache- und Vergeltungsgelüsten andere Qualitäten gefragt sind.

          Es ist weniger Routine denn je, festzuhalten, dass Deutschland und die Vereinigten Staaten enge Partner sind; dass diese Partnerschaft unverzichtbar ist, nicht zuletzt in puncto Sicherheit. Doch stimmt eben auch, dass dieses Verhältnis eine Entwicklung genommen hat, die einen nicht ungerührt lassen kann und Zweifel nährt, ob das Fundament den Belastungen auf Dauer standhalten wird.

          Immer länger wird die Liste der Streitpunkte; sie reicht von deutschen Verteidigungsausgaben bis zur amerikanischen Iran- und Handelspolitik. Es gibt Konflikte mit langer Vorgeschichte, andere sind vergleichsweise neu. Aber kein Zweifel: Seit Donald Trump Präsident ist, der gerne Attacken gegen Verbündete und am allerliebsten gegen Berlin reitet, hat sich viel Zwietracht und Gegensätzliches angesammelt.

          Eine mittlere Katastrophe für Deutschland

          Es geht um einzelne Politikfelder, es geht aber auch um Grundsätzliches: um Ordnungsprinzipien der Weltpolitik. Dass Deutschland und Amerika hier auseinandertreiben, ist das wirklich Besorgniserregende, vor allem für uns.

          Diese Gegensätze hat die Kanzlerin jetzt an der Harvard-Universität vor einem großen Publikum offen benannt: hier Multilateralismus, da Unilateralismus, hier Freihandel, da Protektionismus, hier Offenheit, da die Errichtung von Mauern. Und so weiter. Amerikas Abwendung von den liberalen Ordnungsprinzipien, deren Hüter die Vereinigten Staaten jahrzehntelang waren – was, anders als Trump behauptet, auch ihren Interessen diente –, ist für die Mittelmacht Deutschland eine mittlere Katastrophe.

          Der Westen verliert seinen Anker, die Weltwirtschaft, in die Deutschland so integriert ist wie wenige andere Länder, wird durchgeschüttelt von Trumps sprunghafter Politik, von seinen Rache- und Vergeltungsgelüsten. Nicht alles, was er vorbringt, ist unberechtigt, aber seine Methoden wirken wie Säure auf Beziehungen. Die angekündigten Zölle auf Importe aus Mexiko zeigen, was diesem Präsidenten das kürzlich geschlossene Handelsabkommen wert ist.

          Dennoch darf man nicht selbst auf „Anti“ machen, auf Anti-Amerika. Nach wie vor muss man für dieses Verhältnis werben, nach Gemeinsamkeiten suchen, den Enttäuschungen trotzen. Und so schmeichelhaft es vielleicht ist, wenn Angela Merkel in Harvard als „Kanzlerin der freien Welt“ begrüßt wird, so wenig kann man sich dafür kaufen, wenn angesichts der Unordnung in der Welt Treue zu den westlichen Werten und machtpolitische Robustheit gefragt sind.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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