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López Obrador in Washington : Trumps linker Bruder im Geiste

Zu Besuch bei Donald Trump im Weißen Haus: der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador (rechts) Bild: AP

Der Gastgeber mag es pompös, der Gast aus Mexiko kommt bescheiden im Linienflugzeug. Doch ansonsten scheint zwischen Donald Trump und Andrés Manuel López Obrador keine Mauer zu passen.

          3 Min.

          Nach anderthalb Jahren im Amt hat Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador zum ersten Mal sein Land verlassen. Ausgerechnet nach Washington führt ihn die Reise, die er als „einfacher Mann“ übrigens per Linienflug absolvierte. Kritisiert wird López Obrador für den Besuch beim amerikanischen Präsidenten schon lange. Der Zeitpunkt sei nicht opportun, sagten die einen. Trump werde ihn an der Nase herumführen, warnten die anderen. Tatsächlich war und ist Washington für einen mexikanischen Präsidenten ein Minenfeld. Die Beziehungen sind aufgeladen: Migration, Drogen, Korruption, Rassismus – es gibt viel Konfliktstoff.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Doch die beiden Protagonisten dürften sich harmonisch geben. Offiziell geht es um ein Thema, von dem sich Trump wie López Obrador ein positives Echo in der Presse und in der Wirtschaft versprechen: das Inkrafttreten des neuen nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA.

          Dass der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau bei dem Treffen nicht anwesend sein wird, um den Nafta-Nachfolgevertrag zu feiern, scheint weder Trump noch López Obrador zu bekümmern. Beide verkaufen das Abkommen als großen Erfolg. Und den haben die beiden Präsidenten angesichts der in ihren beiden Ländern verheerenden Corona-Krise dringend nötig. Eine willkommene Abwechslung also.

          Mexiko braucht das Abkommen

          Tatsächlich kann das neue Abkommen beiderseits des Río Bravo als ein Meilenstein angesehen werden. Für Trump ist es eins der wenigen Verhandlungsergebnisse, das er überhaupt vorzuweisen hat. Für López Obrador ist das Abkommen essentiell. Mexikos Wirtschaft hängt von den Vereinigten Staaten ab, wo achtzig Prozent der mexikanischen Exporte hinfließen. Die mexikanische Wirtschaftsleistung wird laut Prognosen des Internationalen Währungsfonds in diesem Jahr um mehr als zehn Prozent zurückgehen. López Obrador braucht das Abkommen, um das Vertrauen der Investoren nicht zu verlieren.

          Immerhin am Notausgang: López Obrador flog Linie nach Washington – sogar mit Maske.

          Ob Trump auch López Obrador braucht, und zu welchem Zweck, ist eine andere Frage. Beobachter vermuten hinter dem Schmusekurs wahltaktische Überlegungen. Trump könnte hoffen, wenigstens einige Latinos in den Vereinigten Staaten für sich einnehmen zu können. Zugleich mag er beweisen wollen, dass das Verhältnis zum Nachbarn keineswegs so gelitten habe, wie viele Gegner es vorhersahen, als Trump versprach, eine zehn Meter hohe Grenzmauer zu  bauen.

          Dieses Wahlversprechen hat Trump bis heute nicht ansatzweise erfüllt. Schon gar nicht hat Mexiko eingewilligt, eine solche Mauer zu bezahlen, wie Trump das wieder und wieder versprochen hatte. Doch dem amerikanischen Präsidenten ist es dennoch gelungen, die Migranten aus Zentralamerika aufzuhalten – dank López Obrador. Wegen Trumps Drohung, Mexiko Strafzölle aufzuerlegen, hat sich López Obrador zu einem härteren Vorgehen gegen die Migranten an Mexikos Südgrenze verpflichten lassen. Zudem beherbergt Mexiko Asylsuchende, die in die Vereinigten Staaten wollen, auf seiner Seite der Grenze. Wenn man so will, zahlt Mexiko also indirekt doch für Trumps „Mauer“, selbst wenn diese gar nicht steht.

          Für Biden hat López Obrador keine Zeit

          Vielen Mexikanern gefällt diese Unterwürfigkeit und Schützenhilfe von López Obrador zugunsten von Trump nicht. Deshalb wird die Reise in Mexiko auch scharf kritisiert: Indem er Trump diesen Gefallen tue, helfe er ihm im Wahlkampf, was im Falle einer Wahlniederlage von Trump und eines Sieges von Joe Biden die Beziehungen zu einer künftigen Biden-Regierung verschlechtern könnte. Ein Treffen mit Biden hat López Obrador übrigens ausgeschlossen. Der frühere mexikanische Botschafter in Washington, Arturo Sarukhan, schrieb auf Twitter, dass López Obrador sich zur Theaterrequisite für den Wahlkampf von Trump mache. Das sei ein kolossaler politischer Fehler. Seine aggressive Rhetorik gegen Mexiko hat Trump seit dem Amtsantritt von López Obrador allerdings gemäßigt. Es scheint, als gäbe es eine tiefere Verbrüderung zwischen den beiden.

          In der Tat sind sie sich in vielem sehr ähnlich. Politisch kommen der linke López Obrador und der rechte Trump zwar von entgegengesetzten Polen. Doch beide sind durch ihre Auflehnung gegen das politische Establishment an die Macht gekommen. Beide verachten die Bürokratie und die staatlichen Institutionen, beide streben nach der Dominanz der Exekutive über die anderen Gewalten.

          Beide stehen für Nationalismus, besonders wenn es um die Wirtschaft geht. Und beide leben von der Polarisierung und vom Populismus. In einem Gastbeitrag für die „New York Times“ bezeichnete der mexikanische Historiker und Publizist Enrique Krauze Trump und López Obrador als Brüder im Geiste.

          Seit einigen Monaten verbindet eine weitere Gemeinsamkeit die beiden Präsidenten: ihre Überforderung im Angesicht der Corona-Krise. Wie Trump hatte López Obrador die Pandemie zu Beginn nicht ernst genommen und heruntergespielt. Er zeigte sich fast nie mit einer Maske, umarmte bei öffentlichen Auftritten die Leute und stellte der Presse sein Amulett vor, das ihn vor dem Virus beschützen werde.

          Mexiko ist im Schatten der Vereinigten Staaten und Brasiliens zu einem der am stärksten betroffenen Länder geworden. Mehr als 32.000 Tote zählt das Land infolge einer Infektion mit dem Coronavirus – Platz fünf weltweit. Die Zahl der Infizierten wird mit 270.000 bei stark steigender Tendenz vermutlich viel zu niedrig angegeben, denn kaum ein Land führt weniger Tests durch als Mexiko. Vor diesem Hintergrund kommt es López Obrador gelegen, mit Trump in Washington ein neues Freihandelsabkommen feiern zu können.

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