https://www.faz.net/-gpf-9jt7c

Debatte über Identitätspolitik : Warum Amerika über ein Lieblingsschimpfwort der Rechten streitet

  • -Aktualisiert am

Die heutigen Rechten bedienten sich teilweise der Sprache und der Methoden der linken Bewegungen, indem sie etwa Weiße als „Opfer“ titulierten. Die Einheit der westlichen Demokratien sei gefährdet, weil alle diese unterschiedlichen „Identitäten“ nun nur noch ihren Partikularinteressen frönten. Die „Spaltung in immer engere Identitäten“ werde letztlich zu einem „Zusammenbruch der Staaten und letztlich zu deren Scheitern“ führen. Fukuyama setzt also rechte und linke Bewegungen bis zu einem gewissen Grad gleich.

In einer Antwort auf Stacey Abrams stellte der Politikwissenschaftler unterdessen klar, dass er nicht bestreite, dass die Identitätspolitik oft genug auf realen Ungleichheiten basiere, die bekämpft werden müssten. Doch die Menschen müssten wieder lernen, ihre kleinräumigeren Identitätskonzepte mit den Fragen eines großen Ganzen zu verbinden.

Weiße Männer definierten das „große Ganze“

Fukuyama behauptet damit indessen eine relativ friedliche Einheit der Gesellschaft, die es in einem nicht so genau bestimmten „Davor“ der Geschichte gegeben habe. Dabei hat die Identitätspolitik der Weißen und ihrer verschiedenen Einwanderergruppen die längste Tradition in den Vereinigten Staaten. Das „große Ganze“ wurde lange vor allem von ihnen definiert. Weiße Männer wollten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihren Besitz und die als Teil davon wahrgenommenen weißen Frauen vor den Schwarzen „schützen“ und erfanden dafür alle möglichen rechtlichen und sonstigen Winkelzüge, wenn sie nicht einfach auf Gewalt zurückgriffen.

Und auch weiße Feministinnen schlossen im 19. und frühen 20. Jahrhundert schwarze Frauen vom Kampf ums Wahlrecht aus. Die Forderungen nach einem sogenannten intersektionellen Feminismus, der die Erfahrung von Rassismus mitdenkt, kommen daher, dass weiße Frauen nicht immer die besten Bündnispartnerinnen im Kampf für Gleichheit sind – die Stimmenanteile von Donald Trump und dem offen rassistischen Senatskandidaten Roy Moore in Alabama unter weißen Frauen gaben ihnen abermals Recht.

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sieht weitreichende Folgen der Identitätspolitik.

Und die vielgeschmähten gender-neutralen Toiletten? Sie sind selbst für Transgender-Aktivisten nicht ihr einziges oder wichtigstes politisches Ziel, auch wenn ihnen Kritiker der Identitätspolitik das gern spöttisch unterstellen. Doch in einem Land, in dem das Betreten eines Schwimmbades, eines Strandes oder eben einer Toilette durch Schwarze im 20. Jahrhundert noch zu Massenhysterien und Gewalteruptionen führen konnte, lässt es sich eher verstehen, dass solche Orte politisch umkämpfte Räume sein können. Anhand ihrer Zugänglichkeit wurde die Herrschaft des weißen Mannes schon oft genug symbolisch verhandelt. Und dass das Thema bei manchen Kritikern derart leidenschaftliche Reaktionen hervorruft, ist ein Beleg für die Relevanz solcher Konflikte.

Die größte Schwäche der Identitätspolitik-Debatte bleibt die Tatsache, dass sie Weiße und vor allem weiße heterosexuelle Männer als Standard setzt, von dem all die „Identitätsgruppen“ irgendwie abweichen, indem sie ihre eigenen Erfahrungen und Forderungen artikulieren. Das amerikanische Demokratie-Experiment, mit seiner freiheitsfördernden Dynamik auf der einen und seinem antiquierten Wahlsystem auf der anderen Seite, ist in den Augen jener Gruppen, denen Identitätspolitik vorgehalten wird, schlicht unvollendet.

Weitere Themen

G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete Video-Seite öffnen

Noch keine konkreten Maßnahmen : G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete

Ungeachtet anhaltender Spannungen in wichtigen politischen Fragen haben sich die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Biarritz auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Feuer im Amazonasgebiet. Die sieben westlichen Industriestaaten seien überein gekommen, den betroffenen Staaten „so schnell wie möglich“ Unterstützung zukommen zu lassen, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Topmeldungen

Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.