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Debatte über Identitätspolitik : Warum Amerika über ein Lieblingsschimpfwort der Rechten streitet

  • -Aktualisiert am

Fukuyama sieht, ähnlich wie Lilla, die Demokraten vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie konzentrierten sich auf „die Mobilisierung der Identitätsgruppen, aus denen sich heute ihre leidenschaftlichsten Aktivisten rekrutieren: Afroamerikaner, Latinos, berufstätige Frauen, die LGBT-Community und so weiter“, oder sie könnten die weißen Arbeiter zurückgewinnen, die ihre eigentliche Basis bildeten.

Fukuyama selbst gesteht ein, dass es unter Arbeitern nicht einfach sei, Solidarität herzustellen, weil „Mitglieder der Arbeiterklasse, die selbst zu einer Identitätsgruppe höheren Status (wie Weiße in den Vereinigten Staaten) gehören, sich schwer damit tun, sich mit denen unter ihnen zu verbünden und umgekehrt“. Hier scheint der Politikwissenschaftler zumindest anzuerkennen, dass es sich auch bei den Weißen am Ende um eine „Identitätsgruppe“ handeln könnte, wenn man diesen unscharfen Begriff für alle anderen Gruppen schon benutzt. In einem Punkt unterscheidet sich Fukuyama auch von Lilla: Er findet, dass zumindest Donald Trump und seine Anhänger „Identitätspolitik auf Steroiden“ machten.

„Ein falsches Bild von Einheitlichkeit“

Den vermeintlichen Gegensatz zwischen dem Kampf für gleiche Chancen und einer Politik für Arbeiter weist Abrams zurück. Es handele sich dabei um eine Scheinalternative. Schließlich wollten diskriminierte Gruppen und Arbeiter sozialpolitisch häufig das Gleiche. Abrams kann dafür auf ihre eigene Wahlkampagne in Georgia verweisen, die erfolgreicher war als die jedes Demokraten vor ihr in dem Bundesstaat.

Menschen hätten ihr nicht die Stimme gegeben, weil sie schwarz sei, sondern weil sie versucht habe, eine Koalition zwischen Nicht-Weißen, weißen Wählern in Vorstädten und jungen Menschen zu schmieden, so Abrams. Dabei müsse man die Besonderheiten einzelner Gruppen anerkennen, statt „ein falsches Bild von Einheitlichkeit“ herzustellen. „Die Wahrheit ist, dass Menschen, die ihre eigenen Anliegen nicht in einer Kampagne wiederfinden, gar nicht erst zur Wahl gehen“, schreibt Abrams.

Die Auseinandersetzung erinnert manch einen zu Recht an den alten marxistischen Streit über Haupt- und Nebenwidersprüche. Orthodoxe Marxisten glaubten stets, dass sich vermeintliche „Nebenwidersprüche“ wie der zwischen den Geschlechtern durch die Lösung des Hauptwiderspruches zwischen Kapital und Arbeit in Wohlgefallen auflösen werde.

Die feministische Bewegung, der Kampf gegen Rassismus oder auch die Theorie sozialer Milieus von Soziologen wie Pierre Bourdieu hatten diese Theorie eigentlich schon einmal erheblich erweitert. Die Identitätspolitik-Debatte fällt dahinter zurück, indem sie wieder behauptet, es gebe zwischen Menschen eigentlich nur ein einziges Macht-Problem, um das sich Linke zu kümmern hätten: das der Besitzverteilung.

Die Demokratin Stacey Abrams glaubt, dass marginalisierte Gruppen die Demokratie stärken werden.

Dass in Amerika schwarze Frauen eine dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit haben, bei der Geburt eines Kindes zu sterben wie weiße Frauen, dass nicht-weiße Jugendliche besonders oft Gewalt von Polizisten ausgesetzt sind, oder dass Transgender besonders gefährdet sind, Opfer einer Gewalttat zu werden – das alles ließe sich indessen schlechter beschreiben oder politisch bekämpfen, wenn diese Gruppen kein differenziertes Bewusstsein für ihre historische Situation oder „Identität“ hätten.

„Die Marginalisierten haben Identitätspolitik nicht erfunden. Ihre Identitäten wurden ihnen von den dominanten Gruppen aufgezwungen, und Politik ist die effektivste Methode der Revolte dagegen“, schreibt Abrams in „Foreign Affairs“.

Fukuyama, der in vielem die Politik der Demokraten unterstützt, fordert nun eine stärkere „nationale Identität“ für Amerika, die die Menschen einen statt spalten müsse. Denn in seinen Überlegungen geht es noch um etwas anderes als um die Linke: Fukuyama hält auch den Aufstieg von Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus für eine Folge von Identitätspolitik.

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