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Amerika wählt : Immer wieder dienstags

An der Wahlurne ist Handyverbot - auch beim „Early Voting“. Bild: Reuters

Amerikaner wählen ihre Regierung nicht am Wochenende. Diese Tradition reicht bis in eine Zeit zurück, als Frauen noch nicht zur Wahl gehen durften.

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          Deutsche sind daran gewöhnt, an Sonntagen zur Wahl zu gehen. Amerikaner küren ihre Präsidenten dagegen immer an einem Dienstag, und zwar an demjenigen Dienstag, der in den Zeitraum zwischen dem 2. und dem 8. November fällt. Das ist eine alte Tradition, die auf ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz aus dem Jahr 1845 zurückgeht, also eine Zeit, in der weder Frauen noch Schwarze in dem Land wählen durften.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Was viele Berufstätige heute als sehr unpraktisch empfinden, wurde damals für die zweckmäßigste Lösung gehalten. Die genauen Gründe für dieses Wahldatum sind in Amerika selbst manchen prominenten Politikern nicht bekannt. Ehemalige Präsidentschaftsaspiranten wie John Kerry oder Newt Gingrich wurden einmal vor laufender Kamera danach gefragt und mussten passen.

          Warum in den Vereinigten Staaten an diesem speziellen November-Dienstag gewählt wird, lässt sich im Kern so zusammenfassen: Amerika war zum Zeitpunkt des bis heute gültigen Wahlgesetzes von der Landwirtschaft geprägt, der Kongress wollte auf religiöse Befindlichkeiten Rücksicht nehmen, und es gab noch keine Autos.

          Relikt aus der Vergangenheit

          Viele Amerikaner waren damals Bauern und hatten einen weiten Weg zum nächsten Wahllokal, den sie mit der Pferdekutsche zurücklegen mussten. Deshalb kam zum Beispiel Montag nicht in Frage, denn dann hätte die Anreise oft schon am Sonntag beginnen müssen, der für den Kirchgang reserviert war. Mittwoch war in vielen Gegenden Markttag und fiel deshalb ebenfalls aus. Also einigte man sich auf den Dienstag.

          Der November wurde als günstig erachtet, weil Bauern bis dahin die Herbsternte hinter sich gebracht hatten und das Wetter üblicherweise noch mild genug für eine etwaige lange Anreise war. Es sollte aber auch vermieden werden, dass die Wahl am 1. November stattfindet, einerseits weil Allerheiligen auf diesen Tag fällt, andererseits, weil viele Kaufleute den Monatsersten zur Buchführung über den abgelaufenen Monat nutzten. Aus all diesen Gründen ergab sich die offizielle Regel: Gewählt wird am Dienstag nach dem ersten Montag im November.

          Die damaligen Überlegungen haben freilich mit der gegenwärtigen Realität kaum noch etwas zu tun, und dennoch bleibt das alte Wahlgesetz bis zum heutigen Tag gültig. Dass die Wahl auf einen gewöhnlichen Arbeitstag fällt, gilt als ein möglicher Grund dafür, warum die Wahlbeteiligung in den Vereinigten Staaten im internationalen Vergleich so niedrig ist. In der jüngeren Vergangenheit lag sie bei Präsidentschaftswahlen jeweils zwischen 50 und 60 Prozent. Bei den Bundestagswahlen in Deutschland waren es bislang immer mehr als 70 Prozent.

          Auch „Early Voting“ kann umständlich werden

          Es gibt durchaus Bemühungen, den auf veralteten Überlegungen basierenden Wahltermin zu ändern. Dieses Anliegen verfolgt zum Beispiel eine 2005 ins Leben gerufene Initiative namens „Why Tuesday?“. Auch der amerikanische Präsident Barack Obama hat schon oft beklagt, wie schwer es Amerika seinen Bürgern macht, ihre Stimmen abzugeben, und Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hat sich dafür ausgesprochen, Wahlen nicht mehr an Werktagen zu halten.

          Öffnen

          Bernie Sanders, der Clinton im Rennen um die Kandidatur der Demokratischen Partei unterlag, hat vorgeschlagen, den Wahltag zum Nationalfeiertag zu erklären. Im Jahr 2012 wurde ein Gesetzentwurf mit dem Namen „Weekend Voting Act“ vorgelegt, der vorsah, die Wahlen auf den Samstag und Sonntag nach dem ersten Freitag im November zu verlegen. Das Gesetz nahm aber bislang nicht die notwendigen Hürden im Kongress, und so besteht die Tradition noch immer weiter.

          Nicht überall in Amerika muss freilich unbedingt exakt am Wahltag die Stimme abgegeben werden. Insgesamt 34 der 50 Bundesstaaten erlauben „Early Voting“, also eine Stimmabgabe in den Tagen und Wochen vor dem eigentlichen Wahltermin, ohne dass dafür ein triftiger Grund angegeben werden muss. In weiteren sechs Bundesstaaten ist vorgezogene Wahl mit Begründung möglich.

          In drei Bundesstaaten gibt es Briefwahlen. Sieben Bundesstaaten beharren dagegen auf dem persönlichen Urnengang am Wahltag, darunter auch umkämpfte Regionen wie Pennsylvania und New Hampshire. Und selbst wenn „Early Voting“ erlaubt ist, ist es nicht immer eine große Erleichterung. Denn in manchen Gegenden ist auch die vorgezogene Wahl nicht an Wochenenden möglich.

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