https://www.faz.net/-gpf-8n96e

Falsche Wahlprognosen : Gefühl der Präzision

  • -Aktualisiert am

Die Schlacht ist geschlagen – Trump hat gewonnen. Bild: AFP

Die allermeisten Demoskopen haben Trumps Sieg nicht kommen sehen. Jetzt schlägt ihnen Häme entgegen. Ist die Kritik berechtigt?

          Noch kurz vor der Wahl standen die Zeichen für Hillary Clinton auf Sieg: Das Prognosemodell der „New York Times“ bezifferte ihre Siegchancen auf 84 Prozent, die „Huffington Post“ sogar auf 98 Prozent. Das „Princeton Election Consortium“ war sich seiner Sache am allersichersten: Clinton werde mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent gewinnen – alles andere wäre eine „gigantische Überraschung“. Lediglich das Blog „FiveThirtyEight“ von Nate Silver, der durch seine Vorhersagen in der Vergangenheit als Guru der amerikanischen Prognose-Szene gilt, äußerte sich zurückhaltender: Sein Modell sah Clintons Siegchance bei 67 Prozent.

          Selbst bei „Fox News“ hatte man sich zu Beginn des Wahlabends schon mit Clinton abgefunden. Dann begann der Wind zu drehen, Clintons Siegchancen rauschten in den Abgrund, und die Berichterstatter waren überrumpelt. Nicht wenige projizieren ihre Enttäuschung nun auf die Meinungsforschung. So zum Beispiel Filmemacher Michael Moore, der auf Facebook forderte: „Feuert die Demoskopen, Experten und Vorhersager und alle anderen Medienleute, die nicht von ihrem Narrativ abweichen wollten.“

          Nur 11 von 96 Umfragen sahen Trump vorn

          Ist die Kritik berechtigt? Zuerst einmal muss man zwischen den genannten Vorhersagemodellen und den Umfragen unterscheiden, auf denen sich erstere stützen. Der Charme der Modelle besteht darin, eine komplizierte Situation auf einen Wert zu reduzieren. Das tun sie, grob gesagt, indem sie eine Vielzahl glaubwürdiger Umfragen aggregieren und dabei deren Präzision in der Vergangenheit berücksichtigen. Die resultierende Prozentzahl versteht jeder, und sie lässt sich gut darstellen. Das Model der „New York Times“ hatte deshalb über weite Strecken des Wahlkampfes seinen Platz auf der Homepage sicher.

          Aber die Qualität der Prognosen beruht auf der Qualität der Meinungsumfragen. Und die haben bei dieser Wahl versagt. Vor allem auf nationaler Ebene lag die Demoskopie überwiegend falsch: In einer Auflistung der Website „RealClearPolitics“ zählt man etwa 96 Umfragen seit Anfang September – nur elf davon sahen Trump vorn. Nun ist aufgrund des amerikanischen Wahlsystems nicht die landesweite Stimmenmehrheit entscheidend: Nach derzeitigem Stand hat Clinton knapp mehr Wählerstimmen auf sich vereinigt als Trump. Aber das ist ein schwacher Trost, denn die Mehrheiten in den einzelnen Staaten entscheiden. Auch dort haben die Umfragen nicht gehalten, was sie versprachen. Zum Beispiel in Florida, einem der wichtigsten Swing States: Von 43 Umfragen seit September prognostizierten lediglich zehn einen Trump-Sieg. Am Dienstagabend wusste man es besser.

          Wie konnten die Umfrageinstitute so falsch liegen? Immerhin gab es eine Ausnahme: Die im Auftrag der „LA Times“ durchgeführten Umfragen sahen Trump in den letzten Monaten durchgehend vorne - und wurden dafür oft kritisiert. In einer Analyse nach der Wahl vermies die Zeitung unter anderem darauf, dass die genutzte Online-Methode die Präferenz der Trump-Unterstützer besser erfassen könne. Neben der Präsidentenfrage wollten die Demoskopen im Auftrag der „LA Times“ nämlich auch wissen: Fühlen Sie sich wohl dabei, über ihre Präferenz zu sprechen? Trump-Wähler zögerten öfter, einem Telefon-Befrager ihre Absichten zu erklären. Ein Effekt, den die Soziologen als Schweigespirale bezeichnen: Wenn man die eigene Meinung in der Minderheit wähnt, bleibt man lieber still.

          Lässt sich der Unterschied der Prognosekraft also allein auf den Unterschied zwischen Online- und Telefonbefragung zurückführen? Meinungsforscher David Traugott von der University of Michigan äußerte sich in der Zeitung „USA Today“ skeptisch. Auch liefen nicht nur die Umfragen der „LA Times“ über das Internet. Das „FiveThirtyEight“-Modell von Nate Silver zum Beispiel stützte sich auf eine Vielzahl von Umfragen, von denen die Mehrheit telefonisch, andere aber online durchgeführt wurden.

          „Du mit Deiner Statistik!“

          Eine andere Erklärung für die ungenauen Umfragen äußerten mehrere Forscher dem Fachmagazin „Nature“: Die Befragten waren möglicherweise nicht repräsentativ für den Teil der Bevölkerung, der letztendlich zu den Urnen ging. Wenn aber mehr Republikaner sich zum Wahlgang aufraffen, als in den Umfragen vertreten sind, wirbelt das deren Ergebnisse durcheinander. Das ist ein Grundproblem der Umfrageindustrie: einzuschätzen, ob bestimmte Gruppen wählen gehen werden oder nicht. Gleichzeitig wird dieser Teil des Verfahrens von den kommerziell arbeitenden Instituten unter Verschluss gehalten. Es ist also nicht einfach nachzuvollziehen, wie ihre Stichproben zusammengesetzt sind. Offensichtlich haben die meisten Demoskopen aber die Anzahl der weißen Wähler unter- und die der Schwarzen und Latinos überschätzt. Nachwahlbefragungen legten nahe, dass besonders im mittleren Westen mehr Weiße an die Urnen gingen als etwa 2012.

          Die Prognostiker sind also schlechten Umfragen aufgesessen. Auch darüber hinaus gibt es Gründe, ihre Modelle mit Vorsicht zu genießen. Denn sie suggerieren ein Gefühl von Präzision, dass nicht unbedingt hilfreich ist bei einem einmaligen Ereignis, das nur zwei mögliche Ausgänge kennt. Im Roman „Homo Faber“ von Max Frisch referiert der Protagonist gegenüber der Mutter seiner Tochter, wie unwahrscheinlich es sei, dass diese an einem Schlangenbiss sterben wird. Ihre Antwort: „Du mit deiner Statistik! ... Wenn ich hundert Töchter hätte, alle von einer Viper gebissen, dann ja! Dann würde ich nur drei bis zehn Töchter verlieren. Erstaunlich wenig!“ So ähnlich ist es bei einer Wahl auch: Wenn Clinton mit 84 Prozent Wahrscheinlichkeit gewinnen soll, sollte man das so lesen: Unter hundert Wahlen mit genau den gleichen Umständen, würden 84 für Clinton ausgehen. Nun haben wir wohl einen der anderen 16 Fälle erlebt.

          Rasmus Kleis Nielsen, Forschungsdirektor am „Reuters Institute for the Study of Journalism“ in Oxford, plädiert auch deswegen dafür, dass die Zunft sich wieder freier machen solle von ihrer Datenobsession. „So mächtig quantitative Analyse und Umfrageforschung sein kann, werde ich das Gefühl nicht los, dass viele von uns Sozialwissenschaftlern aus den Augen verloren haben, was Politik für die meisten Menschen bedeutet.“  Den Demoskopen fehle oft das Verständnis dafür, wie Menschen die Politik und die Welt um sie herum interpretieren. „Big Data“ werde das nicht ändern, sondern nur ein qualitativeres Verständnis der Wählerschaft. „Wie John Le Carré bemerkt hat: Ein Schreibtisch ist ein gefährlicher Ort, um die Welt zu betrachten.“

          Weitere Themen

          Der Krieg, in den Trump nicht ziehen will

          Attacken auf Ölanlagen : Der Krieg, in den Trump nicht ziehen will

          Der amerikanische Präsident bleibt nach den Attacken auf saudische Erdölanlagen zögerlich. Einen Schlag gegen Iran scheut Trump – und überlässt die Entscheidung über das weitere Vorgehen Riad.

          Klimawandel und Professionalisierung

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

          Topmeldungen

          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.